Mörderischer Fußball

In den vergangenen Jahren sind 1.426 Gastarbeiter aus Nepal in Katar ums Leben gekommen. Sie starben an plötzlichem Herztod oder bei Arbeitsunfällen.
(C) ÖGB Presse
Für die Fußball-WM 2022 ging Katar buchstäblich über Leichen: eine Geschichte über Korruption, Sklavenarbeit und das Schicksal der Wanderarbeiter aus Nepal.
Wenn am 21. November 2022 das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft im Wüstenstaat Katar über die Bühne gehen wird, werden Millionen Zuschauer in aller Welt vor den TV-Geräten sitzen, 32 Mannschaften werden in den darauffolgenden 28 Tagen um den begehrten Titel rittern, und alles wird sich um König Fußball drehen. So will es zumindest bis dato der weltweite Fußballverband FIFA.

Was man dem Emirat Katar vorwirft:

  • Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe der WM
  • Katastrophale Arbeitsbedingungen
  • Tausende Arbeiter, die bei den Bauarbeiten für die WM-Stadien verstarben
Geht es nach dem Veranstalter vor Ort, dem diktatorisch regierten Emirat Katar, sollen keine Störgeräusche das Fußballfest trüben. Keine Rede mehr von den Korruptionsvorwürfen rund um die Vergabe der WM, kein Wort über die katastrophalen Arbeitsbedingungen und kein Gedanke an die Tausenden Arbeiter, die bei den Bauarbeiten für die WM-Stadien verstarben.

Rund drei Jahre vor dem Großereignis gibt es jedoch ernsthafte Bedenken, ob die Pläne von FIFA und Katar tatsächlich aufgehen. Ende Juni wurde der ehemalige UEFA-Präsident Michel Platini in Paris verhaftet und von den Antikorruptionsbehörden verhört. Der 63-Jährige soll gemeinsam mit dem französischen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy, dem Emir von Katar Tamim bin Hamad Al Thani und dem katarischen Ex-Premierminister Hamad Ben Jassem in eine weitreichende Korruptionsaffäre rund um die WM-Vergabe verwickelt sein.

Platini bestreitet die Vorwürfe. Können ihm allerdings Absprachen (und auch Geldflüsse) vor dem Votum nachgewiesen werden, würde Katar die WM 2022 verlieren und die FIFA müsste das Turnier neu ausschreiben und neu abstimmen lassen. Von manchen Seiten wird England, das bei der Vergabe 2018 gegen Russland das Nachsehen hatte, bereits als alternativer Ausrichter ins Spiel gebracht.

Rote Karte für Katar

Ob die Entscheidung für Katar als Austragungsland der Fußball-WM 2022 mit Bestechungsgeldern zustande kam oder nicht: Die Vergabe bleibt auch aus anderen Gründen mehr als bedenklich. Vor 15 Jahren spielte Fußball im 2,7 Millionen Einwohner zählenden Wüstenstaat kaum eine Rolle. Die Nationalmannschaft hat bisher noch nie an einer Fußball-WM-Endrunde teilgenommen, die Hauptstadt Doha ist in erster Linie für die Motorrad-WM oder das Tennisturnier „Qatar Open“ bekannt.

Doch seit der Gründung des Staatsfonds Qatar Sports Investments (QSI) im Jahr 2005 mischt Katar auch im Milliardengeschäft Fußball mit. Neben bis zu 200 Milliarden Dollar Investitionen für die Austragung der WM 2022 gab es Großeinkäufe bei Klubs wie dem FC Barcelona, FC Bayern und Paris St. Germain, der 2012 vollständig von den Katarern übernommen wurde. Mit der Aspire Academy in ar-Rayyan, westlich von Doha, verfügt Katar über eines der größten Sportzentren der Welt. Dort werden junge Spieler zumeist aus Afrika für den Weltmarkt ausgebildet und zu unterschiedlichen Partnervereinen geschickt, sobald sie volljährig sind. In Österreich kooperiert etwa der oberösterreichische Fußballklub LASK mit der Aspire Academy.

Der bisher größte Coup der Katarer war freilich die Vergabe der Fußball-WM 2022.

Der bisher größte Coup der Katarer war freilich die Vergabe der Fußball-WM 2022. Damit erhielt ein Land den Zuschlag, das bis dahin weder über eine Fußballtradition noch über ausreichend Stadien verfügte. Doch das durch das Erdölgeschäft pro Kopf reichste Land der Welt setzte alle Hebel in Bewegung, um WM-tauglich zu werden, und ging dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen.

Arbeit für Migranten

In kürzester Zeit müssen von den insgesamt acht geplanten WM-Spielstätten zwei vorhandene Stadien ausgebaut und sechs neu errichtet werden. Auf den Baustellen arbeiten jedoch keine katarischen Staatsbürger, denn praktisch sämtliche manuelle Arbeit und alle Bauvorhaben werden von Arbeitsmigranten durchgeführt. Die meisten von ihnen kommen aus Nepal, Pakistan und Indien sowie aus Ländern Nord- und Ostafrikas. Im Übrigen hat das Emirat Katar laut UN-Angaben die höchste Quote an ArbeitsmigrantInnen der Welt, so sind auf die gesamte Bevölkerung bezogen 88 Prozent der EinwohnerInnen ausländischer Herkunft.

