Was ist Leistung?

Ilustration: Was ist Leistung?
Illustration (C) Natalia Nowakowska
Teil einer Leistungsgesellschaft sein – was bedeutet das eigentlich? Und wurden wir überhaupt gefragt, ob wir darin leben wollen? Sind Lebenschancen wirklich an Leistung gebunden?
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eistung, Leistung, Leistung! Wir alle sollen Leistung zeigen, mehr leisten und am besten noch schneller leisten! Es gibt die LeistungsträgerInnen, die guten Menschen, an denen wir uns orientieren sollen. Oder die Faulen, die schlechten Menschen, die es mit Anreizen zu disziplinieren gilt, damit auch sie gefälligst ordentliche Leistungen zeigen! Erst wenn wir zu denen gehören, die leisten, haben wir uns unseren Platz in der Gesellschaft auch verdient. Erst wenn wir zu den Fleißigen gehören, sollen wir entlastet werden und nicht die Dummen sein. Erst dann steht uns die Neue Gerechtigkeit zu. Und die Tüchtigen sagen uns, dass wir in einer gerechten Gesellschaft leben, wenn Leistung belohnt wird. Aber was macht die Tüchtigen so tüchtig? Was ist ihre Leistung? Was soll das überhaupt sein, diese Leistungsgesellschaft, und wurden wir überhaupt gefragt, ob wir in dieser leben wollen?

Die Leistungsgesellschaft

Was eine Leistungsgesellschaft sein soll lässt sich am einfachsten beantworten. Die Leistungsgesellschaft ist die Modellvorstellung einer Gesellschaft, in der die Verteilung von Macht, Geld und Anerkennung anhand dessen erfolgt, was geleistet wird. Lebenschancen sollen demnach an Leistung gebunden werden, und das soll gerecht sein. Dieser Annahme wird zugrunde gelegt, dass wir alle, wenn wir brav, strebsam und eifrig durch unsere harte Arbeit und hohes Engagement ordentlich schuften, zu den LeistungsträgerInnen gehören werden. Diejenigen, die uns das predigen, sind der Überzeugung, sie dürfen das, weil sie ihre Position als selbsternannte Leistungsträger dazu berechtigt und sie angeblich wissen, wovon sie sprechen. Sie sind sich sicher, dass ihre eigene Leistung auch gar nicht in Frage gestellt werden kann, denn schließlich genießen sie Macht, Geld und Anerkennung. Jemand mit großem, gesellschaftlichem Erfolg kann ihrer Logik folgend unmöglich faul oder ein Schmarotzer sein und von einem System profitieren, in das er gar nicht eingezahlt hat. Schließlich wird doch Erfolg durch Leistung erzielt – oder nicht?

Wenn es sich um Alleinerzieherinnen, Ausländer und Teenager-Mütter handelt, dann werden diese nicht selten als NutznießerInnen unseres Systems verunglimpft.

Wie wird Leistung definiert?

Einer der Haken dieses Dogmas ist jedoch, dass es gar keine gesellschaftliche Einigung darüber gibt, was eine solche Leistung sein soll und was nicht. Am ehesten herrscht wohl noch Einigkeit darüber, dass Leistung einen Profit, Nutzen oder Mehrwert erzeugen soll. Ebenso soll es dabei angeblich auch nicht um reine Selbstbereicherung, also Eigennutz, gehen, denn dann wäre Leistung nur sehr schwer als etwas von allgemeinem Wert zu verkaufen. Deswegen bezeichnen die Leistungsprediger aus Politik, Konzernen und Superreichen, die in unserer Gesellschaft offenkundig gerade das Sagen haben, zumeist den Erhalt der eigenen Familie und das Zahlen von Steuern sowie die Ausübung von gesellschaftlich wertvollen Berufen als Leistung.

Einer der Haken dieses Dogmas ist, dass es gar keine gesellschaftliche Einigung darüber gibt, was eine solche Leistung sein soll und was nicht.

Folglich trägt wer Kinder großzieht und pflegebedürftige Angehörige versorgt, auch im konservativen und liberalen Weltbild zum Erhalt unserer Gesellschaft bei. Wenn es sich allerdings um Alleinerzieherinnen, Ausländer und Teenager-Mütter handelt, dann werden diese nicht selten trotzdem als NutznießerInnen unseres Systems verunglimpft. Teenager, die Kinder großziehen, gelten als verantwortungslos, obwohl die Bewältigung dieser verantwortungsschweren Aufgabe, die einen rund um die Uhr so voll und ganz einnimmt, noch schwerer ist, wenn man selbst noch sehr jung ist. Wenn Menschen mit Migrationsgeschichte Kinder gebären, dann gefällt das bei Weitem auch nicht allen. Wenn es auch eindeutig widersinnig ist, soll ihre Leistung laut Rechten kleiner sein, weil diese Kinder keine Unsrigen sind. Alleinerzieherinnen, die Kinder großziehen, können sich auch über keine große Lobby freuen. Ihnen wird wiederum vorgehalten, dass sie ja nur alleinerziehend wären, weil sie ihre Männer nicht halten konnten – also einen vermeintlichen Teil der Leistung nicht erfüllt hätten. Wir sehen also: dieses Konzept von Leistung ist löchrig und nicht konsistent. Zudem genießen selbst die, die noch davon umfasst werden, dafür weder Macht, Geld noch Anerkennung. Das Leistungsversprechen hält nicht, wenn es um die Versorgung einer Familie geht.

