Unwichtig? Ausgegrenzt!

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Eine (leider) sehr bezeichnende Aufnahme einer Rede von Karl Renner: Unter den Zuhörenden sind nur Männer zu sehen. Sozialistische Frauen waren in der ArbeiterInnen­bewegung zwar präsent und geduldet, aber als Frauen dennoch ins Abseits gedrängt.

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Über blinde Flecken in der Geschichtsschreibung und deren Hintergründe - eine kurze Bestandsaufnahme.
Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ thematisieren einen riesigen blinden Fleck, nämlich die Ausklammerung der großen Bevölkerungsmehrheit aus der Betrachtung bzw. Darstellung historischer Prozesse. Und obwohl der Text 1935 geschrieben und 1936 veröffentlicht wurde, hat er nichts an Aktualität eingebüßt. Zumindest weisen jährliche Großausstellungen zu österreichischen RegentInnen (aktuell Maria Theresia) oder zahllose Hitler-Dokumentationen (gerade auch) öffentlich-rechtlicher Sender darauf hin.

Ignorierte Muster

Mangelnde historische Sensibilität wird 2017 aber ebenso an anderen Stellen geortet. Ausgerechnet die „Neue Zürcher Zeitung“ beschreibt beispielsweise Finanzkrisen als „blinde Flecken“ in der Wirtschaftsgeschichte und stellt fest: „Das Muster von Finanzkrisen ist meist dasselbe. Dennoch tun sich Wirtschaftshistoriker mit deren Prognosen sehr schwer. Warum ist dies so?“

Eine klare Antwort vermag das konservative Blatt darauf allerdings nicht zu geben, da Finanzkontrollen und „Details“ wie die Eigentumsordnung bzw. -verteilung hier „naturgemäß“ ausgeklammert bleiben. Eine kurze Umfrage unter HistorikerInnen, die sich mehr oder weniger explizit mit diversen „blinden Flecken“ befassen, ist demgegenüber durchaus aufschlussreich.

Psychologisch betrachtet ist ein blinder Fleck das Ergebnis einer Verdrängungsleistung. Nachdem es keine Kollektivpsyche gibt, existieren auf Ebene der Gesellschaft streng genommen auch keine blinden Flecken, gibt Zeithistoriker Florian Wenninger von der Universität Wien grundsätzlich zu bedenken. „Tendenziell werden natürlich trotzdem historische Begebenheiten marginalisiert, wenn sie das Fundament einer gesellschaftlichen Ordnung infrage stellen würden. Sie werden nicht zum Gegenstand öffentlicher Gedenkkultur, finden keinen Widerhall in den Medien und werden kaum beforscht. Thematisiert werden solche subversiven Erinnerungen am ehesten in privaten Zusammenhängen oder Randgruppen.“

Wenninger – er leitet u. a. das Projekt „Repression in Österreich 1933–1938“ – führt im Gespräch dazu weiter aus: „Ein naheliegendes Beispiel sind Gesellschaften, in denen es zu massenhafter Gewalt gekommen ist – über die kann man nicht sprechen, ohne die Frage der Verantwortung aufzuwerfen. Wenn große oder einflussreiche Teile der Bevölkerung in die Taten verwickelt waren, untergräbt das deren Legitimität.“

Fell über die Ohren

Als weiteres Beispiel nennt er die Entstehung unserer Eigentumsordnung. „Historisch gibt es da wenig zu deuteln: An einem bestimmten Punkt in der Geschichte hat eine Minderheit der Mehrheit das Fell über die Ohren gezogen. Wie Honoré de Balzac gesagt hat, steht historisch hinter jedem großen Vermögen letztlich ein Verbrechen. Das hören die Vermögenden aber natürlich nicht gerne – und tun wenig dafür, zur Aufklärung beizutragen.“

Geschichte von unten!?

Umgekehrt haben soziale Bewegungen auch maßgeblich die Erforschung und Darstellung von Geschichte beeinflusst bzw. sind selbst Gegenstand der Geschichtsschreibung geworden. Susan Zimmermann, Professorin an der Central European University in Budapest und Präsidentin der International Conference of Labour and Social History, fordert gerade hier immer wieder neue Perspektiven ein. „In der Geschichtsschreibung zu sozialen Bewegungen gibt es blinde Flecken, insbesondere dort, wo bestimmte mehrfach unterdrückte Gruppen gleichsam ‚Schnittmengen‘ zwischen unterschiedlichen Bewegungen bilden. Diese blinden Flecken sind ein Produkt der Fortschreibung historischer Marginalisierungen durch eine Geschichtsschreibung, die historische Trennlinien reproduziert, die von dominanten Gruppen gezogen wurden.“

So waren etwa sozialistische Frauen in der ArbeiterInnenbewegung zwar präsent und geduldet, aber als Frauen dennoch ins Abseits gedrängt, wie sie erläutert: „In der klassenübergreifenden Frauenbewegung waren diese Frauen ebenfalls präsent, aber als Sozialistinnen marginalisiert. Nicht wenige sozialistische Frauen waren genau wegen und gegen solch doppelte/r Marginalisierung in beiden Bewegungen aktiv. Solange die Geschichtsschreibung nur auf eine der beiden Bewegungen fokussiert, bekommt sie die doppelt marginalisierten Gruppen und ihre Netzwerke und Agenda nicht in den Blick. Wenn sie, umgekehrt, gerade auf diese Gruppen fokussiert, kann sie beginnen, ein ganz neues Bild der Geschichte sozialer Bewegungen zu zeichnen.“

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