Nur zehn gesunde Jahre: Trotzdem sollen Beschäftigte länger arbeiten

Eine ältere Frau lehnt auf einem Rolllator. Symbolbild für gesunde Jahre.
Österreicher:innen bleiben immer weniger gesunde Jahre. Dennoch sollen sie länger arbeiten. | © Adobestock/lotharnahler
Der Rechnungshof hat die Gesundheitsvorsorge in Österreich analysiert. Und kam zu einem vernichtenden Urteil. Den Österreicher:innen bleiben immer weniger gesunde Jahre. Trotzdem sollen sie länger arbeiten.
Österreicher:innen bleiben immer weniger gesunde Jahre. Zu diesem Schluss kam der Rechnungshof bei ihrer Analyse der Gesundheitsförderung und Prävention. In dieser hat die Regierung in den vergangenen Jahren versagt. Im Jahr 2019 (vor der Coronakrise) blieben Beschäftigten im Alter von 65 gerade noch 9,75 gesunde Lebensjahre. Im Jahr 2014 waren es 11,35 Jahre. Damit hat die Regierung das Gegenteil von dem erreicht, was sie im Jahr 2012 beschlossen hat. Nämlich den Österreicher:innen mehr Zeit in Gesundheit zu ermöglichen. Der Plan von ÖVP und Grüne, die blockweise Altersteilzeit abzuschaffen und Pensionist:innen zurück ins Arbeitsleben zu holen, wirkt in diesem Kontext besonders zynisch.

Österreicher:innen bleiben immer weniger gesunde Jahre

Im Jahr 2012 beschloss der Ministerrat die Zahl der Jahre, die Österreicher:innen in Gesundheit verbringen können, um zwei Jahre zu verlängern. Es war eines von zehn „Gesundheitszielen Österreich“, die bis zum Jahr 2032 umgesetzt werden sollten. Mittlerweile ist ein Drittel der Zeit abgelaufen und das Gegenteil ist eingetreten. Die Zeit, die Menschen ab 65 in Gesundheit verbringen, ist geschrumpft. Um 1,6 Jahre auf 9,75 Jahre.

Ein älteres Paar fährt Fahrrad und lacht dabei. Symbolbild für gesunde Jahre im Alter.
Die Zahl der gesunden Jahre ab einem Alter von 65 ist in Österreich auf 9,75 gesunken. | © Adobestock/lordn

Laut Rechnungshof ist das vor allem auf chronische und nicht übertragbare Krankheiten zurückzuführen. Beispielsweise Adipositas und psychische Erkrankungen. Der Anteil übergewichtiger Menschen ab 15 Jahren sei zwischen den Jahren 2014 und 2019 auf 51Prozent gestiegen. Diese Zahl sei allerdings mit Vorsicht zu genießen, so der Rechnungshof. Es handelt sich dabei um eine Selbsteinschätzung. Befragte würden aber dazu neigen, ein zu niedriges Gewicht anzugeben.

In Österreich sei der Bedarf an zielgerichteten Präventionsmaßnahmen hoch. Das liegt auch daran, dass die wechselnden Regierungen das Thema schlichtweg ignorieren. Bereits im Jahr 2001 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die europäischen Staaten dazu auf, Aktionspläne für eine gezielte Nahrungs- und Ernährungspolitik zu erstellen. Österreich kam diesem Aufruf erst im Jahr 2011 nach. Seit dem Jahr 2013 aktualisierte keine Regierung diese Pläne.

Wenig gesunde Jahre wegen mangelnder Gesundheitsförderung

Neben den Gesundheitszielen sind auch andere Maßnahmen zu Stillstand gekommen. So startete im September 2018 die Initiative „Mach den ersten Schritt“. Ziel war es, eine Verhaltensänderung hin zu mehr sportlicher Betätigung zu erreichen. Heinz-Christian Strache, der damalige Sportminister, präsentierte das Projekt. Als er im Mai 2019 zurücktrat, hatte er  bereits 770.000 Euro investiert. Der Webauftritt und die dafür erstellten Video nahm die Nachfolgeregierung jedoch vom Netz.

Ein Schritt zu einer besseren Prävention ist die Reform des Mutter-Kind-Passes. Doch auch diese Initiative zieht sich. Bereits im Jahr 2010 Vorschläge für eine Verbesserung erarbeiten lassen. Doch erst im Jahr 2019 begann der Reformprozess. „Im überarbeiteten Mutter-Kind-Pass-Programm wären beispielsweise ein Hörscreening für Neugeborene und Beratungen, etwa zu den Themen Passivrauchen, Ernährung, Mundgesundheit und Unfallverhütung vorgesehen“, erklärt der Rechnungshof.

Doch erst im Jahr 2021 kam es zu nennenswerten Fortschritten. Damals genehmigte der Rat der Europäischen Union ein Projekt Österreichs zur Entwicklung einer elektronischen Mutter-Kind-Pass-Plattform. Dieser digitale Pass soll bis Ende 2024 fertig sein, verkündete die aktuelle Bundesregierung. Allerdings sei die Finanzierung noch nicht abschließend geklärt.

Länger arbeiten, trotz sinkender gesunder Jahre

Obwohl die Zahl der gesunden Jahre für Menschen ab 65 drastisch abnimmt und die Regierung Gegenmaßnahmen schleifen lässt, sollen Beschäftigte zukünftig auch im hohen Alter arbeiten. Die Regierung sieht in Pensionist:innen, die im Beruf bleiben oder zurückkehren, eine Möglichkeit, die Nachfrage nach Arbeitskräften zu befriedigen. Deswegen wollen ÖVP und Grüne die Altersteilzeit abschaffen. Sie garantiert, dass Menschen ab dem Alter von 60 Jahren zuerst voll und dann gar nicht mehr arbeiten, bevor sie in Pension gehen. Dann erhalten sie zunächst ein reduziertes Gehalt. Ebenfalls bedacht werden muss die Erhöhung des Frauenpensionsalters ab dem Jahr 2024.

Expert:innen sehen das kritisch. Christina Mayrhuber vom WIFO erklärte dazu im Ö1-Morgenjournal: „Tatsächlich sehe ich keinen Zusammenhang mit dem vorhandenen Arbeitskräfte- oder Fachkräftemangel. Durch diese Abschaffung wird dieses Problem meines Erachtens nicht adressiert.“ Auch ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian hat dazu eine sehr klare Meinung: „Menschen länger im Berufsleben zu halten, wird nicht funktionieren, indem man ihnen die geblockte Altersteilzeit verwehrt. Es funktioniert mit fairen Arbeitsbedingungen und besserer Bezahlung.“

 

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

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