Zurück in die Zukunft (Teil 1) – 200 Jahre Kampf um die Arbeitszeit

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Illustration (C) Natalia Nowakoswka
Seit rund 200 Jahren kämpfen die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften für kürzere, humanere Arbeitszeiten.

Es ist ein Kampf um die Gesundheit der Beschäftigten, gegen Hunger und Elend, für eine sinnvolle Verteilung der Arbeit und für ein menschenwürdiges (Über-)Leben. Jedoch wurden sie von Anfang an mit den immer gleichen falschen Argumenten dafür, warum ihre Forderungen nicht umsetzbar seien, konfrontiert.

Die Entgegnungen der Fabrikanten, Unternehmen und ihrer Vertretung sind nicht nur seit 200 Jahren ident – ja sogar wortgleich –, sie erweisen sich auch seit 200 Jahren als haltlos und falsch! Es folgt eine Erzählung über den nicht enden wollenden Kampf gegen diese falschen Argumente und die Ignoranz der Unternehmen in zwei Teilen.

Arbeitspflicht, Lohnkinder und 18-Stunden-Arbeitstage

Mit den ersten Fabriken wurde vor rund 200 Jahren auch die Lohnarbeit erfunden. Die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsort hatte erstmals zu einer Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und Freizeit geführt. Die Fabriksbetreiber wollten Mensch und Maschinen am liebsten rund um die Uhr und ohne Unterbrechung arbeiten lassen, um den maximalen Profit zu erzielen.

Daher ist seit jeher und bis heute die Dauer der Arbeitszeit und der Kampf um menschenwürdige Löhne der zentrale Interessenkonflikt zwischen Unternehmen und Beschäftigten. Arbeitstage mit einer Dauer von 18 Stunden und mehr haben dazu geführt, dass die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten auch die Gewerkschaftsbewegung entstehen ließ.

Die Fabriksbetreiber wollten Mensch und Maschinen am liebsten rund um die Uhr und ohne Unterbrechung arbeiten lassen, um den maximalen Profit zu erzielen.

Arbeitspflicht für Waisenkinder, trutzige Dienstboten, leichtfertige Weibspersonen und sonstiges schlimmes Gesindel

Als in Österreich in der Mitte des 18. Jahrhunderts die ersten Fabriken entstanden, stieg der Bedarf an ArbeiterInnen innerhalb kürzester Zeit rasant an. Denn alle Menschen, die eine andere Wahl hatte, wollten wegen der schrecklichen Arbeitsbedingungen nicht in ihnen arbeiten. Viktor Adler hat die Lebensbedingungen der FabrikarbeiterInnen auf den Punkt gebracht, als er sagte, dass sie „schlimmer sind als alles, was in der Beziehung möglich gedacht werden kann“, sie waren die „ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint“.

Porträt Viktor Adler
Viktor Adler über die Lebensbedingungen der FabriksarbeiterInnen:
„schlimmer sind als alles, was in der Beziehung möglich gedacht werden kann … sie waren die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint.“
(C) APA Picturedesk

Um die hohe Nachfrage trotzdem zu decken, wurden die Zucht- und Arbeitshäuser an die Fabriken angeschlossen. Die inhaftierten Armen, Menschen mit Behinderung, „trutzige Dienstboten, unbändige Handwerksburschen, leichtfertige Weibspersonen und sonstiges schlimmes Gesindel“ mussten fortan dort schuften. Gleichzeitig wurde „Müßiggang“, Umherziehen und Betteln für Arme verboten und die Arbeitspflicht eingeführt. Allen ArbeiterInnen war gemein, dass sie kontrolliert, gedrillt, beschimpft, geschlagen, schikaniert und ausgebeutet wurden. Wer in den Fabriken schuften musste, war am untersten Ende der gesellschaftlichen Hierarchie beheimatet.

Nachdem um 1800 ungefähr 10 bis 12 Stunden pro Tag und etwa 60 bis 72 Stunden pro Woche gearbeitet wurde, waren es um 1820 etwa 11 bis 14 bzw. 66 bis 80 Stunden und um 1830 bis 1860 dann 14 bis 16 bzw. 80 bis 85 Stunden.

1800

Tägliche Arbeitszeit

10-12 Stunden

Wöchentliche Arbeitszeit

60-72 Stunden

1820

Tägliche Arbeitszeit

11-14 Stunden

Wöchentliche Arbeitszeit

66-80 Stunden

1830

Tägliche Arbeitszeit

14-16 Stunden

Wöchentliche Arbeitszeit

80-85 Stunden

Selbst in den wenigen Stunden, in denen nicht gearbeitet werden musste, gab es kein Entkommen aus der Fabrikshölle, da die ArbeiterInnen auch am Gelände wohnen mussten. In den einzelnen Räumen der Arbeitshäuser waren bis zu zehn Familien untergebracht, es war so unfassbar eng, dass alle, egal ob verwandt oder nicht, dicht aneinandergedrängt schlafen mussten. Fließendes Wasser und Waschmöglichkeiten gab es nicht, die hygienischen Zustände waren so ein Desaster, dass Seuchen und Krankheiten wüteten.

