Mit Arbeit gegen Marktversagen – Judith Pühringer von arbeit plus im Interview

Inhalt

  1. Seite 1 - Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Ursachen
  2. Seite 2 - Der Fachkräftemangel und die hohe Zahl älterer Arbeitsloser
  3. Seite 3 - Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Folgen
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Langzeitarbeitslosigkeit macht krank und arm. 121.000 Menschen sind in Österreich davon betroffen. Ihnen nimmt die Regierung finanzielle Mittel und Beschäftigungsangebote weg. Ein Gespräch mit Judith Pühringer von arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich über den Arbeitsmarkt – seine Möglichkeiten, Risiken und Zukunft.

„Frauen sind strukturell benachteiligt am Arbeitsmarkt. Durchgängig. Das beginnt beim Gender Pay Gap – der Gehaltsunterschied trotz gleicher Qualifikation und Tätigkeit im gleichen Job. Dann gibt es das große Thema Kinderbetreuung und Wiedereinstieg.“

Gibt es glückliche Arbeitslose? Studien belegen, dass prekäre Arbeitsplätze Menschen psychisch genauso belasten wie Arbeitslosigkeit.

Ich bin überzeugt, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht glücklich macht. Im Gegenteil. Langzeitarbeitslosigkeit macht krank und verzweifelt.

Wenn man diesen Vergleich zieht, dann mag das stimmen. Es ist aber kein hilfreicher Vergleich. Weil Menschen natürlich vor allem Arbeit brauchen, die ihnen Sinn gibt und auch in gewissem Sinn Freude macht. Ich bin überzeugt, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht glücklich macht. Im Gegenteil. Langzeitarbeitslosigkeit macht krank und verzweifelt. Deswegen dürfen wir Langzeitarbeitslosigkeit auch nicht zulassen. Deswegen braucht es gute Angebote, um Menschen aus Langzeitarbeitslosigkeit zu befreien.

Was sind diese Angebote?

Verschiedene Pilotmodelle mit freiwilligem Zugang (Anmerkung: sogenannte „BBEN“) werden gerade erfolgreich angeboten. Langzeitarbeitslose Menschen können dort verschiedene Freizeitangebote in Anspruch nehmen, ohne Druck zusammenkommen und Perspektive finden. Ich finde das gut, weil das bestärkend ist und es Menschen Druck nimmt. Ich finde, das solche Angebote ein sehr guter Einstieg sein können, es darf nur nicht das einzige Angebot bleiben. Im Moment ist das aber vorgesehen. Einige Menschen können so von alleine wieder einen Job finden. Aber das wird nicht für alle dauerhaft zutreffen.

Wie sieht die Lösung aus?

Wenn es am Arbeitsmarkt ein Marktversagen gibt, wenn also die private Wirtschaft nicht bereit ist, älteren Menschen und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen Jobs zur Verfügung zu stellen, dann muss der Staat diese Jobs schaffen.

Wenn es am Arbeitsmarkt ein Marktversagen gibt, wenn also die private Wirtschaft nicht bereit ist, älteren Menschen und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen Jobs zur Verfügung zu stellen, dann muss der Staat diese Jobs schaffen. Diese müssen qualitätvoll sein, eine Perspektive für die Menschen eröffnen und durchlässig sein für den ersten Arbeitsmarkt. Dafür braucht es aber vor allem sehr gute Kooperationen mit privaten Unternehmen. Auf allen Ebenen.

Welchen Folgen hat Langzeitarbeitslosigkeit?

Langzeitarbeitslosigkeit hat Folgen auf vielen Ebenen. Eine ist, dass sie sehr schnell in die Armut führt. Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit sind zu 80 Prozent von Armut betroffen. Menschen verlieren sehr schnell ihre Existenzgrundlage. Die zweite Ebene ist, dass Langzeitarbeitslosigkeit krank macht. Das betrifft die physische wie auch die psychische Gesundheit, also das Wohlbefinden insgesamt. Die dritte Ebene ist, dass Arbeitslosigkeit in soziale Ausgrenzung führt. Menschen ziehen sich zurück, verlieren ihren Freundeskreis und ihre Tagestruktur. Das führt zu Depressionen.

Welche Hilfe brauchen Langzeitarbeitslose konkret?

Sie brauchen auf keinen Fall mehr Druck. Den haben sie ohnehin, weil Langzeitarbeitslosigkeit und der damit verbundene Existenzdruck und Statusverlust Druck macht und Stress auslöst.

