Vorstandsgehälter: Unverdienter Verdienst

Eine dicke Katze sitzt auf einem Schreibtisch. Symbolbild für die Vorstandsgehälter und den Fat Cat Day.
Der "Fat Cat Day" ist der Tag im Jahr, an dem ein:e Topmanager:in so viel verdient hat, wie ein:e normale:r Arbeitnehmer:in. Im Jahr 2022 war das der 9. Januar. | © Adobe Stock/koldunova
Eine kleine Berufsgruppe erhält still und heimlich regelmäßig Lohnerhöhungen zwischen zehn und 18 Prozent: die Vorstände der ATX-Konzerne. Ein Kommentar über Vorstandsgehälter von Michael Mazohl.
Einkommenszuwächse, die weit über der Inflation oder der Produktivitätssteigerung gelegen sind – 18 Prozent, 13 Prozent, zehn Prozent. Die gibt es. Aber nur für Menschen, die Vorstandsgehälter kassieren. Nicht für Arbeitnehmer:innen. In den vergangenen Jahrzehnten gab es – trotz Dauerkrisen und selbst postulierter Wirtschaftsprobleme – für die Vorstände der ATX-Unternehmen immer mehr Geld.

Unglaubliche Vorstandsgehälter

Der ATX, der Austrian Traded Index, zeigt die Kursentwicklung der zwanzig größten österreichischen Aktienunternehmen an, die an der Wiener Börse notieren. Die Einkommen der Vorstände dieser ATX-Unternehmen liegen im Durchschnitt bei knapp zwei Millionen Euro pro Jahr. Im Krisenjahr 2009 lag es noch bei etwa 900.000 Euro. Das Medianeinkommen ist im Vergleich nur um etwa ein Viertel gestiegen und lag 2020 bei etwa 30.000 Euro jährlich. Über den Daumen gepeilt verdient eine einzige Führungskraft damit etwa das Sechzigfache einer:eines Mitarbeiter:in.

Eine Arbeiterinnen an einer Maschine bei TCG Unitech GmbH. Symbolbild: KV-verhandlungen der Metaller und Vorstandsgehälter.Metaller Lohn.
Nach Corona und viel Kurzarbeit geht den Arbeiterinnen langsam die finanzielle Luft aus. Bei Topmanagern sieht das anders aus. | © Markus Zahradnik

Der bestverdienende ATX-Manager 2020 war Wilhelm Hörmanseder, ehemaliger CEO des Papierherstellers Mayer-Melnhof, dem das Unternehmen seinen Abgang in die Pension mittels diverser Beendigungsvereinbarungen mit insgesamt zwölf Millionen Euro versüßte. Der zweitplatzierte Anas Abuzaakouk ist CEO der BAWAG Group und verdiente mit knapp sechs Millionen Euro pro Jahr das 200fache des Medianeinkommens.

Dass Abuzaakouk auch die 200fache Leistung einer:eines Mitarbeiters:Mitarbeiterin erbringt, die seine Gage rechtfertigen würde, ist schwer vorstellbar. Gerne erklärt wird die Höhe der Vorstandsvergütungen hingegen mit der Verantwortung, die auf den Vorständen lastet. Die Konsequenz für Misserfolge ist allerdings meistens ein Rauswurf, eine Abfindung und der nächste Top-Job. Kurz gesagt: Einkommen dieser Größenordnung sind in ihrer Höhe nicht erklärbar, sie werden einfach von Eliten für Eliten geschaffen. Verhältnismäßigkeit zu den Anstrengungen der Hackler:innen spielen dafür keine Rolle.

Rekord-Gewinne und Dividenden

Die Vorstandsvergütung setzt sich üblicherweise zusammen aus einem Grundgehalt, einem variablen Anteil, der sich am Unternehmenserfolg misst und sonstigen Bezügen. Dazu gehören Aufsichtsratsmandate in anderen Unternehmen, aber auch Reisespesen und Sachbezüge wie der Dienstwagen. Auffällig ist dabei: Im Jahr 2020 gingen die Gewinne der Unternehmen im Durchschnitt um 40 Prozent zurück. Die variablen Bestandteile der Vorstandsvergütung reduzierten sich allerdings nur um 20 Prozent.

