Zurück in die Zukunft (Teil 2) – 200 Jahre Kampf um die Arbeitszeit

Illustration (C) Natalia Nowakowska
Seit rund 200 Jahren kämpfen die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften für kürzere, humanere Arbeitszeiten.

Es ist ein Kampf um die Gesundheit der Beschäftigten, gegen Hunger und Elend, für eine sinnvolle Verteilung der Arbeit und für ein menschenwürdiges (Über-)Leben. Jedoch wurden sie von Anfang an mit den immer gleichen falschen Argumenten dafür, warum ihre Forderungen nicht umsetzbar seien, konfrontiert.

Die Entgegnungen der Fabrikanten, Unternehmen und ihrer Vertretung sind nicht nur seit 200 Jahren ident – ja sogar wortgleich –, sie erweisen sich auch seit 200 Jahren als haltlos und falsch! Es folgt eine Erzählung über den nicht enden wollenden Kampf gegen diese falschen Argumente und die Ignoranz der Unternehmen in zwei Teilen.

Die Saat war gesät

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden erstmals Arbeitszeiten von Kindern in Preußen gesetzlich verankert und auf ein Höchstmaß von 10 Stunden pro Tag verkürzt.
Nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals Arbeitszeiten von Kindern in Preußen gesetzlich verankert und auf ein Höchstmaß von 10 Stunden pro Tag verkürzt worden waren, hatten sich alle vermeintlichen Argumente gegen die Regulierung als haltlos erwiesen. Weder nahm der Wirtschaftsstandort Schaden, noch kam es zu einem Verlust oder geschwächten Wachstum von neuen Arbeitsplätzen. Aber die Kinder gewannen an Freiheit und Entwicklungschancen, sie profitierten derart stark von den humaneren Arbeitszeiten, dass es nie wieder zur Debatte stand, ihre Höchstarbeitszeit infrage zu stellen.

Allerdings wurden die gleichen Phrasen gegen regulierte Arbeitszeiten für Erwachsene weiter gedroschen – und das werden sie bis heute. Es waren und sind die gleichen Schutzbehauptungen der Fabriksherren und Unternehmen, die aus purer Gier und Maßlosigkeit die ArbeiterInnen am liebsten bis zu ihrem Tod ausgepresst hätten. Scham- und rücksichtslos, so als ob Menschen wie Maschinen bis zum Verschleiß gebraucht und dann einfach entsorgt werden könnten.

Der Kampf um kürzere Arbeitszeiten nahm in ganz Europa weiter an Fahrt auf, die ArbeiterInnen ließen sich von den falschen Argumenten der herrschenden Klasse nicht mehr ruhigstellen.

So führte beispielsweise rund 40 Jahre später der Reichskanzler Otto von Bismarck am 15. Januar 1885 zu einer potenziellen Arbeitszeitverkürzung für alle ArbeiterInnen im Reichstag aus: „Wer empfindet nicht das Bedürfnis zu helfen, wenn er den Arbeiter gegen den Schluß des Arbeitstages müde und ruhebedürftig nach Hause kommen sieht.“ Doch fuhr er fort: „Aber die Spitze unserer Industrie ist die Exportindustrie“, und werde diese „konkurrenzunfähig mit dem Auslande“, so werde „unsere ganze Industrie darunter leiden, die Möglichkeit, die Arbeiter zu beschäftigen, wird sofort erheblich zurückgehen.“

Wer empfindet nicht das Bedürfnis zu helfen, wenn er den Arbeiter gegen den Schluß des Arbeitstages müde und ruhebedürftig nach Hause kommen sieht. Aber die Spitze unserer Industrie ist die Exportindustrie … und wird sie konkurrenzunfähig mit dem Auslande, wird unsere ganze Industrie darunter leiden. Die Möglichkeit, die Arbeiter zu beschäftigen, wird sofort erheblich zurückgehen.

Reichskanzler Otto von Bismarck

An anderer Stelle wies Bismarck darauf hin, es habe seiner „Überzeugung und Erfahrung“ widerstrebt, „in die Unabhängigkeit des Arbeiters, in sein Erwerbsleben und in seine Rechte als Familienhaupt so tief einzugreifen wie durch ein gesetzliches Verbot, seine und der Seinigen Arbeitskräfte nach eigenem Ermessen zu verwerten“. Aber die Saat war gesät, und der Kampf um kürzere Arbeitszeiten nahm in ganz Europa weiter an Fahrt auf, die ArbeiterInnen ließen sich von den falschen Argumenten der herrschenden Klasse nicht mehr ruhigstellen.

Arbeitskampf

Noch im gleichen Jahr trat die erste österreichische Gewerbeordnung in Kraft, in der ebenfalls nur die Arbeitszeit von Kindern reglementiert wurde, das hielt die ArbeiterInnen aber nicht davon ab, weiter zu kämpfen. Sie ließen sich trotz des schier übermächtigen Wiederstands nicht entmutigen und setzten sich weiterhin mit unfassbarem Mut für ihre Rechte ein. Beim Pariser Kongress der Sozialistischen Internationale 1889 riefen sie den 1. Mai zum Feiertag der ArbeiterInnen aus, länderübergreifend wurde seither für die Einführung des 8-Stunden-Tages demonstriert.

