Kommentar: Weit mehr als nur „Fake News“

Ein Bild von Twitter mit dem Profil von Besitzer Elon Musk. Symbolbild für: Kommen Social Media Plattformen in die falschen Hände und werden nicht entsprechend reguliert, sind sie eine Brutstätte für Desinformation.
Kommen Social Media-Plattformen in die falschen Hände und werden nicht entsprechend reguliert, sind sie eine Brutstätte für Desinformation. | © Adobestock/daily_creativity
Falsch- und Desinformation sind längst keine Nischenphänomene mehr, sondern fixer Bestandteil der digitalen Informationsinfrastruktur geworden. Sie einzudämmen erfordert entschiedenes politisches Handeln.
Wenn heute über Falschinformation gesprochen wird, richtet sich der Blick allzu oft auf anonyme Websites, dubiose Social-Media-Accounts oder geheime Trollfabriken im Ausland. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Das eigentliche Problem liegt heute nicht mehr am Rand, sondern im Zentrum politischer und technologischer Macht. Falsch- und Desinformation (also unbewusst oder bewusst verbreitete falsche Inhalte) sind nicht mehr die Ausnahme. Sie gehören inzwischen zur Funktionsweise der Systeme, über die wir täglich Informationen erhalten.

Die Fixierung auf das Äußere und Anonyme verkennt, dass demokratische Öffentlichkeiten in Europa zunehmend von oben unter Druck geraten. Ein großer Teil wirkmächtiger Desinformation entsteht nicht in obskuren Online-Nischen, sondern durch politische Eliten – und durch ihre Wirkung auf privat kontrollierte Kommunikationsinfrastrukturen. Ein Beispiel hierfür ist Elon Musk, der als Eigentümer von „X“ (vormals „Twitter“) wiederholt Verschwörungserzählungen aufgegriffen, Desinformation relativiert und zugleich Regeln zur Moderation von Inhalten auf der eigenen Plattform abgeschwächt hat.

Die Macht von wenigen

Dabei darf nicht übersehen werden: Wenn einzelne Milliardäre über Plattformen mit enormer Reichweite verfügen, ihre demokratiefeindlichen Ideologien offen vertreten und Verschwörungsmythen verbreiten oder relativieren, dann ist dies eine strukturelle Verschiebung politischer Macht.

Diese wird durch generative künstliche Intelligenz nun noch massiv verstärkt – nicht, weil die KI per se „lügt“, sondern weil sie das Erstellen und Verbreiten künstlicher Inhalte automatisiert, also Inhalte erzeugt, die formal plausibel wirken, aber nicht aus überprüfbarer Wirklichkeit, sondern aus statistischen Mustern entstehen.

KI-Systeme werden zunehmend direkt in Plattformen und Suchmaschinen integriert, oft ohne echte Wahlmöglichkeit für Nutzer:innen. Dadurch werden Informationsökosysteme zunehmend „enshittifiziert“ – also systematisch in Qualität, Transparenz und Nutzbarkeit verschlechtert. Qualität und Einordnung treten in den Hintergrund. Von Expert:innen geprüfte Informationen werden nicht widerlegt, sondern von massenhaftem KI-Inhalt überdeckt. So entsteht ein Informationsraum, in dem Orientierung verloren geht. Ein Beispiel dafür sind die oftmals falschen KI-Zusammenfassungen bei Google-Suchen, die weitere Recherche ersetzen, obwohl geprüfte Informationen verfügbar wären.

Medienkompetenz als Lösung gegen Fake News

KI vermittelt dabei nicht neutral, sondern verstärkt bestehende Macht- und Interessenlagen. Derzeit vor allem die Interessen von Akteur:innen mit demokratiefeindlichen Zielen. Wenn diese Plattformregeln lockern, Moderation abbauen und kontrollieren, welche Informationen sichtbar werden, verbreiten sie Desinformation nicht nur, sondern zementieren sie strukturell.

Democracy and human rights are under attack.

The EU must make better use of its tools to defend them, MEPs say.

In Parliament’s annual human rights report, they sounded the alarm on AI use, digital repression & disinformation in the deterioration of human rights.

Read more: link.europa.eu/CY7F9n

[image or embed]

— European Parliament (@europarl.europa.eu) 5. Februar 2026 um 19:06

Präventive Ansätze wie mehr Medienkompetenz können helfen, die kritische Urteilskraft von Bürger:innen zu stärken. Entscheidend ist aber, Information wieder als öffentliches Gut zu verstehen, das wir schützen müssen. Das erfordert Eingriffe auf der Ebene digitaler Infrastrukturen, klare Verantwortlichkeiten politischer Eliten und öffentlich finanzierte Alternativen zu privaten Plattformen. Ohne diesen Mut bleibt Medienkompetenz ein notwendiges, aber strukturell überfordertes Korrektiv – und die demokratische Öffentlichkeit bleibt dauerhaft unter Druck.

Weiterführende Artikel

Sie brauchen einen Perspektivenwechsel?

Dann melden Sie sich hier an und erhalten einmal wöchentlich aktuelle Beiträge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.
Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten für den Zweck der Versendung und Verwaltung des Newsletters sowie des Gewinnspiels zu. Diese Zustimmung kann jederzeit widerrufen werden. Details dazu finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Über den/die Autor:in

Jakob-Moritz Eberl

forscht als Kommunikationswissenschaftler an der Universität Wien zu Politik, Medien und Demokratie

Sie brauchen einen Perspektivenwechsel?

Dann melden Sie sich hier an und erhalten einmal wöchentlich aktuelle Beiträge zu Politik und Wirtschaft aus Sicht der Arbeitnehmer:innen.



Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder. Mit dem Absenden dieses Formulars stimme ich der Verarbeitung meiner eingegebenen personenbezogenen Daten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.