Über die Vermessung von Wohlstand

Fotos (C) Michael Mazohl, Konzept & Produktion: Thomas Jarmer
Wachstum bringt nicht automatisch Wohlstand für alle, viele Dimensionen eines guten Lebens werden gar nicht berücksichtigt. Wie die AK gesellschaftlichen Fortschritt in den Mittelpunkt stellt.
Geht Wirtschaftswachstum automatisch mit einer Steigerung des Wohlstands einher? Was ist eigentlich das Ziel wirtschaftlichen Handelns? Wie lässt sich gesellschaftlicher Fortschritt messen? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen soziale, ökologische und ökonomische Ziele gleichermaßen miteinbezogen werden. Wirtschaftswachstum allein greift zu kurz. Mit unserem AK-Wohlstandsbericht versuchen wir, mit einem breiten Set von Indikatoren einen Beitrag zur Etablierung einer umfassenden gesamtgesellschaftlichen Wohlstandsmessung zu leisten.

Wachstum ist nicht gleich Wohlstand

Wichtige Aspekte für ein gutes Leben:

  • Gesundheit
  • Bildung
  • Gleichstellung
  • Verteilungsgerechtigkeit
  • ökologische Nachhaltigkeit
In wirtschaftspolitischen Debatten dominiert eine Kennzahl: das Wachstum der Wirtschaftsleistung. Die Aussagekraft dieser Kennzahl ist allerdings stark beschränkt. Auch in Zeiten von hohem Wirtschaftswachstum kann es sein, dass nur wenige davon profitieren, während sich die Lebensbedingungen vieler nicht verbessern oder sogar verschlechtern. Wichtige Aspekte für ein gutes Leben wie Gesundheit, Bildung, Gleichstellung, Verteilungsgerechtigkeit oder ökologische Nachhaltigkeit kommen als Maßstab gar nicht vor. Wachstum bedeutet eben nicht automatisch mehr Wohlstand für alle. Deswegen braucht es unbedingt umfassende Konzepte und die Einbeziehung verschiedener Dimensionen, um Wohlstand messen zu können.

Im Jahr 2015 haben sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen dazu verpflichtet, 17 sogenannte Sustainable Development Goals (SDGs) zu erreichen, sprich Ziele für nachhaltige Entwicklung.
Die Debatte rund um die Messung des Wohlstands gewann im vergangenen Jahrzehnt an Dynamik. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete die sogenannte „Kommission zur Messung von Wohlstand und gesellschaftlichem Fortschritt“ unter Federführung der beiden Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen. Die beiden Ökonomen appellieren dafür, das „Well-being“ heutiger und künftiger Generatio­nen in den Mittelpunkt zu stellen. Denn was wir messen, verändere schlussendlich auch, was wir tun. Auch auf internationaler Ebene gibt es wichtige Ansatzpunkte für eine breitere Definition des Wohlstands: Im Jahr 2015 haben sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen dazu verpflichtet, 17 sogenannte Sustainable Development Goals (SDGs) zu erreichen, sprich Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Anknüpfend an diese internationalen Diskussionen widmet sich auch die Statistik Austria seit 2012 mit ihrem Projekt „Wie geht’s Österreich?“ diesem Thema. Sie analysiert mit 30 Schlüsselindikatoren die drei Bereiche „materieller Wohlstand“, „Lebensqualität“ sowie „Umwelt“ und bewertet die kurz- und mittelfristige Entwicklung in der Vergangenheit mit Unterstützung eines ExpertInnengremiums. In ihrem jüngsten Bericht aus dem Jahr 2018 sah sie zwar Fortschritte beim materiellen Wohlstand, merkte aber an, dass langfristig ein Auseinanderklaffen von niedrigen und hohen Einkommen der unselbstständig Erwerbstätigen zu beobachten ist. Die Lebensqualität in Österreich entwickelte sich insgesamt positiv. Insbesondere die subjektiv empfundene Lebenszufriedenheit erreicht gute Werte. Im Umweltbereich überwiegen negative Entwicklungen aufgrund eines hohen Ressourcen- und Energieverbrauchs.

Wohlstand im Mittelpunkt

Das „magische Vieleck“ einer wohlstandsorientierten Wirtschaftspolitik:

  • fair verteilter materieller Wohlstand
  • Vollbeschäftigung und gute Arbeit
  • Lebensqualität
  • intakte Umwelt
  • ökonomische Stabilität
Als Ergänzung zu „Wie geht’s Österreich“ gibt die Arbeiterkammer Wien seit dem Vorjahr einen jährlichen Wohlstandsbericht heraus. Anhand des „magischen Vielecks“ einer wohlstandsorientierten Wirtschaftspolitik mit fünf übergeordneten Zielen („fair verteilter materieller Wohlstand“, „Vollbeschäftigung und gute Arbeit“, „Lebensqualität“, „intakte Umwelt“ sowie „ökonomische Stabilität“) analysieren wir mit einem umfangreichen Indikatorenset den gesellschaftlichen Fortschritt Österreichs und leiten Prioritäten sowie politische Empfehlungen für eine Steigerung des Wohlstands ab.