Bergbau historisch
BergarbeiterInnen vor dem Salzbergwerk Wolf-Dietrich-Berghaus 1927.
(C) Interfoto / picturedesk.com

Nur der Erste Weltkrieg vollbrachte es, den Einsatz der ArbeiterInnen um Fortschritt kurzzeitig zu unterbrechen, mit seinem Ende wurde er jedoch sofort wieder umso zielstrebiger wiederaufgenommen. Schritt für Schritt, unter Lebenseinsatz und mithilfe von Streiks wurde in den kommenden 30 Jahren in Österreich erst im Bergbau der 10-Stunden-Tag und dann der 11-Stunden-Tag in den Fabriken durchgesetzt.

1918 wurde der allgemeine 8-Stunden-Arbeitstag samt Festsetzung eines Überstundenzuschlags von 50 Prozent bei einer 6-Tage-Woche eingeführt.

Seinen Höhepunkt fand der Kampf der österreichischen ArbeiterInnen im Jännerstreik 1918, der den Beginn der Rätebewegung und die Gründung unserer heutigen Betriebsräte einläutete. In diesem Jahr voller revolutionärer Energie gelang es schließlich, den allgemeinen 8-Stunden-Arbeitstag, samt Festsetzung eines Überstundenzuschlags von 50 Prozent, bei einer 6-Tage-Woche einzuführen. Österreich wurde in der Folge gar zu einem der rühmlichsten Vorreiter in ganz Europa, die ArbeiterInnenbewegung erreichte in einem Jahr viel mehr, als ich an dieser Stelle aufzählen kann. So wurde beispielsweise im darauffolgenden Jahr international erstmalig ein 1 bis 2 Wochen langer bezahlter Jahresurlaub erstritten, je nachdem, wie lange schon im jeweiligen Betrieb gearbeitet wurde.

Ein anderer monumentaler Erfolg war, dass Arbeitslose gesetzlich nicht mehr als selbstverschuldete Versager behandelt, sondern als eine Konsequenz der Wirtschaftsentwicklung erkannt wurden. Zuvor hatte es nur die eigenen Kassen der Gewerkschaften gegeben, nun wurde auch eine gesetzliche Arbeitslosenversicherung eingerichtet. Nach dem jahrzehntelangen Bohren dicker Bretter war es geradezu unglaublich, wie schnell das gesamte Land innerhalb von kürzester Zeit sozialisiert werden konnte. Die Lebensqualität der Menschen erreichte eine ganz neue Dimension, vom Roten Wien bis nach Vorarlberg.

Faschismus

Es war leider nur ein kurzes Aufatmen. In den 1930er-Jahren setzte sich erneut der Konservatismus durch. Der christlich-sozial geführte Austrofaschismus beseitigte das Parlament, die Demokratie, jegliche Opposition und die ArbeiterInnenbewegung. Demonstrationen, Wahlen, Gewerkschaften, Streiks, der Verfassungsgerichtshof und die Sozialdemokratische Partei wurden verboten und ausgesetzt, GewerkschafterInnen und BetriebsrätInnen einfach weggesperrt und die Arbeiterbank enteignet.

Ein Foto der Nazi-Propaganda aus einer (nicht zuordenbaren) deutschen Fabrik, 1944
(C) Berliner Verlag / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Nahezu alle Rechte und Verbesserungen, die zuvor so hart erkämpft worden waren, wurden den Menschen wieder genommen. Im März 1938 war der Weg für das NS-Regime geebnet, die Nazis hatten es leicht und führten dieses grausame Spiel weiter. Sie nahmen den ArbeiterInnen ihre letzte Würde und behandelten sie – wie die meisten Menschen – wie Dreck. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Leben der arbeitenden Bevölkerung und einfachen Menschen wieder die Hölle auf Erden.

Sofort nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Normalarbeitszeit außer Kraft gesetzt. Die tägliche Arbeitszeit bestimmte nun – wie schon im 19. Jahrhundert – der Unternehmer. Um die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft zu mindern, wurde der genehmigungsfreie „Spielraum“ der ArbeitgeberInnen später auf 60 Stunden pro Woche beschränkt. In den Rüstungsbetrieben wurde oft 12 Stunden täglich gearbeitet – ganz abgesehen natürlich von den unglaublichen „Arbeitsbedingungen in den KZs und den Tausenden „FremdarbeiterInnen“, die Löhne wurden abgebaut und Urlaub wieder abgeschafft.

Wiederaufbau

Mühsam musste 1945 nach Kriegsende alles wieder neu aufgebaut werden, was der Faschismus zerstört hatte. Nicht nur das halbe Land lag in Schutt und Asche, sondern auch die Arbeiterkammer und der ÖGB mussten neu gegründet und Gesetze wieder verankert werden. In allen Bereichen des ArbeitnehmerInnenschutzes kam es durch die neu gewonnene Demokratie zu deutlichen Verbesserungen.

