Interview: Neue Ideen für eine alternde Gesellschaft

Porträtfoto Ulrike Famira-Mühlberger
„Es geht auch um einen Verteilungskampf. Wer zahlt das?“ Ulrike Famira-Mühlberger sieht die Herausforderungen in der Demografie und der Ausgabenstruktur der alternden Gesellschaft.
Fotos (C) Michael Mazohl
Rund 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden in Österreich von Angehörigen gepflegt. Doch geburtenschwache Jahrgänge und veränderte Lebensweisen – immer mehr Menschen leben alleine – bringen dieses Pflegesystem ins Wanken. WIFO-Pflegeexpertin Ulrike Famira-Mühlberger im Interview.

Inhalt

  1. Seite 1 - Demografische Entwicklung
  2. Seite 2 - Formen der Pflege
  3. Seite 3 - Volkswirtschaftliche Effekte und Arbeitsmarkt
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Vor welchen Herausforderungen steht Österreichs Pflegefinanzierung, wie ist es um Pflegedienstleistungen bestellt und wie kann der bereits bestehende Personalmangel in der Branche bekämpft werden? Im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft sieht die WIFO-Pflegeexpertin Handlungsbedarf auf vielen Ebenen.

Zur Person
Priv.-Doz. Dr. Ulrike Famira-Mühlberger, PhD, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am WIFO, dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit, Arbeitsmarktökonomie, Arbeitsflexibilisierung, Gender und Arbeitsmarkt, Pflegesysteme, Sozialpolitik sowie die Schnittstelle Arbeit und Soziales.

Arbeit&Wirtschaft: Wir werden älter und pflegebedürftiger, die Kosten für die öffentliche Hand steigen. Vor welchen langfristigen Herausforderungen stehen wir?

Ulrike Famira-Mühlberger: Die Herausforderung liegt hauptsächlich in der Demografie. Die Pflegefinanzierung wird teurer, weil die Kosten steigen werden, auch weil man künftig Pflegekräften höhere Löhne zahlen muss, um genügend Fachkräfte in den Pflegeberuf zu bekommen. In der Öffentlichkeit ist meines Erachtens ein falsches Bild entstanden. Es wird so getan, als bräuchte man nur ein anderes Finanzierungssystem und die Sache erledigt sich, was aber nicht so ist. Es ist ganz klar, dass eine alternde Gesellschaft eine andere öffentliche Ausgabenstruktur hat als eine nicht alternde Gesellschaft. Wir werden einen Anstieg der Pflegekosten sehen, auch in Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Es geht auch um einen Verteilungskampf. Wer zahlt das? Es ist aber in einer alternden Gesellschaft so, dass Ausgaben in Richtung ältere Menschen geschichtet werden.

Wie ist Österreich im internationalen Vergleich aufgestellt?

Im westeuropäischen Vergleich befindet sich Österreich im unteren Drittel bei den öffentlichen Ausgaben für Pflegedienstleistungen. Während Österreich rund 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Pflegedienstleistungen ausgibt, sind das in der Schweiz 2,4 Prozent, in Deutschland 1,8 Prozent und in den skandinavischen Ländern fast drei Prozent. Ich halte die medial verbreitete Katastrophenstimmung für überzogen. Es geht um eine Umschichtung. Eine alternde Gesellschaft braucht eine andere öffentliche Ausgabenstruktur als eine junge Gesellschaft.

Warum hinkt Österreich bei Pflegedienstleistungen so weit hinterher?

Im internationalen Vergleich basiert die Pflege in Österreich stark auf der Angehörigenpflege, die auch durch das Pflegegeld unterstützt wird. Sowohl der mobile als auch der stationäre Bereich sind in Österreich schwach entwickelt.

Wofür wird das Pflegegeld ausgegeben?  

Die Hälfte der Personen, die Pflegegeld beziehen, nehmen keine Pflegedienstleistungen in Anspruch. Wir wissen nicht, was mit dem Geld passiert, es bleibt in den Familien. Die andere Hälfte bezahlt damit das Pflegeheim, mobile Pflegedienste oder eine 24-Stunden-Betreuung. 

Menschen werden älter, Geburten weniger. Inwieweit verschärft das die Situation?

Es gibt mehrere Faktoren, warum das Pflegepotenzial von Familien zurückgeht. Frauen haben schon heute eine stärkere Anbindung an den Arbeitsmarkt, und der Trend wird sich aufgrund der Bildungsexpansion verstärken.

Es gibt mehrere Faktoren, warum das Pflegepotenzial von Familien zurückgeht. Frauen haben schon heute eine stärkere Anbindung an den Arbeitsmarkt, und der Trend wird sich aufgrund der Bildungsexpansion verstärken. Weiters sehen wir eine starke Zunahme der Ein-Personen-Haushalte unter Älteren. Die gesunkene Fertilität bedeutet, dass sich die Pflege der Eltern auf weniger Kinder verteilt. Auch die räumliche Mobilität der Kinder ist gestiegen, sodass die Kinder oft weit weg wohnen. Ein weiterer Faktor ist, dass viele erst spät Eltern werden. In Zukunft werden Kinder daher noch voll im Berufsleben stehen, wenn ihre Eltern pflegebedürftig sind, auch wegen des späteren Regelpensionsalters.

Ab wann werden die Folgen des demografischen Wandels besonders spürbar?

Wir sehen eine Steigerung der öffentlichen Ausgaben für Pflegedienstleistungen von 80 Prozent bis 2030, gegenüber 2016. Wesentlich höhere Steigerungsraten sind in den Jahren nach 2035 zu erwarten, wenn die Babyboomer-Generation der 1960er-Jahre ins pflegebedürftige Alter kommt. Das muss vorbereitet werden, das ist nicht mehr so weit weg.

