Nach 5,3 Millionen Überstunden: Österreichs Lehrer:innen am Limit

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Corona-Pandemie und Personalmangel zwangen Österreichs Lehrer:innen 2021 zu 5,3 Millionen Überstunden, um den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten. Ohne Änderungen steht das System vor dem Kollaps.
Irgendwo im Chaos ging die Antwort unter. Dabei stehen die Zahlen stellvertretend für alles, was im österreichischen Bildungssystem schiefläuft. 5,3 Millionen Überstunden haben Österreichs Lehrer:innen im Jahr 2021 abgeleistet. Sie sind am Limit. Zu mehr als zu zaghaften (aber wichtigen) Pilotprojekten reicht der Reform- und Veränderungswille in der Regierung dennoch nicht.

Die Zahl der Überstunden stammt aus einer Antwort auf die parlamentarische Anfrage Nr. 8748/J-NR/2021 von Martina Künsberg Sarre (NEOS). Sie hatte entsprechende Informationen von der Bundesregierung angefordert. Aufgeschlüsselt nach Landeslehrpersonal (Volksschule, Mittelschule, Sonderschule, Polytechnische Schule und Berufsschule), das 2,4 Millionen Überstunden leistete, und Bundeslehrpersonal (Allgemein bildende höhere Schulen, Technische und gewerbliche mittlere und höhere Schulen, Humanberufliche Schulen) mit 2,9 Millionen Überstunden.

Es gibt in Österreich einen Lehrer:innenmangel

So erschütternd diese Zahlen sind, überrascht haben sie Elke Larcher nicht. Sie ist Referentin für Schulpolitik und Elementarpädagogik in der Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer Wien. „Die Schlagzeile, dass es viele Überstunden gibt, ist nicht neu. Dahinter steckt auch, dass es einen Lehrer:innenmangel gibt“, analysiert sie die Zahlen nüchtern.

Bereits in der Vergangenheit lagen die Zahlen in einem ähnlichen Bereich. Im Schuljahr 2018/19 waren es beispielsweise 5,1 Millionen Überstunden. 2019/20, also im ersten Schuljahr, das von der Corona-Pandemie betroffen war, gingen die Zahlen immerhin um 200.000 zurück. Bedingt durch eine neunwöchige Schulschließung.

Doch es braute sich ein perfekter Sturm zusammen. Plötzlich fielen Lehrkräfte krankheitsbedingt aus, gleichzeitig mussten die Lehrmittel und -methoden umgestellt werden, und alle paar Wochen gab es neue Regelungen, die von den Lehrer:innen umgesetzt werden mussten. Das alles wohlgemerkt im zweiten Jahr der Pandemie. Die Erfahrungen des Jahres 2020 konnte die Regierung schlichtweg nicht in nachhaltige Maßnahmen im Bereich der Bildungspolitik ummünzen.

Bildungspolitik: Geld alleine reicht nicht

Auch deswegen, weil es um mehr gehe als Geld, so Larcher: „Der Lehrberuf lässt sich nicht mit einer Einzelmaßnahme attraktiver machen, indem ich das Gehalt um 50 Euro erhöhe. Wir müssen das System ändern“, fordert sie. Denn die Probleme sind längst bekannt. Die Anforderungen an den Lehrberuf haben sich in den vergangenen Jahren – also schon lange vor Corona – drastisch geändert. Themen wie Bulimie, Krieg oder Suizidgedanken seien dringlicher geworden und würden von den Schüler:innen natürlich in die Schule getragen werden. „Wir müssen den Lernort Schule ernster nehmen. Eine Halbtagsschule mit einer Lehrperson pro Klasse hat nichts mehr mit den modernen Herausforderungen zu tun“, erklärt Larcher.

Eine Halbtagsschule mit einer Lehrperson pro Klasse hat nichts mehr mit den modernen Herausforderungen zu tun.

Elke Larcher, Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer Wien

Wer Schüler:innen so betreuen möchte, dass sie aus der Schule mehr mitnehmen als ein Abschlusszeugnis, der brauche eben auch Schulpsycholog:innen oder Logopäd:innen. Aktuell gibt Österreich 4,7 Prozent vom BIP für Bildung aus. Im OECD-Durchschnitt sind das 4,9 Prozent. Satte 86 Prozent des Geldes fließen in Personalkosten. Aber: „Es wird immer geschaut, wie viel Geld für Lehrer:innen ausgegeben wird. Da schneidet Österreich gut ab. Es wird aber nicht darauf geachtet, wie viel Support-Systeme die Lehrkräfte haben“, benennt Larcher das Problem. Bildung könne heutzutage nur in multiprofessionellen Teams zielführend gestaltet werden.