Mühsam musste 1945 nach Kriegsende alles wieder neu aufgebaut werden, was der Faschismus zerstört hatte.

Die Arbeitsruhe an Feiertagen, der Jugendschutz, der Schutz der HeimarbeiterInnen und der Mutterschutz wurden neu eingeführt, und zahlreiche andere Schutzmaßnahmen traten in Kraft. Zwischen 1945 und 1975 setzten sich die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie weiter für die Verkürzung der Wochenarbeitszeit ein, und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden 1946 auch erstmals 30 Tage Jahresurlaub nach 25 Dienstjahren errungen. 1959 wurde das Ausmaß der gesetzlichen Wochenarbeitszeit von 48 auf 45 Stunden reduziert und anschließend in den Jahren 1970 bis 1975 schrittweise auf 40 Stunden verringert.

Meilensteine Arbeitszeit
1945 Erneute Einführung des 8-Stunden-Tags
1946 Urlaub 30 Werktage ab einer Dienstzeit von 25 Jahren (Angestellte)
1959 Wochenarbeitszeit von 48 auf 45 Stunden
1965 Erhöhung des Mindesturlaubes von 2 auf 3 Wochen
1970* Wochenarbeitszeit von 45 auf 43 Stunden
1972* Wochenarbeitszeit von 43 auf 42 Stunden
1975* Wochenarbeitszeit von 42 auf 40 Stunden
1977 Erhöhung des Mindesturlaubes von 3 auf 4 Wochen und von 4 auf 5 Wochen bei 20-jähriger Dienstzugehörigkeit
1984 Etappenweise Erhöhung des Urlaubsanspruches von 4 auf 5 bzw. bei 25-jähriger Dienstzugehörigkeit von 5 auf 6 Wochen

Zurück in die Zukunft

Auf gesetzlicher Ebene trat in den 1980er-Jahren Stillstand ein. Obwohl sich in den letzten 35 Jahren unsere Arbeitswelt so stark gewandelt, das Tempo und die Produktivität extrem erhört und die Arbeit sich so verdichtet hat, wurde seit 1984 unsere Arbeitszeit nicht mehr verkürzt. Nur kollektivvertragliche Regelungen haben seither zu einer Reduktion der wöchentlichen Normalarbeitszeit auf rund 38,5 Stunden geführt.

In den Diskussionen schlägt den Gewerkschaften schon wieder das alte Dogma des Manchester-Liberalismus aus dem Jahre 1811 entgegen: „Die Arbeitskraft ist eine Ware, und ihr Preis, ebenso wie die Tageshöchstarbeitszeit, soll durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden.“ Die Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung und ihrer Angehörigen bleiben dabei auf der Strecke. Laut UnternehmensvertreterInnen und ihren Parteien gilt es, zu deregulieren und zu flexibilisieren.

Momentan steht wieder ausschließlich ein Freiheitsgewinn für die Unternehmen im Vordergrund.

Allerdings steht dabei wieder ausschließlich ein Freiheitsgewinn für die Unternehmen im Vordergrund, wie Sebastian Kurz selbst mit Aussagen wie dieser bestätigt hat: „Aus unseren zahlreichen Gesprächen mit Unternehmern wissen wir, dass eine freiere Gestaltung der Arbeitszeit, ein deutlicher Abbau von Informations- und Meldepflichten und ein moderner Arbeitnehmerschutz mit einem Arbeitsinspektorat, das sich als Servicestelle versteht (Beraten statt strafen), zu den zentralen Anliegen zählen, die wir dringend umsetzen müssen.“ Die Beschäftigten haben durch Maßnahmen wie den 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche wieder die Autonomie, über ihre eigene Freizeit bestimmen zu können.

Das Rad dreht sich wieder rückwärts, der Vergangenheit entgegen. Es wird höchste Zeit, das schleunigst wieder zu ändern. In Zeiten einer drohenden Klimakatastrophe, hoher Arbeitslosigkeit, steigender Erkrankungen aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und sozialer Ungleichheit gilt es, wieder in Menschen statt in Profitmaximierung und schamlose Gier zu investieren. Die Mehrheit der Menschen will nämlich weder im Dreck, noch unter Bergen von Arbeit ersticken.

Hier geht’s zu 200 Jahre Kampf um die Arbeitszeit – Teil 1

Über den/die AutorIn

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena ist Autorin des Buches „Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit prekären Arbeitsverhältnissen, Segmentierungsprozessen und Veränderungen in der Arbeitswelt mitsamt ihren Auswirkungen. Sie ist ausgebildete Fotografin und hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien studiert. Seit 2013 arbeitet sie hauptberuflich in der Gewerkschaft GPA-djp in der Interessenvertretung als Expertin für atypische Beschäftigung. Sie war auch die Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum und hat sich als Studentin in der ÖH Bundesvertretung engagiert.