Porträtfoto Ulrike Famira-Mühlberger
„Man kann mobile und stationäre Pflege so nicht vergleichen. Jemand in der stationären Pflege ist meist so stark pflegebedürftig, dass er mehr an Pflegeleistung braucht pro Tag.“

Für welche Pflegeform geben Bund, Land und Gemeinden am meisten aus?

Für Pflegedienstleistungen wurden im Jahr 2017 rund zwei Milliarden Euro ausgegeben, für das Pflegegeld zusätzliche 2,6 Milliarden. Und für die 24-Stunden-Betreuung rund 160 Millionen Euro. Im Bereich der Pflegedienstleistungen werden 75 Prozent für stationäre Dienste und 20 Prozent für mobile Dienste ausgegeben.

Stationäre Pflege ist aber gleichzeitig die teuerste Form, oder?

Man kann mobile und stationäre Pflege so nicht vergleichen. Jemand in der stationären Pflege ist meist so stark pflegebedürftig, dass er mehr an Pflegeleistung braucht pro Tag. Jemand, der durch mobile Dienste betreut wird, beansprucht diese Leistung vielleicht einmal am Tag. Klar ist aber, dass die stationäre Pflege teuer ist. Es braucht ein Angebot an Plätzen, die so verteilt sind, dass Personen mit der größten Pflegebedürftigkeit Plätze bekommen.

Wieso sind mobile Dienste noch nicht so gefragt wie in anderen Ländern?

Es gibt anscheinend ein Hemmnis, mobile Dienste zu beschäftigen … Es gibt ein Informationsdefizit.

Es gibt anscheinend ein Hemmnis, mobile Dienste zu beschäftigen. Das zeigen Befragungen unter Pflegegeldbeziehenden. Viele denken nicht einmal daran, mobile Dienste zu beschäftigen. Dienstleister berichten, dass sie oft erst dann gerufen werden, wenn die Not schon sehr groß ist. Es gibt ein Informationsdefizit.

Wie bewerten Sie die 24-Stunden-Betreuung und was müsste besser laufen?

Die 24-Stunden-Betreuung ist nur aufgrund des starken Lohngefälles zwischen Österreich und den angrenzenden Regionen möglich. Und es wurden dafür in Österreich gesetzliche Möglichkeiten geschaffen, die de facto Scheinselbstständigkeit und überlange Arbeitszeiten erlauben. Ich behaupte: Würde es vornehmlich ÖsterreicherInnen treffen, wären diese Gesetze nicht möglich gewesen. Darauf ein staatlich subventioniertes Pflegemodell aufzubauen, halten viele für problematisch.

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„Aufgrund des hohen Anteils an Personalkosten ist die Wertschöpfung von Pflegeausgaben höher als in vielen anderen Bereichen.“

Es wird über Ausgaben und Kosten diskutiert. Was ist mit volkswirtschaftlichen Effekten?

Das WIFO hat im Jahr 2017 auf Basis von Daten aus 2015 die volkswirtschaftlichen Verflechtungen des Pflegesektors analysiert. Für den stationären und mobilen Bereich haben wir festgestellt, dass Bruttoausgaben von 3,4 Milliarden Euro zu einer Wertschöpfung von 5,9 Milliarden Euro führen. Aufgrund des hohen Anteils an Personalkosten ist die Wertschöpfung von Pflegeausgaben höher als in vielen anderen Bereichen. 

Viel Stress, wenig Lohn: Welche Maßnahmen braucht es, um mehr Menschen für die Branche zu begeistern?

Bis 2030 werden zusätzliche 24.000 Personen im mobilen und stationären Bereich benötigt bzw. 18.000 Vollzeitjobs.

Wir haben uns in der letzten Studie mit dem Personalbedarf beschäftigt. Bis 2030 werden zusätzliche 24.000 Personen im mobilen und stationären Bereich benötigt bzw. 18.000 Vollzeitjobs. Bis 2050 werden zusätzlich rund 79.000 Personen benötigt bzw. 58.000 in Vollzeit. Wir gehen dabei von den aktuellen Leistungsstunden pro betreuter Person aus. Es werden hohe Anstrengungen nötig sein, um diesen Personalbedarf decken zu können. Das umfasst die Ausbildungswege, aber auch eine höhere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen. Dabei geht es um Flexibilität, Rückhalt und Karriereperspektiven. 

Inwiefern bräuchte es mehr Alternativen zu bestehenden Modellen?

Ich denke, es muss mehr in Prävention investiert werden. Jeder Tag, um den die Pflegebedürftigkeit nach hinten verschoben werden kann, hilft. Ich glaube, man muss aber auch „out of the box“ denken. Ein wichtiger Schritt wäre, dass man die Organisation der Pflege auf sehr kleinräumige Strukturen herunterbricht, damit effizientere und effektivere Pflege gewährleistet werden kann. Ich denke etwa an die Zuständigkeit von autonomen Pflegediensten für einen Ort, ein Dorf oder ein Grätzel. Diese können auch den Bedarf besser einschätzen.

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  1. Seite 1 - Demografische Entwicklung
  2. Seite 2 - Formen der Pflege
  3. Seite 3 - Volkswirtschaftliche Effekte und Arbeitsmarkt
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Über den/die AutorIn

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp ist freie Journalistin für verschiedene Radio und Printmedien, und hat die Themen Arbeitsmarkt, Soziales und Gesellschaftspolitik als Schwerpunkte. Udo Seelhofer war früher Lehrer und arbeitet seit 2012 als freier Journalist. Seine Schwerpunkte sind Gesellschaft, soziale Themen und Religion. Im Team wurden sie beim Journalismuspreis „Von unten“ 2017 für ihre Arbeit&Wirtschaft Reportage „Im Schatten der Armut“ ausgezeichnet.