Die Entwicklung unterstreicht die Fragilität der österreichischen Medienbranche: „Big Tech“ ist nur eine von vielen Bedrohungen für ihre Unabhängigkeit.
Medien gelten als zentraler Teil der „Infrastruktur der Demokratie“ – nur gut informierte Bürger:innen können fundierte Entscheidungen treffen. Medien sollen Politik und Staat auf die Finger schauen, Missstände aufdecken und bestenfalls präventiv gegen Korruption, Postenschacher und Steuergeldverschwendung wirken. Können sie diese Funktion nicht mehr erfüllen, ist auch die demokratische Öffentlichkeit in Gefahr.
Konzentrierter Markt
Der österreichische Mediensektor weist eine im europäischen Vergleich hohe wirtschaftliche Konzentration und geringe Vielfalt auf. Zwar gibt es hierzulande durchaus qualitativ hochwertigen Journalismus und Redaktionen, die sich – unter widrigen Bedingungen – mit den Mächtigen im Land anlegen sowie Misswirtschaft und Korruption aufdecken. Doch neben dem von Bürger:innen finanzierten ORF dominieren Österreichs Öffentlichkeit im Wesentlichen Medien, die von einigen wenigen vermögenden Familien und Konzernen oder der katholischen Kirche kontrolliert werden. Abgesehen von Wien sind die Bundesländer von Tageszeitungsmonopolen geprägt, der Boulevard hierzulande ist so mächtig wie in kaum einem anderen europäischen Land.

Verschärft wird diese Situation durch Monopole im digitalen Raum. Die meisten Zugriffe erhalten Medien über Plattformen wie Google, TikTok, Instagram oder X (vormals Twitter). Diese befinden sich allesamt in den Händen von Oligarchen und fungieren als „Supra-Gatekeeper“. Was dort nicht aufscheint, hat kaum eine Chance, ins öffentliche Bewusstsein vorzudringen.
Diese Digitalkonzerne folgen einer profitorientierten Logik, kritisiert Leonhard Dobusch, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck und Mitglied des ORF-Stiftungsrats. Emotionalisierung, Polarisierung, Radikalisierung und extreme Inhalte generieren Aufmerksamkeit, Klicks und damit Geld. Journalistische Qualität oder ein demokratischer Mehrwert spielen für das Geschäftsmodell der Digitalriesen eine untergeordnete Rolle. Wie das Beispiel X zeigt, können Milliardäre wie Elon Musk auch gleich ganze Plattformen kaufen. Und nach ihren eigenen (auch rechtsextremen) Vorstellungen gestalten. Demokratiepolitisch ist das ein Problem, denn „in Österreich gibt es kaum eine reichweitenstarke digitale Öffentlichkeit, die nicht käuflich ist“, kritisiert Dobusch. Medien stehen vor der Wahl: Sie folgen den Spielregeln der TechGiganten oder riskieren, im öffentlichen Diskurs unterzugehen.
Sprachrohr der Reichen?
Doch nicht nur internationale Tech-Konzerne bedrohen die Unabhängigkeit von Redaktionen. Die ausgewachsene Krise der österreichischen Medien ist im Wesentlichen hausgemacht. Da sind zum einen die Interessen der Medieneigentümer:innen. „Natürlich ist es nicht so, dass der Eigentümer direkt den einzelnen Redakteur anruft“, sagt Dobusch. Entscheidend sei die „Personalhoheit“. Eigentümer:innen bestimmen im Regelfall Herausgeber:in und Chefredaktion eines Mediums. „Das reicht für massiven Einfluss.“
Diesen Eindruck untermauert eine Analyse der Universität Linz (JKU) von 62 Haushalten mit einem Vermögen jenseits der 500 Millionen Euro. „Durch die Finanzierung oder den Besitz von Medienunternehmen“ könnten vermögende Haushalte „gesellschaftlichen Einfluss“ zu ihren Gunsten ausüben, heißt es in der Studie vom Oktober 2024. Insbesondere die „prekäre finanzielle Lage vieler Medienunternehmen [kann] zu einer Abhängigkeit von ihren Eigentümern führen“, heißt es in den Forschungsergebnissen. Und dadurch würde etwa indirekt die Berichterstattung über Themen wie extreme Vermögenskonzentration beeinflusst werden.
Macht der Anzeigen
Eine ähnliche Logik greift bei Inseratenkund:innen: Besonders der Lebensmittelhandel scheint verstanden zu haben, wie man sich Ärger erspart. Spar, Rewe, Hofer und Co. zählen zu den größten Inseratenkund:innen des Landes. Sie machen bei manchen Medien bis zu 50 Prozent des Werbevolumens aus. Die Investigativplattform DOSSIER berichtete 2020 über „vorauseilenden Gehorsam“ mancher Redaktionen gegenüber den Handelsriesen. Dobusch spricht von „subtilen Mechanismen“, finanzielle Abhängigkeiten würden eine „Schere im Kopf“ begünstigen. Wer Inseratenkund:innen nicht vergraulen will, ist mit Kritik womöglich etwas sparsamer – ob bewusst oder unbewusst.
