Was, wenn der Blackout kommt?

(C) Markus Zahradnik
Minimale Abweichungen können das gesamte europäische Stromnetz zum Erliegen bringen. Expert*innen sind sich sicher: Es stellt sich nicht die Frage, ob es passieren wird – die Frage ist, wann. Aber wie kann man sich eigentlich darauf vorbereiten?
Ob in Filmen, Büchern oder Videospielen, Dystopien eint meist ein Merkmal: Es gibt keinen Strom. Doch von Fiktion kann keine Rede sein. Also was passiert, wenn wirklich eines Tages das Licht ausgeht? Werden wir uns nach zwei Wochen im Mittelalter wiederfinden, wie so oft in Warnungen zu lesen ist? Werden wir im Chaos versinken? Zeit für Panik?

Im Gegensatz zu Hochwasser oder einer Pandemie kündigt sich ein Blackout nicht an. Von einem Moment auf den anderen bleibt alles stehen. Das Licht geht aus, die U-Bahn stoppt, die Gastherme versagt den Dienst. Noch bevor man von der Erkundungstour zum Sicherungskasten zurück ist, folgt der Mobilfunk.

Knappe drei Millionen Österreicher*innen würden nicht viel länger als vier Tage mit ihren Vorräten über die Runden kommen, wie eine Studie zur Ernährungsvorsorge herausfand. Hilfe könnte man in den ersten Tagen allerdings keine erwarten – die Feuerwehr wäre eine komplette Woche allein damit beschäftigt, eingeschlossene Menschen aus Aufzügen oder Gondeln zu befreien.

Mitte Februar dieses Jahres reichten in Texas Temperaturen von minus 15 Grad, um Millionen von Menschen tagelang im Dunkeln sitzen zu lassen. Die Bauteile der Erdgaskraftwerke waren schlicht nicht auf solche Kältewellen ausgelegt. Supermärkte mussten Waren entsorgen, aus der Leitung kam kein Wasser mehr.

Täglicher Balanceakt

Solch technisches Versagen ist auch bei uns möglich, denn Energie ist bisher nicht im großen Stil speicherbar. Österreich muss jedes Jahr ganze 29 Terawattstunden importieren und 23 exportieren. So wird das Stromnetz zusätzlich belastet. Die Liberalisierung des Strommarkts im europäischen Verbundsystem führt zu einem dauerhaften Engpassmanagement. Jeder Tag ist ein Balanceakt.

Überall war erst kürzlich in den Medien zu lesen: „Europa schrammte haarscharf am Blackout vorbei.“ Einige Wochen später konnte der Vorfall schließlich rekonstruiert werden: Am 8. Jänner gehen außergewöhnlich viele Stromexporte aus Südosteuropa in Richtung Westen. Eine Kupplung im Umspannwerk Ernestinovo (Kroatien) wird überlastet. Um 14.04 Uhr und exakt 25 Sekunden fliegt die erste Sicherung, andere Leitungen werden überlastet, fliegen ebenso. Eine Kaskade. Fällt eine, fallen alle. Südosteuropa musste kurzerhand vom Verbundnetz abgetrennt werden.

Die einzige Informationsquelle ist dann das batteriebetriebene Radio. 

Dominik Zeidler, Wiener Zivilschutzverband

„Die meisten Kund*innen im Versorgungsgebiet der Wiener Netze haben diesen Vorfall kaum oder gar nicht bemerkt“, erzählt der Sprecher der Wiener Netze Christian Call, ein Experte für Versorgungssicherheit, „kommt es zu Abweichungen bei der Frequenz oder der Spannung, wird Alarm ausgelöst, und es greifen sofort automatische Systeme zur Netzstabilisierung des Energiesystems ein – wenn notwendig, mit Unterstützung aus dem Kraftwerksbereich.“ Über das Austrian Awareness System sind alle Bundesländer miteinander ständig im Austausch. Nur 42 Sekunden später war die exakte Frequenz von 50 Hertz wieder hergestellt, nach einer weiteren Stunde waren die sicherheitshalber getrennten Bereiche in Europa wieder am Netz.

Gefährlich ist es aber auch schon in Österreich geworden, und zwar mitten in Wien. Am 31. Juli 2018 waren weite Teile des siebten Bezirks ohne Strom. Ein Kabeldefekt. „Addendum“ berichtete damals über Evi Pohl-Iser, die den Bereich „Hilfe und Pflege daheim“ beim Wiener Hilfswerk leitete. Der Mobilfunk war sofort weg, elektronische Türöffner funktionierten nicht mehr. Besonders heikel: „Die Pflegeanleitungen mit Medikamentendosierungen, die via Mobilfunk von der Zentrale auf die mobilen Tablets der Mitarbeiter*innen gespielt werden, waren nicht mehr abrufbar.“

Das Umspannwerk Wien-Südost:
90 Minuten würde es im Normalfall in Wien dauern, bis alle Haushalte wieder mit Strom versorgt sind.