Verheerende Situation auf den Baustellen:

  • extreme Hitze
  • mangelnde Sicherheitsvorkehrungen
  • kaum Pausen
  • versprochene Gehälter werden nicht oder zu spät gezahlt
  • erbärmliche Bedingungen in den Unterkünften
Die Situation auf den Baustellen ist verheerend. Extreme Hitze, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und kaum Pausen sind das tägliche Los der überwiegend männlichen Arbeiter. Hinzu kommt, dass die vor ihrer Einreise von windigen Agenturen versprochenen Gehälter in vielen Fällen nicht oder zu spät gezahlt werden. Neben der bereits katastrophalen Arbeitssituation erschweren die erbärmlichen Bedingungen in den Unterkünften das Leben der Beschäftigten. Oft müssen sich bis zu 14 Arbeiter einen fensterlosen Raum mit Stockbetten und ohne funktionierende Klimaanlage teilen.

2.000 Tote

Diese unmenschlichen Arbeitsbedingungen führten insbesondere in den ersten Jahren der Bautätigkeiten zu zahlreichen Unfällen und schweren Gesundheitsproblemen, oft mit Todesfolge. Insgesamt kamen seit Beginn der Bauarbeiten für die WM-Infrastruktur rund 2.000 Arbeiter ums Leben, der Großteil davon sind nepalesische Wanderarbeiter. Nach offiziellen Zahlen der Regierung in Nepal sind in den vergangenen zehn Jahren 1.426 Gastarbeiter in Katar ums Leben gekommen. 522 davon verstarben an plötzlichem Herztod, 148 bei Arbeitsunfällen, berichtete der Westdeutsche Rundfunk Anfang Juni.

Insgesamt kamen seit Beginn der Bauarbeiten für die WM-Infrastruktur rund 2.000 Arbeiter ums Leben, der Großteil davon sind nepalesische Wanderarbeiter.

Im März 2014 reagierte der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) mit einem Sonderbericht zur Lage in Katar und forderte die katarische Regierung und die FIFA auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen. Mit der Kampagne „Re-Run the Vote“ (Rote Karte für Katar – keine Fußball-WM ohne Arbeitnehmerrechte), die eine Neuabstimmung über die Vergabe der WM fordert, wurde der Druck auf die Verantwortlichen erhöht.

Als Reaktion darauf hat Katar sein Arbeitsrecht internationalen Standards angepasst. Die FIFA verpflichtete sich laut eigenem Statut, die Menschenrechte zu schützen. Ein wesentlicher Durchbruch war die Abschaffung des sogenannten Kafala-Systems. Aus der ursprünglichen Tradition der Beduinen, einem Fremden Nahrung, Wasser und Schutz zu gewähren, entwickelte sich ein System der modernen Sklaverei. Im heutigen Kafala-System benötigen ausländische ArbeitnehmerInnen für die Einreise einen Kafeel, einen Sponsor, meist zugleich deren Arbeitgeber. Nur mit seiner Erlaubnis können die ArbeitsmigrantInnen wieder ausreisen oder ihren Job wechseln – ein Freibrief für Missbrauch und Ausbeutung.

Im heutigen Kafala-System benötigen ausländische ArbeitnehmerInnen für die Einreise einen Kafeel, einen Sponsor, meist zugleich deren Arbeitgeber. Nur mit seiner Erlaubnis können die ArbeitsmigrantInnen wieder ausreisen oder ihren Job wechseln – ein Freibrief für Missbrauch und Ausbeutung.

Die Regierung von Katar musste schließlich auf internationalen Druck das Kafala-System abschaffen und sagte Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse auf den WM-Baustellen zu. Doch „viele Millionen sind immer noch unter unmenschlichen Bedingungen beschäftigt“, kritisierte die Menschenrechtsorganisation Amnesty Internatio­nal, als Mitte Mai dieses Jahres mit dem Stadion Al-Wakrah die erste neu gebaute Arena für das Turnier fertiggestellt wurde.

Solidaritätsprojekt der Bau-Holz

Alarmiert von den Schreckensberichten in Katar, hat sich die Gewerkschaft Bau-Holz (GBH) in Österreich und die Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) in einer globalen Kampagne für mehr Sicherheit auf den WM-Baustellen eingesetzt. 2014 fand eine Straßenaktion vor der Botschaft von Katar in Wien statt, bei der symbolisch 1.200 Bauhelme an die bis zu diesem Zeitpunkt getöteten Bauarbeiter erinnerten.

Vom Schicksal der vorwiegend nepalesischen Wanderarbeiter tief bewegt und nachdem 2015 rund 8.800 Menschen bei einem schweren Erdbeben in Nepal den Tod fanden, startete die GBH in Kooperation mit dem ÖGB eine Bausteinaktion zur Errichtung einer Schule in einer der am meisten betroffenen Regionen, Tandrang im Norden Nepals. Nach sieben Monaten Bauzeit durch regionale Firmen wurde die Schule Anfang April 2018 im Beisein des GBH-Vorsitzenden Josef Muchitsch und des Naturfreunde-Präsidenten Andreas Schieder eröffnet. „Wir haben international Verantwortung zu übernehmen und Solidarität zu leben – nicht nur darüber zu reden“, begründet Muchitsch das Vorzeigeprojekt für gewerkschaftlichen Internationalismus.

Video „GBH errichtet Schule in Nepal“:
tinyurl.com/y4vocvb8

Von
Michael Wögerer
weltumspannend arbeiten

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 6/19.

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