Reportage: Larisa taucht durch

Foto (C) Markus Bernath
Griechenlands Jahrhundertkrise in der Provinz: Weil der Sozialstaat radikal gekappt wurde und Arbeitsplätze Mangelware sind, überlebt Thessaliens Hauptstadt mit Kooperativen und Solidarität. Ein Lokalaugenschein.

Inhalt

  1. Seite 1 - Unter der Armutsgrenze
  2. Seite 2 - Im Griff der Rezession
  3. Seite 3 - Die Normalität sind zwei, drei kleine Jobs parallel
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Wer nichts zu erledigen hat, hält hier nicht an. Allenfalls für einen Frappé an der Raststätte, bevor die Autobahn endet und die Kurverei durch Tempe beginnt, das enge Tal am Fuß des Olymp, das Thessalien von Makedonien trennt. Es ist viel zu heiß hier, in der thessalischen Ebene, wo die Sonne 100 Kilometer weit über Weizenfelder brennt. Larisa, die große Provinzstadt, sieht man ohnehin nicht. Sie liegt etwas westlich von der Autobahn, drei gute Autostunden entfernt von Athen. Wenn es einen toten Punkt in Griechenlands Jahrhundertkrise gibt, dann liegt er hier.

Irgendeine Aussicht auf Besserung? Morris Magrizou schüttelt den Kopf. „Nein!“, ruft er aus. „Kein Gedanke.“ Magrizou gehört zu Larisa. Er ist der Präsident der alteingesessenen jüdischen Gemeinde, aber auch Inhaber eines großen Möbelhauses in der Stadt. Kaum einer kommt nun, um bei ihm zu kaufen. Weil nichts gebaut wird in Larisa – keine neuen Häuser und Wohnungen –, braucht auch niemand mehr neue Möbel. Die Banken haben sowieso kein Geld für Kredite, weder für Bauunternehmer noch gar für kleine PrivatkundInnen. Fast alles steht still im neunten Jahr der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Vor 2009, in den Jahren vor und nach dem Beitritt zur Eurozone, als Griechenlands Banken mit billigem Geld überschwemmt wurden und auch niemand wirklich die üppigen Agrarbeihilfen aus Brüssel kontrollierte, war das ganz anders. Larisa war Highlife. Vielleicht nicht der eleganteste Ort im Land, aber laut und fröhlich. Thessaliens Provinzhauptstadt war legendär für ihr Nachtleben. Bouzoukias schossen aus dem Boden, die Nachtlokale mit seichter Live-Musik. Ein Porsche Cayenne, völlig unerschwinglich in heutigen Zeiten, galt vielen Bauern im Umland als Statussymbol für den nächtlichen Ausritt in die Stadt wie für die Fahrt aufs Feld.

Jetzt fällt die große Zuckerfabrik draußen auf der Landstraße von Larisa nach Thessaloniki zusammen. Sie war die erste von fünf Fabrikanlagen im Land, die Griechenlands staatliches Zuckerunternehmen EBZ (Hellenische Zuckerindustrie) in den 1960er-Jahren baute. Nur eine arbeitet heute noch, die anderen hat Brüssel auf dem Gewissen. Vor zehn Jahren beschloss die EU eine radikale Schrumpfkur für die Zuckerindustrie, Griechenland musste seine Produktion halbieren. In Larisa waren gleich einmal 500 Arbeitsplätze weg. Die Landwirte haben 2008 als Erste die Krise gespürt, erinnert sich Nikos Papadopoulos, der Abgeordnete der linksgerichteten Regierungspartei Syriza, aus Larisa. Er ist der einzige Bauer im griechischen Parlament.

Papadopoulos hat wie die anderen im Umland von Larisa seine Felder von Zuckerrüben auf Getreide und Baumwolle umgestellt, aber die riesige Zuckerfabrik draußen vor der Stadt geht ihm nicht aus dem Kopf. „Wir bemühen uns jetzt um die Wiedereröffnung. Wir schaffen das“, sagt er. Die Leute von Syriza sind die einzigen, die daran glauben. 7,5 Cent ist eine Aktie der völlig verschuldeten Hellenischen Zuckerindustrie in diesen Wochen an der Athener Börse wert. Griechenland kauft seinen Zucker nun anderswo aus Europa. Absurd, aber so ist der Markt.

Foto (C) Markus Bernath
Altes Erbe, neue Tristesse: Das Graffito am Zentralplatz von Larisa, der Plateia Kentriki, entstand erst im Frühjahr dieses Jahres. Es zeigt den Kopf eines jungen Athleten aus dem 4. Jahrhundert v. Ch., dessen Büste bei einer Ausgrabung in der Umgebung gefunden worden war.

Unter der Armutsgrenze

Dennoch ist es vor allem die Landwirtschaft, die Larisa heute rettet. „Elend? Nein, das gibt es hier nicht“, sagt Papadopoulos, auch wenn die Armut in Larisa selbst weiter verbreitet ist als auf den Dörfern im Umland. Doch es gibt Städte in Griechenland, die noch sehr viel schlimmer dran sind. Alexandroupoli weit im Nordosten an der Grenze zur Türkei etwa, oder Argos, ein Städtchen im Süden, auf dem Peloponnes, das wie Larisa nicht direkt am Meer liegt und deshalb kaum TouristInnen sieht. Ganze Straßenzüge scheinen dort tot. Sparpolitik in der Rezession hat seinen Preis. Eineinhalb Millionen GriechInnen leben derzeit unter der Armutsgrenze von 4.500 Euro Einkommen im Jahr. Rund ein Drittel – 35,6 Prozent – sind unmittelbar von Armut bedroht. Aber auch die Armutsgrenze ist ein relativer Wert. In Griechenland ist sie im Lauf der Krisenjahre nach unten hin korrigiert worden – eben in dem Maße, wie auch die Wirtschaftsleistung des Landes sank, nach der die Grenze zwischen arm und nicht arm berechnet wird.

Larisa mit seinen 200.000 EinwohnerInnen – die eingegliederten Dörfer im Umkreis eingerechnet – krebst an dieser Armutsgrenze entlang. Knapp 60.000 sind in der Region Thessalien arbeitslos gemeldet, bei 22 Prozent liegt die Rate so wie im nationalen Durchschnitt. Es geht nicht abwärts, aber auch nicht wirklich aufwärts. „Ich sehe keine Perspektive“, sagt Morris Magrizou, der Präsident der jüdischen Gemeinde. Es ist eine Klage, die man oft hört in der Stadt. Achilles soll hier im Übrigen geboren worden sein. An übermenschliche Heldentaten glaubt in Larisa allerdings niemand mehr.

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