Reportage: Sprachrohre & PionierInnen

Inhalt

  1. Seite 1 - Persönliches Gespräch im Zentrum
  2. Seite 2 - Richtungweisender KV
  3. Seite 3 - Verschiedene Kulturen
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Ob Lösungen für Konflikte oder der Kampf gegen Personalabbau, ob das Gespräch mit den Dienstgebern oder die Verhandlungen zum Kollektivvertrag: Die Arbeit von BetriebsrätInnen ist vielfältig und herausfordernd – aber auch lohnend. Ein Besuch bei den BetriebsrätInnen des Landeskrankenhauses Salzburg und der Energie Steiermark in Graz.

Vielfältige Lebensgeschichten

Während des Spaziergangs über das Gelände der Salzburger Klinik begegnet Gabath immer wieder bekannten Gesichtern und bleibt kurz stehen, um ein paar Worte zu wechseln. „Du erlebst bei 5.000 Leuten natürlich wesentlich mehr Schicksalsschläge, Krankheiten, Partner, die sterben – wirkliche Notfälle“, erzählt sie. „Da muss man natürlich anders agieren, als wenn jemand kommt und meint: Wir haben zwei in unserer Abteilung, die furchtbar streiten“, erläutert sie. „Man muss alleweil schauen: Was ist hilfreich?“

Die Sorgen und Nöte der KollegInnen zu lindern, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, Folgen von Einsparungen abfedern: Das sind wohl die zentralen Aufgaben von BetriebsrätInnen.

Die Sorgen und Nöte der KollegInnen zu lindern, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, Folgen von Einsparungen abfedern: Das sind wohl die zentralen Aufgaben von BetriebsrätInnen. Eine mindestens so wichtige Baustelle, bei der sie tatkräftig mitmischen, sind die Kollektivverträge (KVs) bzw. die Verhandlungen mit den Arbeitgebern.

Hier stehen gerade BetriebsrätInnen in großen Häusern, noch dazu mit ausgegliederten Bereichen, vor großen Herausforderungen. Unter anderem müssen sie sich mit verschiedenen KVs auseinandersetzen, das größte Spannungsfeld sind naturgemäß historisch gewachsene Ungerechtigkeiten, wenn etwa die einen Beschäftigten deutlich schlechter verdienen als andere.

Richtungweisender KV

Besonders zufrieden ist Johann Hubmann, Konzernbetriebsrat in der Energie Steiermark, dass es ihm und seinem Team gelungen ist, dass in seinem Haus ab April nur noch ein einziger KV für alle gelten wird. Ausgangspunkt dafür waren die KV-Verhandlungen für die Energiewirtschaft. Dabei haben sich ArbeitnehmerInnen und Arbeitgeber darauf geeinigt, dass diese Harmonisierung in der ganzen Branche erreicht werden soll. Eine der treibenden Kräfte auf Betriebsratsseite war Hubmann selbst, der in der GPA-djp Vorsitzender des Wirtschaftsbereichs Energie ist.

In Österreich arbeiten rund 1.500 Menschen für die Energie Steiermark, die in acht Tochtergesellschaften gegliedert ist.
In der konkreten Umsetzung würden in manchen Firmen in Österreich noch einzelne Kämpfe ausgetragen, erzählt der Steirer. Umso glücklicher ist er, dass sein eigener Betrieb in dem Fall so etwas wie eine Vorreiterrolle einnimmt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Steinberger sitzt er im Büro des Betriebsrats, das an Aufklebern von „PRO-GE“ und „GPA-djp“ sofort erkennbar ist. An der Wand hängt unter anderem das Organigramm des Betriebsrates, der so komplex ist wie das Unternehmen selbst. In Österreich arbeiten rund 1.500 Menschen für den Energiekonzern, der in acht Tochtergesellschaften gegliedert ist.

„Wir haben mehrere unterschiedliche KVs gehabt“, erinnert sich Hubmann, „und wir haben erreicht, dass sofort diverse Firmen in den neuen Kollektivvertrag übertreten. Dann sind alle Beschäftigten im EVU-KV, also Fernwärme, die Gasbereiche, die Handelsbereiche, dann gibt es einen kaufmännischen Servicebereich und so weiter. Ein paar hundert Leute sind jetzt direkt in den KV gekommen.“ Arbeiter gibt es formal in der Energie Steiermark keine mehr, vielmehr sind alle Beschäftigten als Angestellte eingestuft.

Foto (C9 Michael Mazohl
In der steirischen Landeshauptstadt Graz entsteht momentan ein neuer Standort der Energie Steiermark: das Stadtkraftwerk an der Mur.
Momentan halten sich dort noch viele Menschen auf, denn die Baustelle ist in vollem Gange.

Zurück zum Kollektivvertrag der gesamten Branche. Darin sind nämlich einige innovative Zugänge enthalten, die auf die Veränderungen der Wirtschaftswelt Rücksicht nehmen. Auch hier war Hubmann eine treibende Kraft. So gibt es beispielsweise die Position „Koordinationsverantwortung für externe Auftragnehmer“. „Hinter dem verbirgt sich, wenn bei uns zum Beispiel ein Monteur eine Baustelle mit Fremdfirmen leitet“, erläutert Hubmann. Bisher war die Person als „normaler Monteur“ eingestuft, weil sie keine Personalverantwortung oder jedenfalls kein Team an internen MitarbeiterInnen geführt hatte. „Mit dem neuen Titel kann die Person jetzt finanziell weiterkommen.“ Anders ausgedrückt: Mit den neuen Positionen sollen Beschäftigte beim Gehalt größere Sprünge machen können, auch wenn sie keine „klassische“ Karriere machen (wollen).

Ein weiteres Beispiel ist die Position „Leitung und Mitarbeit an Projekten“, die für Personen gedacht ist, die in verschiedenen Projekten quer über Abteilungen oder Gesellschaften hinweg mitarbeiten oder diese koordinieren. „Die haben oft keine Zeit für ihre eigene Karriere. Mit diesem Titel können sie in sehr hohe Gruppen kommen“, so Hubmann.

Noch ein Beispiel sind „Fachexperten“, die keine Leitungsfunktion haben, aber großes Fachwissen. Auch sie haben nun die Chance, besser zu verdienen, ohne dass sie eine Leitungsaufgabe übernehmen müssen. Hubmanns Betriebsratskollege Steinberger, der selbst als Techniker arbeitet: „Das ist ganz wichtig, weil so drängst du den Experten nicht, ohne dass er das möchte, in eine Führungsrolle. Der wäre eigentlich Techniker mit Leib und Seele, muss aber noch Personalführung machen, und das liegt ihm vielleicht gar nicht. “

Nicht nur am Papier

Foto (C) Michael Mazohl

Um zu erreichen, dass der KV nicht nur auf dem Papier eine Gleichstellung der Beschäftigten in der Energiebranche vorsieht, ist ein Mechanismus vorgesehen. „Im Anhang des KV gibt es eine eigene Liste, welche Unternehmen den KV anwenden. Die wird jedes Jahr evaluiert, und es wird angeschaut, wer dazukommen muss“, erklärt Gewerkschafter Hubmann.

Zudem gilt: Wird in einer Firma eine gesellschaftsrechtliche Änderung vorgenommen, überprüfen die dortigen Sozialpartner, ob nun der neue KV für alle angewendet werden soll oder nicht. Nach den Beratungen auf Firmenebene geht der Prozess auf KV-Ebene weiter.

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Über den/die Autor*in

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.