Wenn nichts mehr geht

„Man spricht von einem Blackout, wenn es zu einem plötzlichen, großräumigen und länger andauernden Stromausfall kommt“, erklärt Dominik Zeidler, stellvertretender Geschäftsführer des Wiener Zivilschutzverbandes. Die „Helfer Wiens“ sind eine Präventionseinrichtung. „Unser Auftrag ist es, die Bevölkerung auf solche Situationen vorzubereiten.“ Denn im Ernstfall ist diese erst mal auf sich allein gestellt. Das Netz einfach wieder hochfahren, und kurz darauf ist wieder Strom da? – „Das wird es im Ernstfall nicht spielen“, mahnt Zeidler.

„Im schlimmsten Fall dauert es 24 bis 48 Stunden, bis die kritische Infrastruktur wieder am Netz hängt. Bis der einzelne Haushalt wieder Strom hat, kann es schon mehrere Tage dauern.“ Wenn der Strom weg ist, weiß man erst mal nichts weiter, außer dass er ausfällt. Nur: Wie lange? Minuten, Stunden, Tage, Wochen? „Information wird das wichtigste Gut sein“, so Zeidler, doch ohne Strom, ohne Mobil- und ohne Festnetz würde sie gar nicht mehr ankommen. „Die einzige Informationsquelle ist dann das batteriebetriebene Radio.“

„In Wien dauert es unter normalen Bedingungen im Schnitt 90 Minuten, bis alle Kund*innen wieder mit Strom versorgt sind“, beruhigt Christian Call. „Sollte bei einem überregionalen Stromausfall ein Wiederherstellen der Versorgung über den Übertragungsnetzbetreiber nicht möglich sein, werden die in Wien befindlichen Kraftwerke für den Aufbau einer stabilen regionalen Versorgungsinsel genutzt.“ Diese Stromversorgung „von null weg“ kann schon einmal länger dauern.

Trinkwasser

Anders ist es beim Trinkwasser. „Da müssen wir dem Kaiser und seinem Team ewig dankbar sein“, sagt Zeidler. Denn dieser plante für das damals über zwei Millionen Einwohner*innen große Wien jene beiden Hochquellwasserleitungen, auf die wir bis heute zurückgreifen. „In manchen höher gelegenen Stockwerken wäre es allerdings empfehlenswert, sich mit den Nachbarn darunter gut zu stellen.“ Dort könnte es dann nämlich gelegentlich zu Problemen mit dem Wasserdruck kommen. Feldbach im Südosten der Steiermark, 13.000 Einwohner*innen. Ein Hauptwohnsitz in dieser Gemeinde ist ein Sechser im Blackout-Jackpot. Während jene EU-Richtlinie, die seit 2012 eine Notstromversorgung von Tankstellen vorsehen sollte, in Österreich bis heute nicht umgesetzt wurde, geht man hier einen eigenen Weg. Die Ortschaft machte sich „Blackout-sicher“.

Selbst wer nicht die Mittel zur Vorsorge hat, wird hier Gewissheit haben, Hilfe zu erhalten. 13 „Kat-Leuchttürme“ unterstützen den Wiederaufbau des Stromnetzes und übernehmen die Verteilung von Hilfsgütern. Sie befinden sich im örtlichen Feuerwehrhaus, der Eisstockhalle, dem Gemeindegebäude. Dort gibt es Trinkwasser in Hochbehältern und Treibstofftanks. Mit Notstrom werden sie rund um die Uhr betrieben, Bürger*innen können sich aufwärmen, notfalls dort schlafen und mitgebrachtes Essen an sicheren Kochstellen zubereiten.

Per Fahrradkurier, Festnetzdirektleitung oder Funk ist jeder „Kat-Leuchtturm“ mit der Zentrale verbunden. Jede*r Feldbacher*in weiß, wo der nächste Leuchtturm steht. 8.000 Broschüren wurden an Haushalte verteilt, eine Serie zum Thema Blackout stellte den Schwerpunkt in der Gemeindezeitung dar. Jedes Jahr am Tag des Zivilschutz-Probealarms gibt es Info-Veranstaltungen am Hauptplatz.

Kommt es wirklich hart auf hart, hilft als Informationsquelle nur noch das batteriebetriebene Radio. Bis beispielsweise das Kraftwerk Wien-Simmering wieder läuft, könnte es Tage dauern.

Vorsorge statt Panik

Panik entsteht grundsätzlich, wenn Menschen sich eingesperrt und hilflos fühlen sowie keine Kommunikation möglich ist. „Worauf es ankommt, ist die Vorbereitung des Einzelnen, etwa durch eine gute Bevorratung“, rät die Krisenpsychologin Barbara Juen von der Universität Innsbruck deswegen. „Besonders wichtig ist dabei die Bereitstellung von alternativen Kommunikationsmitteln. Wie gut man in der Lage ist, Isolation auszuhalten, ist aber von Person zu Person verschieden. Ein möglicher Denkansatz ist es, kreativ zu werden und die Situation als Herausforderung zu sehen, aus der man etwas lernen kann. Das gilt auch für die lokale Gemeinschaft und die Gesellschaft als Ganzes, die ebenso einen Notfallplan brauchen.“

