Reportage: Der vertrauensvolle Bauer hat die dicksten Kartoffeln

Im Adamah-Biohof funktioniert eine Gleitzeit, die auf Vertrauensbasis funktioniert. Ein Erfolgsmodell, das auch in anderen Betrieben mehr und mehr entdeckt wird.
Christian Zoubek prüft, wie weit die Saatkartoffeln schon austreiben. Hier im Marchfeld gedeihen alle Arten von Wurzelgemüse besonders gut. Foto (C) ÖGB-Verlag/Michael Mazohl
Foto (C) ÖGB-Verlag/Michael Mazohl
In immer mehr Branchen beweisen Unternehmen ihre Flexibilität und ermöglichen den Beschäftigten, ihre Arbeitszeit mitzugestalten. Unternehmen wie der Bio-Bauernhof Adamah setzen auf die Vertrauensgleitzeit.

Inhalt

  1. Seite 1 - Gleitzeit für FeldarbeiterInnen, geht das?
  2. Seite 2 - Ziel: 30 Stunden Arbeitszeit
  3. Seite 3 - Massentaugliches Modell?
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Das Marchfeld im Osten von Wien: Kein noch so kleiner Hügel bremst den Blick, die Windräder ziehen träge ihre Kreise an diesem sonnig-kalten Märzmorgen. Die meisten Äcker sind noch braun, nur die Spargelhügel sind mit weißen Folien bedeckt. Auch auf dem BioHof Adamah in Glinzendorf fehlt noch der bunte Blumenschmuck. Die Nussbäume im Garten sind kahl, doch hinter den Scheunentoren und in den Folientunneln hat der Frühling schon begonnen. Im Hofladen herrscht bereits geschäftiges Treiben, die Körbe und Regale sind gut gefüllt. Zwischen 9 und 18.30 Uhr, samstags bis 16 Uhr, können sich hier Ernährungsbewusste aus Wien und Umgebung mit Bio-Lebensmitteln versorgen.

Der Name Adamah kommt übrigens aus dem Hebräischen und bedeutet lebendige Erde. Im Jahr 1995 hat das Ehepaar Zoubek den Bauernhof erstanden, um hier in Zukunft Karotten, Sellerie, Radieschen und Co biologisch anzubauen. 1997 war die Umstellung abgeschlossen und das von vielen kritisch beäugte Projekt startete. Es wurde eine österreichische Erfolgsgeschichte: Heute ist der BioHof mit anderen Bio-Produzenten international vernetzt, im Webshop werden 2.400 Produkte angeboten, pro Woche rund 8.000 BioKistln ausgeliefert. Und fast jedes Jahr gibt es eine Auszeichnung, 2017 etwa den TRIGOS Niederösterreich für „Ganzheitliches CSR-Management“. Einer von mehreren Gründen für die Auszeichnung war das besondere Arbeitszeitmodell, das bei Adamah gelebt wird: die Vertrauensgleitzeit.

Vor rund sieben Jahren wurde dieses Modell ganz offiziell etabliert. Flexibel war man hier schon immer, „aber wir wollten dem Ganzen einen Namen geben und dass alle über ihre Rechte und Pflichten genau Bescheid wissen“, erzählt Christian Zoubek. Er ist der älteste Sohn von Gerhard und Sigrid Zoubek. Die drei Söhne und die Tochter sowie zum Teil auch deren PartnerInnen sind im elterlichen Betrieb beschäftigt. „Vertrauensgleitzeit, das bedeutet, dass die Beschäftigten zwar wie gesetzlich vorgeschrieben Arbeitszeitaufzeichnungen machen müssen, aber es gibt keine Kernzeit. Wenn jemand früher gehen oder länger Mittagspause machen will, dann ist das kein Problem.“

Gleitzeit für FeldarbeiterInnen, geht das? „Tatsächlich ist das Modell nur für unsere Büroangestellten möglich, schon deshalb, weil es im Kundendienst ja fixe Zeiten gibt. Aber an sich sind wir auch in den anderen Bereichen, wie zum Beispiel bei den PackerInnen, sehr flexibel. Unsere Teilzeitmodelle reichen von 16 bis 32 Wochenstunden. Der Kundendienst, etwa die Webshop-Betreuung, arbeitet zum Teil im Homeoffice. An schönen Tagen sitzen die MitarbeiterInnen auch draußen im Freien mit ihren Laptops. Der Telefon-Kundendienst funktioniert bis dato nur hier vor Ort, obwohl wir dabei sind, die Telefonanlage so zu ändern, dass KundInnen mit unserer Telefonnummer auch MitarbeiterInnen im Homeoffice erreichen.“ Allerdings gebe es in dieser Gegend noch immer keine ausreichend schnelle Internetverbindung. Betriebsrat gibt es bei Adamah übrigens keinen. Bisher sei noch kein Beschäftigter in diese Richtung aktiv geworden – auch wenn ein fixer Ansprechpartner vielleicht manche Veränderungen erleichtern würde, gesteht Zoubek ein und denkt dabei an die aktuelle Datenschutz-Grundverordnung.

Drei Stunden Mittagspause

Foto (C) ÖGB-Verlag/Michael Mazohl
Zarte Pflänzchen: In den Folienhäusern sprießen bereits zahlreiche Kräuter und Gemüsepflanzen.

In der großen Küche, die direkt an den BioLaden anschließt, steht ein riesiger rustikaler Esstisch. Hier wird täglich für die Angestellten frisch gekocht und für die ArbeiterInnen und FahrerInnen werden Jausenpakete zusammengestellt. Der Personalverantwortliche Christian Brenner – bei Adamah arbeiten zur Hauptsaison um die 125 Beschäftigte – kommt vorbei und setzt sich kurz dazu. Er findet die Vertrauensgleitzeit optimal für sich selbst, weil er gerade ein Studium absolviert, aber auch für die KollegInnen. „Früher musste man den Bereichsleiter vorher fragen, wenn man früher gehen oder später kommen wollte. Jetzt ist das nur in Ausnahmefällen nötig, etwa wenn ein Projekt beendet werden muss.“ So ist es möglich, dass eine Mitarbeiterin, die im Nachbarort wohnt, manchmal zwei bis drei Stunden Mittagspause macht und eine andere während eines bestimmten Zeitraums weniger arbeitet, weil ihre Kinder Ferien haben. Es gibt aber auch einen jungen Angestellten ohne Kinder, der Teilzeit arbeitet, weil er einfach mehr Freizeit haben will.

„Wir legen Wert darauf, dass unsere Mitarbeiter das möglichst eigenverantwortlich regeln – natürlich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten“, so Christian Zoubek. „Und wir haben bisher noch keine schlechten Erfahrungen damit gemacht. Es geht eher um das Bremsen der Übermotivierten. Aber da reicht in der Regel das Gespräch.“ Serverabschaltungen abends oder am Wochenende seien nicht nötig.

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  1. Seite 1 - Gleitzeit für FeldarbeiterInnen, geht das?
  2. Seite 2 - Ziel: 30 Stunden Arbeitszeit
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