Sie brauchen auf keinen Fall mehr Druck. Den haben sie ohnehin, weil Langzeitarbeitslosigkeit und der damit verbundene Existenzdruck und Statusverlust Druck macht und Stress auslöst. Was es braucht sind passende Unterstützungsangebote.

Was kann man darunter verstehen?

Haben langzeitarbeitslose Menschen eine gesundheitliche Einschränkung, können sie beispielsweise nicht gleich in Vollzeit arbeiten. Sie können am Anfang vielleicht nur fünf Stunden pro Woche arbeiten. Es gibt Pilotprojekte, die diese niederschwelligen Einstiege anbieten. Hier können Menschen zu Beginn stundenweise arbeiten, dann stufenweise mehr. Soziale Unternehmen sind hier sehr gute Wegbegleiter bei einem schrittweisen Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Gibt es Unterschiede, ob jemanden aus der Unter-, Mittel oder Oberschicht arbeitslos wird?

Grundsätzlich macht es keinen Unterschied dahingehend, wie man das Thema Langzeitarbeitslosigkeit erlebt. Wir sprechen von sehr menschlichen Reaktionen, die für uns alle ähnlich sind. Das sind Emotionen, die mich in meinem tiefsten Menschsein berühren; nämlich welchen Freundeskreis ich habe, ob ich wertgeschätzt werde und ob mein Potenzial und meine Erfahrung und mein Wissen erkannt werden.

Macht es einen Unterschied, ob ich kündige oder gekündigt werde?

Nur im ersten Moment. Wenn ich von mir aus kündige, habe ich das Gefühl, einen autonomen Schritt gesetzt zu haben. Wenn ich erkenne, dass ich keine Anschlussperspektive habe, dann macht es keinen Unterschied mehr.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Frauen sind strukturell benachteiligt am Arbeitsmarkt. Durchgängig. Das beginnt beim Gender Pay Gap – der Gehaltsunterschied trotz gleicher Qualifikation und Tätigkeit im gleichen Job. Dann gibt es das große Thema Kinderbetreuung und Wiedereinstieg. Frauen, die vorher Vollzeit gearbeitet haben, kehren danach nicht wieder Vollzeit in den Job zurück, sondern reduzieren die Stunden und sind dann die, die weniger Karrieremöglichkeiten haben. Das unterbricht die Erwerbsbiografie und zieht sich hin bis zur Gefahr der Altersarmut, da erwartet Frauen dann der Gender Pension Gap.

Gibt es Branchen, die von Langzeitarbeitslosigkeit besonders betroffen sind?

Es zieht sich durch alle Branchen, Arbeitslosigkeit betrifft wie schon erwähnt Menschen mit geringer Qualifikation, mit gesundheitlichen Einschränkungen und Ältere – das betrifft fast jede Branche.

Was sind die häufigsten Fehler im Umgang mit langzeitarbeitslosen Menschen?

Einer der wichtigsten Punkte ist, keine Schuldfrage zu stellen. Weil Langzeitarbeitslosigkeit keine Frage von individuellem Verschulden ist, sondern eine Frage der Beschaffenheit und der Möglichkeiten des Arbeitsmarktes ist.

Einer der wichtigsten Punkte ist, keine Schuldfrage zu stellen. Weil Langzeitarbeitslosigkeit keine Frage von individuellem Verschulden ist, sondern eine Frage der Beschaffenheit und der Möglichkeiten des Arbeitsmarktes ist. Da Arbeitslosigkeit auch zu sozialer Ausgrenzung führt, ist es wichtig dieser Ausgrenzung entgegenzuwirken. Dafür müssen oft auch eigene Ängste überwunden werden.

Haben Sie Ratschläge an Langzeitarbeitslose?

Nicht glauben, selbst Schuld zu sein, Kontakt mit dem eigenen Freundeskreis und Umfeld halten, sich vernetzen, sich auch ohne Erwerbsarbeit engagieren, soweit das möglich ist. Menschen wollen sinnvoll tätig sein und Arbeit ist extrem vielfältig. Erwerbsarbeit ist ja nur ein Teil davon. Alle Menschen haben wunderbare Fähigkeiten und Kompetenzen. Wenn man sie in dem Moment nicht in Erwerbsarbeit einbringen kann, gibt es viele andere Möglichkeiten, das zu tun. Für Existenzsicherung, Zugang zu sozialen Dienstleistungen und Zugang zum Arbeitsmarkt zu sorgen, ist die Aufgabe der Politik.

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  1. Seite 1 - Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Ursachen
  2. Seite 2 - Der Fachkräftemangel und die hohe Zahl älterer Arbeitsloser
  3. Seite 3 - Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Folgen
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Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.