Teilzeitdebatte: Ein Comeback der Gerechtigkeit

Mutter und Tochter verabschieden sich am ersten Schultag emotional durch das Autofenster. Symbolbild für die Teilzeitdebatte.
Mütter werden in der Teilzeitdebatte zu Vollzeit gedrängt, während es nicht genug Kindergartenplätze gibt. | © Adobe Stock/st.kolesnikov
In der Teilzeitdebatte geht es einmal mehr um das „Comeback der Leistung“. Solange jedoch Kinderbetreuungsplätze und flexible Arbeitszeiten fehlen, werden Frauen zu Unrecht unter Druck gesetzt. Ein Kommentar.

Begonnen hat alles mit einem Hamburger und Pommes. Oder zumindest verlässt uns die Debatte um Teilzeitbeschäftigte nicht mehr, seit der damalige Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) in einer Vinothek dabei gefilmt wurde, wie er Familien, die ein warmes Essen wollen, eine Fast-Food-Kette ans Herz legte. Denn die in Teilzeit Arbeitenden hatte Nehammer damals in der Vinothek kritisiert.

In der aktuellen Debatte um Teilzeitarbeit forderte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) zuletzt ein „Comeback von Leistung“. Das klingt nach einem knackigen Wahlkampfslogan. Tatsächlich kämpft Österreich mit Fachkräftemangel und der Finanzierung des Sozialstaats. Die Verantwortung wird dabei immer wieder auf die Schultern einzelner Beschäftigter gelegt – und hier vor allem von Frauen. Wer glaubt, dass diese zu wenig an bezahlter und vor allem auch unbezahlter Arbeit leisten, blendet die Realität und strukturelle Probleme aus.

Irreführende Debatte

Würde es um das Wohl aller Betroffenen gehen, stünde die Frage im Mittelpunkt, wie sich Arbeit, Familie und Gesundheit besser miteinander vereinbaren lassen. Wir könnten dann darüber sprechen, wie Unternehmen ihre Beschäftigten entlasten, wie Arbeitszeitmodelle flexibler gestaltet und wie Überlastungen reduziert werden. Und würde es tatsächlich um die solide Finanzierung des Sozialstaats gehen, würden wir ernsthaft über alternative Einnahmequellen reden: über eine gerechtere Steuerpolitik und eine konsequente Bekämpfung von Steuerflucht; über die Frage, warum Konzerne Rekordgewinne verbuchen, während die Gesellschaft angeblich nur durch mehr Wochenstunden der Beschäftigten am Laufen gehalten werden kann.

Wer glaubt, dass Frauen zu wenig an bezahlter
und vor allem auch unbezahlter Arbeit leisten,
blendet die Realität und strukturelle Probleme aus.

Colette Schmidt, Journalistin “Der Standard”

Besonders perfide ist, dass in dieser Debatte Frauen unter Druck gesetzt werden, statt ihnen die Voraussetzungen zu schaffen, ihre Arbeitszeit besser zu gestalten. Noch immer gibt es in vielen Regionen zu wenige Kinderbetreuungsplätze. Wer Vollzeit fordert, muss erst einmal dafür sorgen, dass Kinder gut und verlässlich betreut werden – alles andere ist unehrlich. Solange diese Infrastruktur fehlt, wird die Forderung nach „mehr Arbeitsstunden“ zur Zwangsmaßnahme. Und die trifft vor allem Mütter, aber auch Frauen, die Angehörige pflegen.

Flächendeckende Kinderbetreuung

Andere Länder zeigen, dass es besser geht. Man muss flächendeckende, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung endlich als Selbstverständlichkeit begreifen, bevor politische Kampagnen zur Erhöhung der Arbeitszeit gestartet werden. Wo Vollzeiterwerbstätigkeit für Eltern eine echte Option ist, bleibt sie nicht nur eine pseudomoralische Forderung.

Teilzeit ist kein „Lifestyle“, sondern für viele alternativlos. Erst mit fairen Löhnen und Gehältern und guter Kinderbetreuung wird Vollzeit attraktiv.

Wer über Arbeitszeit redet, muss über Einkommen reden.

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— ÖGB (@oegb.bsky.social) 20. August 2025 um 10:11

Wer also wirklich Fachkräfte gewinnen und den Sozialstaat sichern will, muss bei den Rahmenbedingungen beginnen: gerechte Finanzierung des Sozialstaats, faire Arbeitszeiten und verlässliche Betreuung. Alles andere ist weder sozial noch nachhaltig und schon gar nicht gerecht. Ein Comeback der Gerechtigkeit, das wäre einmal eine wünschenswerte Forderung eines Wirtschaftsministers.

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Über den/die Autor:in

Colette Schmidt

ist Redakteurin für Innenpolitik und Chronik bei der Tageszeitung „Der Standard“ und Betriebsratsvorsitzende der Standard Verlags GesmbH.

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