Schule muss mehr sein als Frontalunterricht

Ein Problem, das auch Ilkim Erdost, Bereichsleiterin für Bildung und Konsument:innen der Arbeiterkammer Wien, gegenüber Arbeit&Wirtschaft überdeutlich angesprochen hat: „Alle Bereiche, die rund um das Kernthema Unterricht liegen, sind in Österreich unterentwickelt. Die finden nicht statt. Schule wird nur als Vermittlerin gesehen, und das ist ein ganz großes Missverständnis. Die aktuellen Herausforderungen, die auf die Schüler:innen zukommen, wie Digitalisierung oder Strukturwandel, lassen sich nicht dadurch vermitteln, dass alle in einer Klasse sitzen.“

Den Pädagog:innen fehle es an der Zeit und Unterstützung, um diese Herausforderungen fachgerecht angehen zu können, so Larcher. Die wenigsten Kinder könnten so durch die Schuljahre begleitet werden, wie es nötig wäre, glaubt sie. Stattdessen würden sie von Prüfung zu Prüfung getrieben. Nicht weil die Lehrer:innen das so wollen, sondern weil es der Lehrplan so vorsieht. Der sei unflexibel und starr. Würden nicht alle Themen im Unterricht besprochen werden, würden sie den Schüler:innen bei ihrem Abschluss fehlen.

Schule fit für die Zukunft machen

Wichtig sei es, aus der Mangelverwaltung rauszukommen, um endlich eine nachhaltige Schulentwicklung angehen zu können. Dafür müssen einerseits die bestehenden Ressourcen sehr viel zielgerichteter eingesetzt werden. Im Rahmen des Pilotprojekts „100 Schulen – 1.000 Chancen“ soll genau das in der Praxis ausprobiert werden. Es handelt sich dabei um eine Umsetzung des Chancenindex der Arbeiterkammer.

Andererseits müsse die Ganztagesschule in Österreich weiter verbreitet werden. Sie sei „eine wichtige Einrichtung, damit Schüler:innen mit einem leeren Rucksack nach Hause gehen. Dadurch wird das Elternhaus entlastet. Je mehr in der Schule erledigt wird, desto weniger kommt es darauf an, ob die Eltern zu Hause helfen können. Eine Ganztagesschule kompensiert schlechte Startvoraussetzungen“, erklärt Erdost.

Was die Kinder in der Pandemie gelernt haben, hat kein Kind vor ihnen geschafft.

Elke Larcher, Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer Wien

Zwar sind das Aufgaben, die sich nicht innerhalb weniger Wochen vollständig lösen lassen, doch gibt es daneben auch Low-hanging Fruits, mit denen Lehrer:innen schnell entlastet werden könnten. „Kurzfristig hilft vor allem Planungssicherheit: Eine klare Zusage der Förderstunden. Auch würde es helfen, den Druck rauszunehmen. Also Lernziele zu priorisieren“, so Larcher. Es könne nicht sein, dass der Lehrplan keine Rücksicht darauf nehme, dass der Unterricht durch die Pandemie massiv gestört sei. Von den Schüler:innen, die jetzt einen Abschluss anstreben würden, dürfe nicht das Gleiche verlangt werden wie von Schüler:innen, die vor wenigen Jahren unter ganz anderen Bedingungen gelernt hätten.

Auch psychologisch sei diese Maßnahme nicht zu unterschätzen. Die bisherigen Leistungen der Pädagog:innen und Schüler:innen müssten anerkannt werden, fordert Larcher. „Was die Kinder in der Pandemie gelernt haben, hat kein Kind vor ihnen geschafft. Vielleicht blieb nicht genug Zeit für jedes Detail der Integralrechnung, aber sie haben in Sachen Digitalisierung und Selbstorganisation so viel mehr gelernt. Das zu betonen wäre auch für Lehrer:innen extrem wichtig.“

Über den/die Autor*in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde. Unter anderem sprang ein dritter Platz beim österreichischen Magazinpreis heraus.

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