Sorgen um die ATX-Unternehmen muss man sich keine machen. Vom „Pandemiejahr“ 2020 und den Gewinneinbrüchen haben sie sich gut erholt. Die Gewinne des Geschäftsjahres 2021 erlaubten sogar zu eine Rekordausschüttung an Dividenden. Erstmals haben die ATX-Unternehmen in Summe über zehn Milliarden Euro an Gewinn erwirtschaftet, von denen sie 3,5 Milliarden Euro an die Aktionär:innen ausgeschüttet haben.

Lohn vs. Vorstandsgehälter: Zweierlei Maß

Auf der einen Seite entwickeln sich die Vorstandsvergütungen immer weiter weg von nachvollziehbarer Leistung oder Verantwortung. Die Arbeitgebervertreter:innen bezeichnen die Forderungen nach höheren Löhnen und Gehältern als „unvernünftig und überzogen“. Konkret geht es um den Metaller-Kollektivvertrag, den die Gewerkschaften PRO-GE und GPA verhandeln. Die Gewerkschaften fordern 10,6 Prozent mehr Lohn, um die Folgen der Energie- und Teuerungskrisen abzufangen.

Die Industrie zeigt dafür kein Verständnis und bietet ihrerseits beschämende 4,1 Prozent mehr als erstes Angebot. Das Verhandlungsteam beharrt auf die sogenannten „Kerninflation“ als Verhandlungsbasis, weil für die höheren Energiekosten der Bevölkerung, die die Inflation anheizen, die Bundesregierung zuständig sei. Schließlich werde die Industrie selbst stark von den hohen Energiepreisen getroffen. Dabei ist genau das eine Folge unvernünftiger Vorstandsentscheidungen. Erst nach einer Streikandrohung kam es bei den KV-Verhandlungen der Metaller 2022 zu einem Ergebnis.

Tatsächlich vernünftig wäre es nämlich gewesen, hätte sich die Industrie nicht über Jahrzehnte eine Abhängigkeit von billigem russischem Gas aufgebaut, sondern ihre Gewinne in erneuerbare Energiealternativen gesteckt. Jetzt sollen sich die Beschäftigten zurückhalten, um die Entscheidungen der Vorstände der Vergangenheit zu kaschieren. Die Beschäftigten sollen den Vorständen ihre Boni, die variablen Bestandteile der Vorstandsgehälter, retten. Die Bezieher:innen rechtfertigen ihre hohen Vergütungen mit der Verantwortung, die sie tragen. Doch im Fall der Fälle wälzen sie die trotzdem auf die Beschäftigten ab.

Der soziale Frieden steht auf dem Spiel

Der Kampf um Löhne und Einkommen ist gewissermaßen die Mutter der Klassenkämpfe. In Österreich führen ihn die Sozialpartner:innen institutionalisiert. Über Jahrzehnte gab es in Österreich praktisch keine Streiks, vor allem im Vergleich zu Italien, Spanien oder Irland, wo es eine sehr ausgeprägte Streikkultur und -tradition gibt. Aber das kann sich ändern, in Zeiten multipler Krisen können sich Beschäftigte sehr schnell eine harte Streikkultur aneignen.

Mit „alle werden Wohlstandsverluste hinnehmen müssen“ versuchen die Arbeitgebervertreter:innen der Industrie zu beschwichtigen. Aber die Wohlstandsverluste der Vorstände, Aufsichtsräte und der Aktionär:innen, die sich vielleicht weniger Luxus leisten können, sind nicht die Wohlstandsverluste der Beschäftigten, die sich plötzlich ihr Leben nicht mehr leisten können. Die Arbeitgeber:innen riskieren mit ihrer Lohnpolitik viel – nämlich nichts Geringeres als den sozialen Frieden, dem sich unser Land so lange sicher sein konnte.

Über den/die Autor*in

Michael Mazohl

Michael Mazohl studierte Digitale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. Im ÖGB-Verlag entwickelte er Kampagnen für die Arbeiterkammer, den ÖGB, die Gewerkschaften und andere Institutionen. Zudem arbeitete er als Journalist und Pressefotograf. Drei Jahre zeichnete er als Chefredakteur für das Magazin „Arbeit&Wirtschaft“ verantwortlich und führte das Medium in seine digitale Zukunft. Gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl erscheint ihr Buch „Klassenkampf von oben“ im November 2022 im ÖGB-Verlag.

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