Laut einer Analyse des Medien-Watchblogs Kobuk berichten etwa die großen Boulevardblätter des Landes „auffällig positiv“ über Supermarktketten. In den Blättern der Fellner-Mediengruppe „gab es 2023 keinen einzigen von 81 gedruckten Artikeln, in denen Supermärkte namentlich genannt wurden, der auch nur ansatzweise kritisch war“, schreibt Kobuk.
Eine Studie der JKU zu „medienökonomischen Perspektiven auf die vierte Gewalt in Österreich“ sieht darin ein systemisches Problem. In der Tendenz stehen privatwirtschaftliche, profitorientierte Medien dem Ideal der „Infrastruktur demokratischer Öffentlichkeit“ entgegen. „Sie neigen dazu, Machtverhältnisse zu stabilisieren, und tragen somit zu einer Einschränkung der demokratischen Prozesse bei“, so die Studienautor:innen.
Eine toxische Beziehung
Beim Verhältnis zwischen Medien und Politik greift eine ähnliche Logik: Man beißt nicht die Hand, die einen füttert. Der ÖVP-Politiker und ehemalige Nationalratsvorsitzende Wolfgang Sobotka sagte einst in der Oe24-Talkshow „Fellner Live“ ganz unumwunden: „Na ja, Sie kennen das G’schäft ja, fürs Inserat gibt’s ein Gegengeschäft, oder?“
Auch Sobotkas Parteikollege und Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz soll das Geschäft gekannt haben. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ermittelt seit 2021 wegen Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit. Der Verdacht: Kurz und sein engster Kreis sollen Jubelumfragen beauftragt, die Mediengruppe Österreich die Ergebnisse veröffentlicht und dafür Hunderttausende Euro an Steuergeld in Form von Inseraten kassiert haben. Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft laufen bis heute, für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
Wir brauchen jetzt Unterstützung –
sonst erlebt manches Medienunternehmen
das Studienergebnis vielleicht gar nicht mehr.
Ute Groß, GPA
Eine Erhebung eines Forscher:innenteams der Universität Wien und der Universität Freiburg (Schweiz) scheint den Verdacht der WKStA zu untermauern. Es wertete 222.000 Nachrichtenartikel aus 18 österreichischen Medien im Zeitraum 2012 bis 2021 aus. Ergebnis: Nach mutmaßlichen Inseratendeals mit Oe24 wurde Kurz „erheblich häufiger erwähnt, als dies ohne politische Einflussnahme statistisch zu erwarten gewesen wäre“. Der Ton gegenüber der politischen Konkurrenz sei hingegen negativer geworden.
Boulevard und Politik
Das „Geschäft“ zwischen Politik und Boulevard hat in Österreich seit Jahrzehnten Tradition. Bereits Anfang der 2000er-Jahre machte sich SPÖ-Politiker Werner Faymann als „Inseratenkanzler“ einen Namen, indem er sich mit seiner Inseratenpolitik das Wohlwollen des Boulevards erkaufte.
Dass sich das zahlreiche Politiker:innen zum Vorbild nahmen, lässt sich auch am öffentlichen Werbevolumen ablesen: Just im Quartal vor Wahlen steigen die Werbeausgaben von Ministerien und öffentlichen Stellen für gewöhnlich exorbitant an. Wohlgemerkt handelt es sich dabei um Steuergeld und nicht um das Wahlkampfbudget politischer Parteien, weshalb Regierungsinserate in Wahlkampfzeiten in Deutschland seit 1977 verboten sind. Nicht so in Österreich, wodurch sich über die Jahre das System der gegenseitigen Abhängigkeit etablieren konnte.
Was es bedeutet, dieses System infrage zu stellen, bekommt derzeit Medienminister Andreas Babler (SPÖ) zu spüren. Er kündigte an, die Medienförderung auf neue Beine zu stellen, öffentliche Werbegelder sollen zukünftig an Qualitätskriterien geknüpft sein und nicht nach Gutsherrenart vergeben werden können. Dass nun seit Monaten Negativschlagzeilen über den Vizekanzler im Boulevard dominieren, werten verschiedene Kommentator:innen als Kampagne, um am bestehenden System festzuhalten. Und laut Recherchen des Investigativmagazins DOSSIER kann der Boulevard zur Durchsetzung seiner Interessen sehr weit gehen. DOSSIER berichtete im Jahr 2022 von Politiker:innen, die sich darüber beklagten, der Boulevard würde „Schutzgeld“ erpressen. Er sei wie ein „Höllenhund, der gefüttert werden will“.
