Interview: Neue Ideen für eine alternde Gesellschaft

Rund 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden in Österreich von Angehörigen gepflegt. Doch geburtenschwache Jahrgänge und veränderte Lebensweisen – immer mehr Menschen leben alleine – bringen dieses Pflegesystem ins Wanken. WIFO-Pflegeexpertin Ulrike Famira-Mühlberger im Interview.

Inhalt

  1. Seite 1 - Demografische Entwicklung
  2. Seite 2 - Formen der Pflege
  3. Seite 3 - Volkswirtschaftliche Effekte und Arbeitsmarkt
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Porträtfoto Ulrike Famira-Mühlberger
„Man kann mobile und stationäre Pflege so nicht vergleichen. Jemand in der stationären Pflege ist meist so stark pflegebedürftig, dass er mehr an Pflegeleistung braucht pro Tag.“

Für welche Pflegeform geben Bund, Land und Gemeinden am meisten aus?

Für Pflegedienstleistungen wurden im Jahr 2017 rund zwei Milliarden Euro ausgegeben, für das Pflegegeld zusätzliche 2,6 Milliarden. Und für die 24-Stunden-Betreuung rund 160 Millionen Euro. Im Bereich der Pflegedienstleistungen werden 75 Prozent für stationäre Dienste und 20 Prozent für mobile Dienste ausgegeben.

Stationäre Pflege ist aber gleichzeitig die teuerste Form, oder?

Man kann mobile und stationäre Pflege so nicht vergleichen. Jemand in der stationären Pflege ist meist so stark pflegebedürftig, dass er mehr an Pflegeleistung braucht pro Tag. Jemand, der durch mobile Dienste betreut wird, beansprucht diese Leistung vielleicht einmal am Tag. Klar ist aber, dass die stationäre Pflege teuer ist. Es braucht ein Angebot an Plätzen, die so verteilt sind, dass Personen mit der größten Pflegebedürftigkeit Plätze bekommen.

Wieso sind mobile Dienste noch nicht so gefragt wie in anderen Ländern?

Es gibt anscheinend ein Hemmnis, mobile Dienste zu beschäftigen … Es gibt ein Informationsdefizit.

Es gibt anscheinend ein Hemmnis, mobile Dienste zu beschäftigen. Das zeigen Befragungen unter Pflegegeldbeziehenden. Viele denken nicht einmal daran, mobile Dienste zu beschäftigen. Dienstleister berichten, dass sie oft erst dann gerufen werden, wenn die Not schon sehr groß ist. Es gibt ein Informationsdefizit.

Wie bewerten Sie die 24-Stunden-Betreuung und was müsste besser laufen?

Die 24-Stunden-Betreuung ist nur aufgrund des starken Lohngefälles zwischen Österreich und den angrenzenden Regionen möglich. Und es wurden dafür in Österreich gesetzliche Möglichkeiten geschaffen, die de facto Scheinselbstständigkeit und überlange Arbeitszeiten erlauben. Ich behaupte: Würde es vornehmlich ÖsterreicherInnen treffen, wären diese Gesetze nicht möglich gewesen. Darauf ein staatlich subventioniertes Pflegemodell aufzubauen, halten viele für problematisch.

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Über den/die AutorIn

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp und Udo Seelhofer

Sandra Knopp ist freie Journalistin für verschiedene Radio und Printmedien, und hat die Themen Arbeitsmarkt, Soziales und Gesellschaftspolitik als Schwerpunkte. Udo Seelhofer war früher Lehrer und arbeitet seit 2012 als freier Journalist. Seine Schwerpunkte sind Gesellschaft, soziale Themen und Religion. Im Team wurden sie beim Journalismuspreis „Von unten“ 2017 für ihre Arbeit&Wirtschaft Reportage „Im Schatten der Armut“ ausgezeichnet.