Dabei blicken wir nicht nur in die Vergangenheit, sondern analysieren auch aktuelle Entwicklungen und bieten eine Vorausschau in die nahe Zukunft aus einer interessenpolitischen Sicht. Als ArbeitnehmerInnenvertretung messen wir der Arbeitswelt eine besondere Bedeutung zu.

Insgesamt zeigt der AK-Wohlstandsbericht des Vorjahrs viele positive Entwicklungen auf. Bei der ökonomischen Stabilität steht Österreich im Vergleich zur Eurozone sehr gut da. Die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigte auf, dass dies eine zentrale Voraussetzung für nachhaltigen Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt ist. In diesem Bereich sehen wir vergleichsweise wenig Handlungsbedarf, um nachhaltigen Wohlstand voranzutreiben. Ebenfalls sehr positiv entwickelt sich die Lebensqualität. Dieser Bereich umfasst subjektive Indikatoren wie die individuell empfundene Lebenszufriedenheit, aber auch objektive Daten wie die Bildungsabschlüsse. Darüber hinaus haben wir in dieser Dimension bedeutsame Aspekte wie die Vermeidung von Armut, Wohnen und Gesundheit analysiert. Außer beim Wohnen waren überall Fortschritte zu verzeichnen. Dieses Ergebnis spiegelt auch den in Österreich nach wie vor gut ausgebauten Sozialstaat wider.

Hohe Vermögenskonzentration

In den Bereichen „fair verteilter materieller Wohlstand“, „Vollbeschäftigung und gute Arbeit“ sowie „intakte Umwelt“ orten wir allerdings Handlungsbedarf. Während sich die Arbeitsproduktivität und die real verfügbaren Einkommen höchst positiv entwickeln, gibt es bei der Einkommensverteilung und insbesondere bei der hohen Vermögenskonzentration sowie beim geschlechtsspezifischen Lohngefälle die Notwendigkeit, politische Maßnahmen zu ergreifen.

Um das Ziel Vollbeschäftigung und gute Arbeit zu erreichen, muss noch viel getan werden.

Um das Ziel Vollbeschäftigung und gute Arbeit zu erreichen, muss ebenfalls noch viel getan werden. Die Arbeitsqualität, die wir anhand des Arbeitsklimaindexes messen, und die Erwerbstätigenquote bewerten wir zwar positiv, aber bei der vorwiegend von Frauen geleisteten unbezahlten Arbeit, der Unterbeschäftigung und bei den Mehr- und Überstunden orten wir Probleme. Hinzu kommt, dass die abgewählte Bundesregierung mit der Einführung des 12-Stunden-Tages sowie dem stärkeren Druck auf Arbeitslose bereits bestehende negative Entwicklungen verstärkt.

Beim Ziel einer intakten Umwelt verbinden wir die ökologische Nachhaltigkeit mit der umweltbezogenen Lebensqualität und den Gesundheitschancen. Die Zielwerte für die notwendige Reduzierung der Treibhausgasemissionen werden 2020 voraussichtlich verfehlt werden. Für das 2030-Ziel wäre eine grundlegende Veränderung des österreichischen Wirtschaftssystems erforderlich, für die noch keine Weichen gestellt wurden. Darüber hinaus bedarf es Verbesserungen für Lärmbetroffene sowie einer aktiven Bodenschutz- und Raumordnungspolitik zur Reduzierung der Flächeninanspruchnahme.

Mehr Investitionen für alle

Mit dem „magischen Vieleck“ wohlstandsorientierter Wirtschaftspolitik sollen nicht nur möglichst alle Dimensionen für ein gutes Leben berücksichtigt werden, sondern auch Zielkonflikte zwischen diesen sichtbar gemacht werden. Dies ist die Grundvoraussetzung, damit politische Maßnahmen und Prioritäten evidenzbasiert verhandelt werden und ein Ausgleich bei Zielkonflikten im demokratischen Prozess stattfinden kann. Dabei gibt es auch Maßnahmen, die positive Wirkungen auf mehrere Dimensionen des Wohlstands haben.

Viele Maßnahmen für ein gutes Leben aller warten also „nur mehr“ auf ihre Umsetzung.

Eine Steigerung der öffentlichen Investitionen zur Dekarbonisierung, ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs oder ressourceneffizienter Wohnbau wirken sich nicht nur positiv auf die Umwelt und das Klima aus, sondern tragen auch zu einer Verbesserung der Lebensqualität bei und sorgen für ökonomische Stabilität. Eine Verkürzung der Arbeitszeit würde mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ermöglichen und könnte gleichzeitig die Unterbeschäftigung sowie Arbeitslosigkeit reduzieren. Viele Maßnahmen für ein gutes Leben aller warten also „nur mehr“ auf ihre Umsetzung.

Dieser Beitrag basiert auf dem Wohlstandsbericht 2018 der Arbeiterkammer Wien sowie auf dem EU-Infobrief „Wohlbefinden auf der Ratsagenda“.

Der Wohlstandsbericht 2019 erscheint im Oktober 2019.

Von
Pia Kranawetter
Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 8/19.

Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin
pia.kranawetter@akwien.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at

Über den/die AutorIn

A&W Print

A&W Print

Zehn Mal im Jahr erscheint die Zeitschrift Arbeit&Wirtschaft als Schwerpunktheft. Die Beiträge unserer Autorinnen und Autoren übernehmen wir in unser Online-Magazin.