Kündigungen quer durch die Branche
Finanzielle Abhängigkeiten und die mangelnde Vielfalt wirken sich auch auf die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen negativ aus: weniger Zugriffe, weniger Abos, weniger Werbeeinnahmen – die ökonomische Krise der etablierten Medienhäuser in Österreich wächst rasant. Gespart wird auch beim Personal: Laut Schätzungen der Gewerkschaft GPA haben allein vergangenes Jahr 300 Journalist:innen ihren Job verloren. Betroffen sind klassische Printmedien, Onlinemagazine, Radio- und TV-Anstalten – „das geht quer durch die Branche“, warnt Ute Groß, Vorsitzende der Journalist:innengewerkschaft in der GPA.
Der Personalabbau hat Folgen für die Qualität der Berichterstattung. Die ohnehin schon hohe Arbeitsbelastung verteilt sich auf noch weniger Schultern oder wird an freie Journalist:innen ausgelagert. Die Situation Letzterer ist seit jeher prekär. Laut dem Deutschen Journalismusverband (DJV) verdienen Freiberufler:innen in Deutschland im Schnitt 1.600 Euro netto pro Monat. In Österreich dürfte die Situation kaum besser sein. Egal ob frei oder fix angestellt: Unter diesen Bedingungen bleibt für aufwendige Recherchen und Reportagen, für tiefgründige Analysen kaum Zeit. Damit fallen genau jene Inhalte weg, für die Leser:innen bereit sind zu bezahlen. Und jene Instrumente, die es braucht, um die Mächtigen im Land zu kontrollieren.
Unabhängige Medien?
Leonhard Dobusch fasst die Problematik zusammen: „Es gibt keine unabhängigen Medien.“ Alle seien – bis zu einem gewissen Grad – von politischen Akteur:innen, Eigentümer:innen, Abonnent:innen und Inseratenkund:innen abhängig. Ein gangbarer Weg bestehe für Dobusch darin, diese Abhängigkeiten möglichst zu „diversifizieren“. Eine funktionierende Medienöffentlichkeit brauche einen ausgewogenen Mix aus privatwirtschaftlichen, öffentlichrechtlichen und gemeinwohlorientierten Medien. „Problematisch wird es immer dann, wenn in der Medienlandschaft eine Form der Abhängigkeit dominiert“, so Dobusch.
Damit Medien ihrer Rolle als demokratische Infrastruktur wahrnehmen können, brauche es zudem digitale öffentliche Räume, die abseits von Profitlogiken und nach demokratischen Maßstäben funktionieren. Vorbilder gebe es genug, etwa Wikipedia oder die Social-Media-Plattformen Mastodon und Bluesky.
Seit fast drei Jahren arbeiten ARD, ZDF, ABC (Australien), CBC/Radio Canada, RTBF (Belgien) und SRG SSR (Schweiz) mit Wissenschafter:innen am Projekt „Public Space Incubator“. Die Idee: Öffentlich-rechtliche Medien sollen ihre Inhalte auf eigenen Plattformen ausspielen, die nach ihren eigenen Regeln und Interessen funktionieren – und sich damit unabhängiger von Google, Facebook und Co. machen. Der ORF ist nicht Teil des Programms, weil rechtliche Voraussetzungen fehlen.
Kann es sein, dass die Krone Spekulationen in Umlauf bringt, um einen unliebsamen Medienminister abzuschießen?
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— Kobuk! (@kobuk.at) 14. Januar 2026 um 13:54
„Rettet den Journalismus“
Auch im Medienministerium scheint man sich der Dramatik der Situation bewusst zu werden. Im Herbst 2025 wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die als Grundlage einer radikalen Reform der Medienförderung dienen soll. Ergebnisse werden voraussichtlich im Frühjahr vorliegen. Gewerkschafterin Groß begrüßt die Initiative, warnt jedoch: „Wir brauchen jetzt Unterstützung – sonst erlebt manches Medienunternehmen das Studienergebnis vielleicht gar nicht mehr.“
Unter dem Motto „Rettet den Journalismus“ forderten GPA und der Presseclub Concordia bereits im Oktober sofortige Maßnahmen. Etwa eine Vertriebsförderung für Zeitungen in Höhe von 25 Millionen Euro, die steuerliche Absetzbarkeit einer Zeitung pro österreichischen Haushalt und die Erhöhung der Journalismusförderung durch eine Anhebung der Digitalsteuer von 5 auf 7 Prozent.
Eine bessere Finanzierung, unabhängige Digitalplattformen, eine Entflechtung politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Von all dem könnten die Qualität journalistischer Arbeit, Leser:innen und Bürger:innen – und nicht zuletzt die Demokratie – profitieren.