Mittlerweile gibt es bereits repräsentative Studien zu den Auswirkungen der aktuellen Ausnahmesituation auf das Bewusstsein der Bevölkerung. Lisa Patek vom Umfrageinstitut Marketagent fasst zusammen: „Die Corona-Pandemie hat bei gut vier von zehn Österreicher*innen durchaus das Bewusstsein für drohende Krisen geschärft. Mehr als ein Drittel der Befragten trifft seit COVID-19 bessere Vorbereitungen für derartige Ausnahmesituationen, was für den Fall eines Blackouts möglicherweise von Vorteil sein könnte.“

Soziale Dimensionen

Auch Dominik Zeidler rät deswegen zur Vorsorge: „Während der Pandemie hatte man immer die Chance, einkaufen zu gehen. Das geht bei einem Blackout nicht.“ Wer seinen Haushalt gut gestaltet und den individuellen Bedürfnissen anpasst, kann solch eine Ausnahmesituation ohne Weiteres überstehen. Wichtig ist dabei, auch jene zu erreichen, die sich sonst nicht mit solchen Themen beschäftigen. „Aber auch Gesellschaftsspiele und Bücher sind besonders wichtig“, so Zeidler, denn Unterhaltungsprogramm gibt es keines mehr. Das Schlimmste ist wohl, nicht zu wissen, wie es der Familie und Freunden geht. „Schon jetzt leiden wir darunter, dass wir keine – oder weniger – soziale Kontakte haben. Bei einem Blackout ist das Problem, dass wir niemanden anrufen können.“

Man sollte sich deswegen innerhalb der Familie absprechen. Wo und wann trifft man sich bei einem Blackout? Welcher Haushalt ist innerhalb der Familie am besten geeignet? Gibt es einen Balkon oder sogar ein Haus mit Garten? „Auch mit dem Arbeitgeber sollte man klären: Muss ich beim Blackout in die Arbeit? Kann ich das überhaupt? Ist das sinnvoll? Das darf man nicht unterschätzen. Solche sozialen Unterschiede merkt man ja auch jetzt in der Pandemie leider ganz stark“, sagt Zeidler.

Es ist nicht die Frage, ob – es ist die Frage, wann. – Darin sind sich alle Experten einig. Wichtig ist, nicht Panik zu verbreiten, sondern zu sagen: „Okay, das ist ein mögliches Szenario – und daher ist eine Vorbereitung so wichtig!“

Drei Fragen zum Thema

an den AK-Energieexperten Josef Thoman

Wieso droht in der Netzsicherheit eigentlich eine Überbelastung?

Die Versorgungssicherheit wird zum überwiegenden Teil von privaten Haushalten finanziert. Obwohl diese nur ein Viertel des Stroms verbrauchen, kommen sie zu 44 Prozent für die Netzkosten auf. Ein Problem dabei ist die fehlende Kostenwahrheit im europäischen Stromnetz. Denn für Stromhändler gibt es keinerlei Anreize, die Kapazitäten des Netzes zu berücksichtigen. Ein Händler kann den Strom quasi gratis durch ganz Europa schicken. Wir haben jetzt seit mehreren Jahren die absurde Situation, dass wir jede Menge Kraftwerkskapazitäten in der sogenannten Netzreserve bereithalten müssen, um eine Überlastung der Netze zu vermeiden. Das ist teuer.

Müssen wir Angst vor einem Blackout haben?

Das aktuelle System ist keinesfalls perfekt. Die Frage müsste deswegen lauten, wie wir das System in Zukunft weiterentwickeln können, um diese Gefahr zu verringern. Auch die erneuerbaren Energien stellen dabei per se kein Problem für die Versorgungssicherheit dar. Sie speisen ihre Energie meist volatiler, also unregelmäßig, ein. Mit dem Erneuerbaren-Ausbaugesetz sollte sich die Situation zumindest ein Stück weit bessern. Denn dann gibt es stärkere Anreize, Strom zu erzeugen, wenn auch die Nachfrage da ist.

Wozu überhaupt Versorgungssicherheit?

Die Versorgungssicherheit mit elektrischer Energie ist einerseits wesentliche Grundlage für das Wirtschaftssystem. Auch ein kurzzeitiger Ausfall wird insbesondere in der Industrie schnell teuer. Sie ist aber auch ein zentrales Element der Daseinsvorsorge. Ob Wärmepumpen oder Infrarotheizungen, wir heizen immer mehr mit Strom, und auch die Versorgung mit anderen Energieträgern ist häufig von der Stromversorgung abhängig. In vielen Haushalten kann ein Stromausfall also von einer Sekunde auf die andere Kälte bedeuten.

Über den/die Autor*in

Leo Stempfl

Leo Stempfl arbeitet als Redakteur bei einer Wiener Tageszeitung und studiert Publizistik an der Universität Wien. Er brennt für Fußball, Innenpolitik und Reportagen, und war in fast jedem Land Europas. An freien Tagen zieht es ihn in die Berge und er hat einen lebensgroßen Aufsteller von Marko Arnautović im Wohnzimmer.