In den Schlafsälen für die Junggesellen mussten bis zu 70 Personen in einem Raum auf Holzpritschen aneinandergeschlichtet schlafen. Bezahlt wurden sie nicht einmal mit echtem Geld, sondern nur mit Blechkupons, die nur von den Kantinenwirten der Werke angenommen wurden. Das Essen war schlecht und stark überteuert, Adler schilderte dazu: „Im Gefühl seiner Macht sagte ein Wirt einem Arbeiter, der sich beklagte: ,Und wenn ich in die Schüssel sch…, müßt ihr’s auch fressen.‘ Und der Mann hat recht, sie müssen!“

Die Arbeiterinnen mussten zwar genauso hart und lange arbeiten wie die Männer, erhielten für ihre Leistung jedoch nur den halben Lohn.

Ihre Arbeitszeit, die ohnedies schon regulär bis zu 16 Stunden pro Tag ausmachte, wurde von den Fabrikanten nach Gutdünken verlängert, unabhängig davon, ob den ArbeiterInnen dann noch eine Nachtruhe oder auch nur ein einziger freier Tag pro Woche blieb. Die Löhne wurden nur unregelmäßig bezahlt, und als Disziplinierungsmaßnahme konnten sie ebenso beliebig reduziert werden.

Eine Krankenbehandlung gab es genauso wenig wie Krankengeld, und Mütter mussten nur wenige Tage nach ihrer Niederkunft, bei der sie ihre Babys zwischen den Arbeitern in ihren Schuppen gebären mussten, wieder arbeiten. Die Arbeiterinnen hatten es überhaupt besonders schwer, denn sie mussten zwar genauso hart und lange arbeiten wie die Männer, erhielten für ihre Leistung jedoch nur den halben Lohn. Kinder wurden wiederum um die Hälfte schlechter bezahlt als Frauen.

„Lohnkinder“ als Wirtschaftsfaktor

Die Anzahl der sogenannten „Lohnkinder“ in den Fabriken war beträchtlich, Kinderarbeit war auch in Österreich keine Ausnahme, sondern die Regel. In den 1840er-Jahren übertraf in einigen niederösterreichischen Baumwollspinnereien die Zahl der Kinder jene der erwachsenen ArbeiterInnen. Zudem wurden auch die Waisenhäuser an die Fabriken angebaut.

Kinder erhalten ihren Lohn in Brickyard’s, England 1871
(C) Science Source / PhotoResearchers / picturedesk.com

Um der in den 1770er-Jahren eingeführten Schulpflicht nicht zu entgehen, mussten Waisenkinder, die älter als sechs Jahre waren, nach 12 bis 13 Stunden Fabriksarbeit noch zwei Stunden in die Fabriksschule. Selbst nachdem einzelne Kreisämter die Fabriksarbeit für Kinder unter 12 Jahren verbieten und die Tageshöchstarbeitszeit auf 13 Stunden begrenzen wollte, mussten sie auf Weisung des Kaiserhofs widerrufen.

Die Anzahl der sogenannten „Lohnkinder“ in den Fabriken war beträchtlich, Kinderarbeit war auch in Österreich keine Ausnahme, sondern die Regel.

Die vom preußischen Unterrichtsminister von Altenstein in den 1820er-Jahren vorbereiteten Kinderschutzmaßnahmen scheiterten am Einspruch des Innenministers: „Von einer direkten Einwirkung der Gesetzgebung zur Begrenzung der Arbeitszeit könne nicht die Rede sein, da dadurch die natürliche Freiheit des Menschen, über seine Zeit und Kräfte auf die ihm vorteilhaftest erscheinende Art zu disponieren, beeinträchtigt würde.“ Überdies würden derartige Maßnahmen „die notwendige Folge haben, die inländischen Fabrikate mehr oder weniger zu verteuern, mithin die jetzt ohnehin schon schwer zu ertragende Konkurrenz des Auslandes, wo ähnliche Maßregeln nicht stattfinden, noch mehr zu begünstigen“.

Zwanzig Jahre später wurde die Arbeitszeit von Kindern in Preußen dann doch zumindest auf maximal 10 Stunden pro Tag reduziert, allerdings nicht aus ethischen Gründen, sondern weil die Jungen durch die schwere Arbeit zunehmend krank und somit untauglich für den Militärdienst wurden.

Die Kinder wurden durch die kürzeren Arbeitszeiten nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt, das Gegenteil war der Fall. Sie gewannen Freiheit, weil sie erstmals Zeit hatten, Kind zu sein, zu spielen und zu lernen, wenn auch nur eine Stunde pro Tag. Die inländischen Produkte wurden auch nicht teurer, die horrenden Gewinne der Fabriksbetreiber sprudelten weiterhin. Aber weniger Kinder verloren ihr Leben schon vor der Geschlechtsreife. Ein erster Hoffnungsschimmer flammte in den ArbeiterInnen auf, denn sie erkannten, dass sich ihre Lage auch verbessern konnte. Ein langer Kampf begann.

Hier geht’s zu 200 Jahre Kampf um die Arbeitszeit – Teil 2 

Über den/die AutorIn

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena ist Autorin des Buches „Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit prekären Arbeitsverhältnissen, Segmentierungsprozessen und Veränderungen in der Arbeitswelt mitsamt ihren Auswirkungen. Sie ist ausgebildete Fotografin und hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien studiert. Seit 2013 arbeitet sie hauptberuflich in der Gewerkschaft GPA-djp in der Interessenvertretung als Expertin für atypische Beschäftigung. Sie war auch die Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum und hat sich als Studentin in der ÖH Bundesvertretung engagiert.