Reportage: Larisa taucht durch

Inhalt

  1. Seite 1 - Unter der Armutsgrenze
  2. Seite 2 - Im Griff der Rezession
  3. Seite 3 - Die Normalität sind zwei, drei kleine Jobs parallel
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Griechenlands Jahrhundertkrise in der Provinz: Weil der Sozialstaat radikal gekappt wurde und Arbeitsplätze Mangelware sind, überlebt Thessaliens Hauptstadt mit Kooperativen und Solidarität. Ein Lokalaugenschein.

Im Griff der Rezession

Magrizous Gemeinde macht die Spar- und Steuerpolitik der wechselnden Regierungen in Athen mit wie der Rest der griechischen Gesellschaft. Von nahezu steuerfrei wurden religiöse Gemeinschaften auf 40 Prozent gesetzt. Es gab eine neue Steuer auf Grund und Immobilien, gleichzeitig sanken die Mieteinnahmen. Kaum einer kann sich die Mieten von früher leisten. Die Rezession hat alle im Griff. Am Ende muss die jüdische Gemeinde in Larisa mit 70 Prozent weniger Geld für ihre Mitglieder auskommen. Dabei ist sie die älteste und wichtigste im Land neben jenen in Athen und Thessaloniki. Von 1.200 Bürgern jüdischen Glaubens ist sie nach dem Einmarsch der Deutschen und dem Holocaust im Zweiten Weltkrieg auf heute 200 Familien geschrumpft.

Magrizou und seine Kollegen im Vorstand haben begonnen, erste Immobilien zu verkaufen, um das Gemeindeleben am Laufen zu halten. Von der politischen Radikalisierung in Griechenland, dem Aufstieg der Nazi-Partei Goldene Morgenröte in den Jahren der Wirtschaftskrise, hat die jüdische Gemeinde in Larisa gleichwohl wenig zu spüren bekommen. „Wir sind hier alle bekannt und sehr assimiliert“, sagt Magrizou. Und zumindest in Larisa ist die Goldene Morgenröte nicht wichtig.

Linker Zahnarzt als Bürgermeister

Seit Jahrzehnten wird die Stadt einmal links, einmal rechts regiert. Die Kommunisten verloren sie in den 1990er-Jahren an einen Konservativen der Nea Dimokratia. 2014 kam dann Apostolos Kalogiannis, ein Zahnarzt und Altlinker. Der Landwirtschaft, aber wohl auch dieser Balance von Rechts und Links wegen ist das Kooperativ-Modell so wichtig in der Stadt geworden. Es hat Larisa in all den Krisenjahren über Wasser gehalten.

Die Idee für einen städtischen Gemüsegarten ist zum Beispiel 2012, noch während der Amtszeit des konservativen Bürgermeisters Konstantinos Tsanakoulis entstanden – und am Tiefpunkt der Finanzkrise im Land. Mittellose Familien und PensionistInnen, von denen viele nach einem Dutzend Kürzungen ihrer Bezüge verarmten, erhalten von der Stadt ein kleines Stück Garten, um Obst und Gemüse für den eigenen Bedarf anzubauen. Ein Zehntel der Ernte geben sie ab, es kommt in die Sozialläden für Bedürftige in Larisa. 500 Familien sind mittlerweile bei diesen Läden angemeldet. Als die Stadt 2013 mit den Sozialläden begann, waren es 200 Familien im Monat. Für die GriechInnen, die aus Stolz und Scham ihre Armut, so weit es nur geht, verheimlichen, sind das große Zahlen.

Ioannis Diamadoulis, der Leiter des Gartenamts in Larisa, will auch lieber über Solidarität sprechen und darüber, dass sich die neuen GemüsegärtnerInnen morgens und abends bei ihrer Arbeit treffen und miteinander reden, was in solchen Zeiten doch erst recht wichtig sei. Alle zwei Jahre werden die knapp 300 Flächen am Südrand der Stadt neu verteilt. 50 Quadratmeter bekommt jede Familie. Es ist genug für Tomaten, Melanzani und Gurken.

Foto (C) Markus Bernath
50 Quadratmeter zum Selbstanbau: Die Stadt unterhält seit der Krise einen Gemüsegarten und vergibt Parzellen an mittellose Familien. Ein Zehntel ihrer Ernte liefern die GärtnerInnen an die Sozialläden in Larisa ab.

Die eine große Kooperative in der Stadt hat die Wirtschaftskrise allerdings weggespült. 557 MitarbeiterInnen hatte der „Supermarkt Larisa“ am Ende. Er war im Jahr 1986 aus dem Zusammenschluss einiger kleiner Lebensmittelläden in der Umgebung entstanden, wuchs über die Jahre – und musste 2015 doch Konkurs anmelden: Der Umsatz war in dem Maß gesunken, wie auch die Kaufkraft der KundInnen der Rezession und Arbeitslosigkeit wegen verloren ging. So argumentierte die linksgeführte Regierung in Athen und reichte bei der EU-Kommission in Brüssel einen Antrag auf Entschädigung ein. In Larisa selbst spricht man eher von Missmanagement und zu vielen VerkäuferInnen für jeden Laden. Dennoch erhielt der „Supermarkt Larisa“ im vergangenen Jahr die stattliche Summe von 10,5 Millionen Euro zugesprochen – aus dem „Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung“ (EGF).

Ein Jahr später ist das Geld allerdings noch immer nicht ausbezahlt. Noch diesen Sommer soll es kommen, so heißt es. Immerhin 120 der ehemaligen Supermarkt-Angestellten fanden mittlerweile neue Jobs, für den großen übrigen Teil der MitarbeiterInnen soll es Maßnahmen zur Weiterqualifizierung geben, in manchen Fällen auch eine Starthilfe von 10.000 Euro für ein eigenes Unternehmen.

Aus dem Geist der Kooperative ist in Larisa inmitten der Krisenjahre schließlich auch ein erfolgreiches neues Unternehmen entstanden. thESGala verkauft frische Milch am Automaten, am Vortag eingesammelt von den Bauernhöfen in Thessalien und Makedonien, pasteurisiert und in der Nacht verteilt über die Verkaufsstationen. 64 gibt es davon mittlerweile in Larisa, Thessaloniki und Athen. Der Clou an der Sache: thESGala kommt ohne Zwischenhändler und besondere Verpackung aus. Die Milch füllt man am Automaten in Glas- oder Plastikflaschen ab. 90 Cent kostet der Liter in Larisa, einen Euro in Athen. Es ist ein Drittel weniger als in den griechischen Supermarktketten. Dort liest man im Kleingedruckten auf manchen Milchpackungen Lieferadressen von Agrarindustriebetrieben im deutschen Niedersachsen oder in Holland.

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