Brave SteuerzahlerInnen als LeistungsträgerInnen?

Versuchen wir es mit dem Zahlen von Steuern. Wer seine Steuern bezahlt, finanziert dafür immerhin den Erhalt unserer Infrastruktur, unseres Sozialstaats und unserer Verwaltung. Deswegen werden die braven SteuerzahlerInnen nur zu oft als LeistungsträgerInnen angeführt. Diejenigen, die die meisten Steuern in unserem Land bezahlen, genießen jedoch keine große Macht, kein großes Geld und keine große Anerkennung. Es ist die sogenannte Mittelschicht, die am meisten sponsern muss. Sie wird stetig kleiner, ständig geschröpft und vielmehr als Norm statt als Aushängeschild behandelt. Schließlich können diejenigen, die wirklich das Sagen haben und die sich selbst als LeistungsträgerInnen präsentieren, denen wir alle nacheifern sollen, es sich ganz einfach richten. Konzerne zahlen in unserem Land kaum Steuern, manche sogar gar keine. Superreiche haben ihr Geld steueroptimiert im Ausland, in Ländereien, Beton oder Stiftungen gebunkert. Auch dieses Leistungsversprechen hält nicht. Nicht die SteuerzahlerInnen werden als LeistungsträgerInnen belohnt, sondern die, die kaum Steuern bezahlen und keinen wesentlichen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten.

Diejenigen, die die meisten Steuern in unserem Land bezahlen, genießen keine große Macht, kein großes Geld und keine große Anerkennung.

Würde das Leistungsversprechen halten, dann wären Pflegerinnen, ElementarpädagogInnen, RettungssanitäterInnen oder SozialarbeiterInnen die TopverdienerInnen mit den höchsten Einkommen

Top bezahlte vs. gesellschaftlich wertvolle Berufe

Schließlich wird, wenn wir uns nicht mit leeren lobenden Worten zufrieden geben, ebenso wenig die Ausübung von gesellschaftlich wertvollen Berufen als Leistung honoriert. Weder mit Macht noch mit Geld oder echter Anerkennung. Sonst würde ein Top-Manager nicht innerhalb von sieben Tagen die gleiche Summe Geld bezahlt bekommen, mit der sich ein durchschnittlicher Angestellter für ein ganzes Jahr begnügen soll. Würde dieses Leistungsversprechen halten, dann wären Pflegerinnen, ElementarpädagogInnen, RettungssanitäterInnen oder SozialarbeiterInnen die TopverdienerInnen mit den höchsten Einkommen. Dann wären es in der Politik vorwiegend die Frauen, die in der Regel gleich in mehreren Disziplinen als Topmanagerinnen fungieren, die das Sagen hätten. Aber wir wissen, in der Realität läuft es genau umgekehrt.

Wirtschaftlicher Erfolg vs. tatsächliche Leistung

Es ist nicht Leistung, die honoriert wird und zählt, es ist wirtschaftlicher Erfolg. Es ist auch nicht unsere Leistung, die maßgeblich dafür verantwortlich ist, ob wir Karriere machen, reich oder populär werden. Es ist vor allem Glück, das darüber entscheidet, in welches Elternhaus und in welchem Teil der Welt wir geboren werden. Unsere Gesellschaft ist zutiefst ungerecht. Vermögen, sozialer Status, Chancen und Bildung werden über Generationen weitergegeben und die, die oben sind, wollen unter sich bleiben. Deswegen predigen sie allen unter ihnen, was sie leisten sollen, damit sie sich anpassen, fügen und nicht auf die Idee kommen, diese zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit zu hinterfragen.

Es ist nicht Leistung, die honoriert wird und zählt, es ist wirtschaftlicher Erfolg.

Wir wurden nie gefragt, ob wir in einer Leistungsgesellschaft, einem Hamsterrad ohne Ausstiegsmöglichkeiten leben wollen. Hätte man uns gefragt, ob wir finden, dass der Wert eines Menschen von seiner Leistung abhängen soll, wie es bei einer Maschine der Fall ist, hätten die meisten von uns NEIN gesagt, da bin ich mir sicher. Denn jedes Menschenleben hat einen Wert für sich und ist gleich viel wert, und zwar immer, egal ob krank, jung oder alt. Es wäre eine Leistung, wenn das zumindest unsere PolitikerInnen endlich alle für sich verinnerlichen könnten.

Über den/die AutorIn

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena

Veronika Bohrn Mena ist Autorin des Buches „Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“ und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit prekären Arbeitsverhältnissen, Segmentierungsprozessen und Veränderungen in der Arbeitswelt mitsamt ihren Auswirkungen. Sie ist ausgebildete Fotografin und hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien studiert. Seit 2013 arbeitet sie hauptberuflich in der Gewerkschaft GPA-djp in der Interessenvertretung als Expertin für atypische Beschäftigung. Sie war auch die Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum und hat sich als Studentin in der ÖH Bundesvertretung engagiert.