Wie Frauen in Sachen Gesundheit diskriminiert werden

Eine Frau liegt in einem Krankenbett. In ihrer Hand steckt ein Zugang. Symbolbild für Frauen Gesundheit.
Die Gesundheitsversorgung von Frauen in Österreich hat noch Luft nach oben. Was passieren muss. | © Adobestock/SneakyPeakPoints/peopleimages.com
Frauen werden älter als Männer, leben aber länger mit schlechterer Gesundheit. Was braucht es, damit sich diese Situation für Frauen verbessert?
Frauen werden in Österreich im Schnitt fast 84 Jahre alt, Männer knapp 79. Was sich in diesen Zahlen auch verbirgt, ist ein strukturelles Problem: Frauen verbringen rund 20 Jahre ihres Lebens in mittelmäßiger oder schlechter Gesundheit, Männer etwa 15.

Das zeigte der Frauengesundheitsbericht 2022 vom Sozialministerium. Die Zahlen sind eindeutig – und sie erzählen eine unbequeme Geschichte: Gesundheit ist in Österreich bis heute auch eine Frage des Geschlechts.

Körperliche Unterschiede

Die Gründe dafür sind vielfältig. Bis vor wenigen Jahren galt in der Medizin der Grundsatz, Frauen seien körperlich „kleinere Männer“. Heute weiß man: Das stimmt nicht. Viele Krankheiten äußern sich bei Frauen anders als bei Männern. Auch bei Medikamenten gibt es Unterschiede: Wirkung und Nebenwirkungen variieren zwischen den Geschlechtern. Frauen haben ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen, basieren doch viele empfohlene Dosierungen auf Tests und Studien mit männlichen Probanden. Diese Unterschiede nennt man Gendermedizin.

Die Gendermedizin-Pionierin und Internistin Alexandra Kautzky-Willer stellt klar: „Bei Gendermedizin geht es nicht nur um Frauen. Auch bei Männern gibt es blinde Flecken. Ziel der Gendermedizin ist es, dass jede Person die Hilfe und Medizin bekommt, die sie braucht.“ Heute wird das Thema zunehmend ernstgenommen und auf Fachsymposien, Podien und Publikationen beleuchtet. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Kautzky-Willer: „Das bedeutet aber nicht, dass es gänzlich in der Praxis angekommen ist. Dafür müssen wir noch viel mehr Daten haben, und in jede medizinische Leitlinie gehört ein Absatz, was in Bezug auf Gendermedizin zu beachten ist.“

Das bekannteste Beispiel: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen. 35,7 Prozent aller weiblichen Todesfälle gehen darauf zurück. Bei Männern sind es 32,9 Prozent. Trotzdem gelten Herzinfarkt und Schlaganfälle noch immer als „typisch männlich“, weil Frauen häufig andere Symptome zeigen, die gar nicht oder zu spät erkannt werden, so die Gender-Medizinerin.

Kernthema der Gesundheitspolitik

Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ), Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, betont, Frauengesundheit sei ein „Kernthema der Gesundheitspolitik“ in Österreich. Sie lege in ihrer Arbeit bewusst einen Fokus darauf und erklärt: „Ziel muss es sein, dass jede Frau, die eine Vorsorgeuntersuchung in Anspruch nehmen will, diese auch bekommt.“

Ziel muss es sein, dass jede Frau,
die eine Vorsorgeuntersuchung in Anspruch nehmen will,
diese auch bekommt. 

Ulrike Königsberger-Ludwig, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium

Hier zeigt sich ein wachsendes Problem. Die Wartezeiten bei Kassenärzt:innen sind lang und einen Termin in einer Privatordination muss frau sich leisten können. Hinzu kommt die Frage der Diagnostik, wie Königsberger-Ludwig einräumt: „Die Medizin orientiert sich am männlichen Körper, womit sowohl unzureichende Diagnostik und Versorgung vorliegen als auch eine mangelnde Sichtbarkeit von weiblichen Anliegen. Genau daraus ergibt sich die Lücke wissenschaftlicher Daten zur Frauengesundheit: Der sogenannte Gender Data Gap.“

Gender Pay Gap als Gesundheitsrisiko

Gerade in Bezug auf die Gesundheitsversorgung spielt auch der Gender Pay Gap eine Rolle, wie das Bundesministerium auf dem Österreichische Gesundheitsportal betont. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen nach wie vor den Großteil unbezahlter Care-Arbeit und sind überproportional im Niedriglohnsektor vertreten. Mehr Frauen sind armutsgefährdet. Und Armut ist ein Gesundheitsrisiko. Wer weniger verdient, lebt kürzer und kränker, kann es sich weniger leisten, Privatärzt:innen aufzusuchen, und bei Beschwerden mehrere Meinungen einzuholen. Psychosoziale Belastungen, Dauerstress und mangelnde Absicherung schlagen sich laut aktuellen Studien zusätzlich langfristig in Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen oder chronischen Schmerzen nieder.

