Wiens roter Oktober

Foto (C) Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA)
Im Mai 1848, als sie die Revolution wieder einmal gerettet hatten, versammelten sich die ArbeiterInnen vor dem Stephansdom und proklamierten: „Ihr nennt uns Gesindel, wir nennen uns von jetzt an Bürger.“
ArbeiterInnen kämpften 1848 bis zum Schluss für die demokratische Revolution, aber nur wenige Studenten und Akademiker.

Inhalt

  1. Seite 1 - Rot war das politische Symbol der Oktoberkämpfer
  2. Seite 2 - Das Ideal der politischen und sozialen Gleichberechtigung aller BürgerInnen
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Als die kaiserlichen Truppen im Oktober 1848 vor den Toren Wiens standen, bereit, die demokratische Revolution zu vernichten, gestattete man endlich auch den Arbeitern das Tragen von Waffen. Sie wurden in „Mobilgardecorps“ organisiert und ihre „Uniform“ bestand in irgendeinem roten Kennzeichen.

Später berichtete ein Augenzeuge: „Überhaupt konnte ich bemerken, dass jeder von den Mobilen etwas Rotes zu tragen bereit war; der eine Feder, der andere eine Blume, der dritte ein Band.“ Rot war das politische Symbol der Oktoberkämpfer, und von ihnen übernahmen es zwanzig Jahre später die junge sozialdemokratische ArbeiterInnenbewegung und die ersten gewerkschaftlichen Fachvereine.

ArbeiterInnen ausgeblendet

Ein Aufstand des Bürgertums und besonders der Studenten gegen die Kaiserdiktatur – so lautet das gängige Bild von der Revolution des Jahres 1848. Die Rolle der ArbeiterInnen (ja, viele Frauen beteiligten sich aktiv) wird ausgeblendet. Höchstens als primitive „MaschinenstürmerInnen“ und mörderischer Pöbel, vielleicht noch als Hilfskräfte beim Barrikadenbau finden sie Erwähnung.

Besonders die Burschenschaften pflegen bis in das 21. Jahrhundert die Legende, die Studentenverbindungen von 1848 seien ihre direkten Vorläufer und hätten praktisch allein für das Recht auf Meinungsfreiheit, Demokratie und Deutschtum gekämpft. Das reicht bis zur Namensgebung „Aula“ für eine vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als rechtsextrem eingestufte und inzwischen eingestellte Zeitschrift aus ihrem Umfeld. Es handelt sich um eine Anspielung auf die Aula, also die Eingangshalle der alten Universität, 1848 Organisationszentrum der „Akademischen Legion“.

Mehr Dichtung als Wahrheit

Diese Legende besteht mehr aus Dichtung denn aus Wahrheit. Es stimmt, Burschenschaften zählten mit der Forderung nach einer demokratischen Verfassung, sozialen Verbesserungen und der Einigung Deutschlands zu den fortschrittlichen Kräften in den diktatorischen Monarchien auf dem Gebiet des früheren römisch-deutschen Kaiserreichs.

An dessen Stelle hatte sich ab 1815 ein lockerer Staatenzusammenschluss gebildet: der „Deutsche Bund“, in dem das „Kaisertum Österreich“ den Vorsitz führte. Im „Deutschen Bund“ waren die Burschenschaften viele Jahre verboten. Erst die Revolution von 1848 brachte ihnen die Chance, ihre Ideen offen zu verfolgen. Aber damit endet auch schon die Wahrheit und die Dichtung beginnt.

Die meisten Burschenschafter in der „Akademischen Legion“ verstanden „deutsch“ nicht rassistisch. Dr. Anton Füster, der Kaplan der Legion, fasste ihre Grundhaltung mit den Worten zusammen: „Zuerst Freiheit, dann Nationalität.“ Viele Verbindungen hatten auch jüdische Mitglieder, erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mutierten sie zu deutschnationalen, antisemitischen und elitären Organisationen. Die Burschenschaften von 1848 waren dagegen alles andere als elitär: Über ein Drittel der Studenten kam aus armen Familien, ihre Väter waren Handwerker und Gesellen, kleine Beamte, Bauern, Taglöhner und Arbeiter. Die „radikalen“ Demokraten unter ihnen, vor allem Mediziner und Techniker, suchten von Anfang an den Kontakt zu den ArbeiterInnen, wohl weil ihnen bewusst war, dass sie sich auf das besitzende Bürgertum nicht verlassen konnten. Dieses wollte so rasch wie möglich wieder „Ruhe und Ordnung“, setzte seine Nationalgarde gegen streikende ArbeiterInnen ein und erkaufte sich dann mit dem Verzicht auf Demokratie von der kaiserlichen Regierung wirtschaftliche Handlungsfreiheit.

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