Lockdown im Tourismus: „Hätten wir das mal vorher gewusst…“

Inhalt

  1. Seite 1 - Plötzlich Lockdown
  2. Seite 2 - Bitte kein Komplettausfall
  3. Seite 3 - Drohende Personalflucht
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Im Tourismusort St. Johann in Tirol war für die nahende Wintersaison alles vorbereitet. Dann kam alles anders und der erneute Lockdown holte den Ort ein. Wir waren dabei.

St. Johann im Lockdown

„Bitte kein Komplettausfall“

St. Johann in Tirol, im Leukental im Bezirk Kitzbühel gelegen, ist wie viele vergleichbare Tiroler Gemeinden ein Tourismus-Hotspot. Und damit wirtschaftlich angewiesen auf das Florieren einer Branche, die seit Pandemiebeginn besonders gebeutelt ist. 530.000 Nächtigungen jährlich verzeichnet der 9.600-Einwohner:innen-Ort für gewöhnlich, in vorpandemischen Zeiten. Im Jahr 2020 waren es rund 130.000 Übernachtungen weniger. Die Zahl der Arbeitslosen im Bezirk verdoppelte sich.

Montag, 22. November. Tag 1 von Lockdown Nummer Vier fühlt sich an wie ein Sonntag. Der Punschstand am Hauptplatz hat seine Fronten verbarrikadiert, geöffnet haben nur mehr Geschäfte des täglichen Bedarfs. Vor der Apotheke stehen die Leute Schlange. Die Gruppe Jugendlicher, die durch die Gassen streunt, wirkt seltsam verdächtig. Im Schaufenster eines Juwelierladens klebt ein Hinweis, der sich wie ein Hilferuf liest: „Videotelefonie. Schaufenstershopping. Reparaturen. Abholung. Lieferung/Versand. Bei Bedarf BITTE LÄUTEN!“ Im Hotel Sonne sitzen sechs Personen an drei Tischen im Frühstückssaal. Sie teilen sich 30 Semmeln und eine Käseplatte.

„Bitte kein Komplettausfall“, hofft Martina Foidl. Lange hatte die stellvertretende Geschäftsführerin des Tourismusverbands St. Johann gehofft, ein erneuter Lockdown könne sich verhindern lassen. Überrascht war sie letztlich nicht. Das habe sich abgezeichnet, sagt sie. Die Unsicherheit in der hiesigen Gastronomie und Hotellerie sei dementsprechend groß, „nicht nur wegen der Gäste, auch was die Mitarbeiter:innen anbelangt.“ Viele sehen sich derzeit in anderen Branchen um – „und die kommen vermutlich nicht mehr zurück in den Tourismus“.

Seit einigen Monaten ist in Österreich viel vom „Vorkrisenniveau“ zu hören. Der Tenor: Das Schlimmste sei überstanden. „Licht am Ende des Tunnels“, quasi. In Sachen Arbeitslosigkeit habe man das Vorkrisenniveau schon wieder erreicht, in Sachen Wirtschaftsleistung nähere man sich an, verkündeten Politiker:innen aller Couleur. Anfang Dezember, bei der Präsentation der Arbeitslosenstatistik für das vorherige Monat, war das Wort verschwunden. Ende November waren österreichweit 363.494 Menschen arbeitslos oder in Schulungen, knapp 14.600 mehr als vor Lockdownbeginn. Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) geht davon aus, dass 350.000 bis 400.000 in Kurzarbeit gehen werden. Im Bereich Beherbergung und Gastronomie stieg die Arbeitslosenzahl von 42.600 im Oktober auf gut 55.000 im November. In St. Johann geht die Sorge um, bei Unternehmer:innen wie Lohnabhängigen, dass nun alles wieder von vorne losgeht.

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  1. Seite 1 - Plötzlich Lockdown
  2. Seite 2 - Bitte kein Komplettausfall
  3. Seite 3 - Drohende Personalflucht
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Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.

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