Ziel des Gesundheitsministeriums ist es, die Situation durch den Ausbau interdisziplinärer Frauengesundheitszentren zu verbessern und Frauen schneller jene Hilfe zukommen zu lassen, die sie benötigen. Um zu wissen, wie diese aussieht, möchte man zuerst aktuelle Daten und Lücken im System analysieren. Dabei sollte nicht zuviel Zeit verloren gehen.

Frauen werden weniger ernst genommen

Denn die Realität 2026 ist auch: Frauen warten – international betrachtet – in Notaufnahmen um rund 30 Minuten länger als Männer. Das zeigt eine Studie aus dem Jahr 2024 aus den USA und Israel, die laut Expert:innen auch in Europa gültig ist. Der Grund: Die Schmerzen von Frauen werden seltener als akut eingeschätzt – sowohl von männlichen als auch von weiblichen Ärzt:innen und Pflegekräften. Zudem erhalten Frauen häufiger Psychopharmaka – also Beruhigungsmittel oder Antidepressiva – statt Schmerzmittel, weil man denkt ihre Beschwerden seien psychischer statt körperlicher Natur.

Eine dänische Studie aus dem Jahr 2019 zeigt zudem, dass Frauen bei gleichen Erkrankungen oft deutlich später eine Diagnose erhalten als Männer. Bei Stoffwechselerkrankungen dauert es im Schnitt sogar rund 4,5 Jahre länger. Studienautor Søren Brunak von der Universität Kopenhagen erklärte dazu gegenüber Reuters Health: „Es überrascht uns auch deshalb, weil Männer oft viel später zum Arzt gehen. Dahingehend ist die Zeitdifferenz eigentlich noch größer.“

Zeichen sozialer Gerechtigkeit

Das große Ziel ist, dass sich die Situation in Österreich verbessert. Doch bis konkrete Maßnahmen bei den Patient:innen Wirkung zeigen, wird es noch etwas dauern, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. „Frauengesundheit ist ein Indikator für gesellschaftliche Teilhabe, Gleichstellung und soziale Gerechtigkeit“, so Königsberger-Ludwig. Der österreichische Aktionsplan für Frauengesundheit sieht unter anderem den Ausbau der Gendermedizin vor. Zudem sollen Vorsorgeprogramme zu spezifischen Frauengesundheitsthemen weiterentwickelt werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frauengesundheitsforschung – insbesondere in den Bereichen Menstruationsgesundheit, Wechseljahre und deren Beschwerden sowie Endometriose.

🎯 Frauengesundheit ist keine Nische.
Und Gender-Medizin ist kein „ideologisches Projekt“, sondern überfällig.
Wer das bestreitet, ignoriert Leid – und die Hälfte der Bevölkerung.

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— Ulrike Königsberger-Ludwig (@ulrike65.bsky.social) 28. Mai 2025 um 13:06

Auf europäischer Ebene ist Gleichbehandlung längst festgeschrieben: Mit der Richtlinie 2004/113/EG und der aktuellen EU-Gleichstellungsstrategie verpflichtet sich die Union dazu, Diskriminierung beim Zugang zu Gesundheitsleistungen zu verhindern und geschlechtersensible Mindeststandards zu stärken. Das gilt auch für die medizinische Versorgung. Entscheidend ist jedoch, wie konsequent diese Vorgaben in den einzelnen Mitgliedstaaten tatsächlich umgesetzt werden. In diesem Bereich hat Österreich noch Aufholbedarf, damit Frauen und Männer gleich viele gesunde Jahre erleben.

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Über den/die Autor:in

Sandra Gloning

Sandra Gloning ist freie Online- und Print-Journalistin in Wien mit einem breiten Themenfeld rund um Frauen, Lifestyle und Minderheiten und dem Ziel, Geschichten aus dem echten Leben zu erzählen.

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