Vorbild Belgien: Vier-Tage-Woche auch in Österreich möglich

Eine Vier-Tage-Woche garantiert mehr Freizeit. Das Bild zeigt das Bein eines Mountainbikers.
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Eine Vier-Tage-Woche schafft mehr Zeit für Erholung und Freizeit. Belgien ist das nächste Land, in dem diese Forderung vieler Arbeitnehmer:innen umgesetzt wird. Doch es gibt noch mehr Beispiele. Auch in Österreich.
Immer öfter wird eine Vier-Tage-Woche getestet und immer häufiger sprechen sich Arbeitnehmer:innen und Unternehmen für diese Beschäftigungsform aus. Nun ist auch Belgien mit dabei. Dort handelt es sich um eine Komprimierung der Arbeitszeit, nicht um eine klassische Verkürzung. Das bedeutet, dass es in Belgien die Chance gibt, an vier statt fünf Tagen pro Woche zu arbeiten. Die Arbeitszeit wird dazu täglich auf 9,5 Stunden angehoben. Viele Arbeitnehmer:innen wünschen sich mehr Flexibilität in der Gestaltung ihrer Arbeitszeit und längere, zusammenhängende Phasen der Entspannung.

Vier-Tage-Woche wird in Belgien eingeführt

Besonders die Jahre der Pandemie haben die Arbeitswelt stark verändert und geprägt. Darauf müsse reagiert werden, beschlossen alle sieben Parteien der Regierung. Sie verabschiedeten Mitte Februar 2022 die entsprechende Vereinbarung. Sie kommt allen Arbeitnehmer:innen in Unternehmen ab 20 Personen zugute – wenn sie es möchten. Zwangsverpflichtet wird niemand.

Eine Vier-Tage-Woche bedeutet vier Tage im Büro, drei Tage frei. Das Bild zeigt einen Kalender mit vier Reißzwecken.
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Im Zuge dieser Arbeitsmarktreform wurde zusätzlich ein Recht auf „nicht Erreichbarkeit“ vereinbart. Arbeitnehmer:innen haben nun offiziell Anspruch darauf, nach ihrer Arbeitszeit keine beruflichen Mails mehr beantworten oder Telefonate entgegennehmen zu müssen. Das Ziel dieser Reform ist es, die Angestellten und die Wirtschaft zu stärken, wie Belgiens Premierminister Alexander de Croo von den Liberaldemokraten betont.

In diesen Ländern gibt es die Vier-Tage-Woche

Belgien ist nicht das einzige Land, in dem sich die Vier-Tage-Woche beginnt durchzusetzen. In Schottland läuft seit Kurzem ein Versuch mit dieser Art der Arbeitszeitverkürzung. Wales will das Modell im öffentlichen Dienst testen. Auch die spanische progressive Links-Partei Más País (Mehr Land) will eine Vier-Tage-Woche erproben. Insgesamt sollen dort in einem einjährigen Test 6.000 Mitarbeiter:innen aus 200 kleinen und mittleren Unternehmen die Chance bekommen, die Arbeitswoche um einen Tag zu verkürzen – bei vollem Lohnausgleich. Auch in Irland, Island, Neuseeland und Japan wird getestet und umgesetzt. Sie alle haben bereits Erfahrungen mit der Formel „Weniger kann mehr sein“ gemacht.

Willi Mernyi, leitender ÖGB-Sekretär, sieht auch in Österreich „einen dringenden Handlungsbedarf nach einer Arbeitszeitverkürzung“. Denn „eine Studie der Uni Wien zeigt, dass 55 Prozent der Menschen in Österreich dauerhaft weniger arbeiten wollen“, sagt der Ökonom David Mum im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft. Er ist von der Gewerkschaft der Angestellten in der Privatwirtschaft (GPA). Der Wunsch ist in Österreich also ebenfalls weit verbreitet.

David Mum zur Arbeitszeitverkürzung und zur Vier-Tage-Woche.
© Markus Zahradnik

Vier-Tage-Woche in Österreich

Entsprechend finden sich auch hierzulande schon Beispiele für eine erfolgreiche Vier-Tage-Woche. „Ich glaube, die klassische Fünf-Tage-Woche wird bald ausgedient haben. Immer mehr Arbeitgeber:innen werden merken, dass sie von zufriedenen und entspannten Mitarbeiter:innen einfach mehr haben, als wenn sie Menschen auspressen und dann verlieren“, erklärt Miriam Walch gegenüber Arbeit & Wirtschaft. Walch ist Kommunikationsleiterin des 2017 gegründeten Wiener Start-ups „Hektar Nektar“. Bei dem Unternehmen handelt es sich um einen digitalen Marktplatz für Honig. Doch nicht nur die Bienen sind dort fleißig – auch die Mitarbeiter:innen. Allerdings nur an vier Tagen in der Woche.

Denn seit der Gründung ist eine 32-Stunden-Woche üblich – von Montag bis Donnerstag. Allerdings bei voller Bezahlung. „Wir arbeiten sehr strukturiert und eigenverantwortlich. Zeit für ewig lange Kaffeepausen gibt es nicht. Die Aussicht auf ein langes Wochenende ist da aber ein guter Ansporn“, meint Walch. Bei Hektar Nektar funktioniert das Konzept der Vier-Tage-Woche. Kolleg:innen möchten nicht mehr zurück in eine Fünf-Tage-Woche, wie die Kommunikationsleiterin betont. Somit steigt zusätzlich die Bindung an das Unternehmen. Silvia Hruska-Frank, Expertin für Sozialpolitik bei der Arbeiterkammer, sieht eine Reduktion der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ebenfalls positiv: „Das würde allen helfen, die Vollzeitkräfte entlasten, die Teilzeitkräfte aufwerten und ihnen mehr Einkommen bringen.“

Vorteile für Beschäftigte und Unternehmen

Die Popularität dieser Arbeitsform steigt also weltweit. Nicht nur bei Arbeitnehmer:innen. Denn Studien zeigen, dass die Produktivität der Beschäftigten massiv steigt. Sie können produktiver ihren Aufgaben nachgehen, weil sie ausgeruht zur Arbeit kommen und fokussierter sind. Zudem sinken die Krankenstände, und die Gefahr von Burn-outs verringert sich erheblich. Die Arbeitgeber:innen müssen weniger Krankenstände kompensieren, was eine finanzielle Entlastung darstellt, und die Arbeitnehmer:innen gehen mit mehr Freude in die Arbeit. Diese Maßnahmen beleben die viel beschworene „Work-Life-Balance“.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in verschiedenen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Mit Anfang 30 begann er Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Heute schreibt er vor allem für das Fußballmagazin Ballesterer und die Wiener Zeitung.

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