Arbeitgeber müssen tanzen: AMS-Chef Johannes Kopf im Interview

Fotos (C) Markus Zahradnik
Um Fachkräfte in den Arbeitsmarkt zu bekommen, fordert der Geschäftsführer des Arbeitsmarktservice, Johannes Kopf, flächendeckende, ganztägige Kinderbetreuung. Außerdem erzählt er, warum auch arbeitslose Top-Manager seine Sorgenkinder sind.
Die Coronapandemie war schon der zweite fundamentale Notfall, den Johannes Kopf als Vorstand des Arbeitsmarktservice wegmanagen musste. Schon während der Weltwirtschaftskrise 2008 war er als als Krisenmanager gefragt. In dieser Zeit hat sich der gebürtige Wiener einen bestimmten Ruf erarbeitet. Ein Kommunikator sei er. Passioniert. Ein Workaholic. Jemand, der sich auch in die Politik einmische. Im Interview mit Arbeit&Wirtschaft erklärt Johannes Kopf, wie er sich den kommenden Herausforderungen stellen möchte.

AMS-Vorstand Johannes Kopf im Interview

Arbeit&Wirtschaft: Was sind für Sie „gute Arbeitsplätze“?

Johannes Kopf: Das ist eine fast philosophische Frage. Gut ist zunächst alles, was für mich gut ist und wo ich meine Qualifikation, aber auch Neigungen und Interessen einbringen kann – und der Lohn stimmt. Ein guter Job ist einer, der all das erfüllt. Zunehmend wird aber auch nach Sinn gefragt.

Sie haben kürzlich gesagt, „die Arbeitgeber müssen tanzen“. In welchen Branchen

Arbeitgeberattraktivität ist branchenübergreifend ein wichtiges Thema. Gerne erzähle ich die Geschichte eines Personalverantwortlichen, der am Ende des Bewerbungsgesprächs vom Bewerber die Antwort bekam: „Vielen Dank, Sie kommen in die engere Auswahl.“ Diese Anekdote zeigt, wie sich die Verhältnisse am Arbeitsmarkt geändert haben.

Das hört man …

Wir haben einen klaren Arbeitnehmermarkt. Ich habe in Österreich doppelt so viele offene Lehrstellen wie Lehrstellensuchende, und in Oberösterreich und Salzburg mehr offene Stellen als Arbeitssuchende. Da können sich Arbeitssuchende unter mehreren Stellen die beste aussuchen.

Die Gastronomie sucht händeringend Arbeitskräfte. Warum?

Die Branche hat generell schlechtere Voraussetzungen, ein guter Arbeitgeber zu sein als andere Branchen. Der Hauptgrund ist die Arbeitszeit. Die Branche hat dann Beschäftigung, wenn andere frei haben, also am Abend, am Wochenende und in den Ferien.

Sind oft nicht auch die Arbeitsbedingungen schlecht?

Viele Betriebe in der Branche müssen ihre Arbeitsbedingungen verbessern. Der Tourismus
war durch ein Arbeitskräfteangebot durch Zuwanderung aus der EU verwöhnt und musste kaum über Arbeitergeberattraktivität nachdenken. Das ist der Grund, warum diese Branche jetzt, wo alle anderen auch suchen, einen größeren Nachholbedarf bei Arbeitergeberattraktivität hat.

Wie können Unternehmen im Tourismus bessere Arbeitgeber werden?

Ein wesentlicher Punkt ist zum Beispiel die Planbarkeit der Dienste. Beschäftigte akzeptieren, abends oder am Wochenende zu arbeiten, aber sie wollen vorher wissen wann. In den Modellen, die wir mit Betrieben entwickeln, werden 90 Prozent der Dienste längerfristig vorgeplant. Ein anderer Punkt ist Kinderbetreuung: Wenn ein Hotel Kinderbetreuung für Gäste anbietet, warum nicht auch für Mitarbeiter:innen? Jeder Betrieb kann viel tun, um Leute zu finden und zu halten.

Fehlt es an Flexibilität?

Ja, bei den Arbeitgebern gibt es einige, die ihre Handlungsmöglichkeiten nicht sehen und lieber schimpfen. Mangelnde Flexibilität gibt es aber natürlich auch auf Arbeitnehmer:innenseite, gerade was die regionale Mobilität oder Wegzeiten betrifft. Einige sind wählerischer als es das Gesetz erlaubt. Aber die Aufrechterhaltung der Solidarität in der Arbeitslosenversicherung passiert nicht von allein. Vergessen wir bitte nicht, Beiträge zahlt auch die Kassiererin, die aus dem Südburgenland um 4.30 Uhr mit einem Bus nach Wien pendelt. Wenn die hört, dass irgendjemand nicht bereit ist, eine Stunde irgendwo hinzufahren, wäre ihr Ärger verständlich.

Arbeitnehmermarkt klingt toll, aber die Arbeitslosigkeit ist nicht verschwunden.

Im Juni werden wir weniger als 300.000 Arbeitslose haben, inklusive Schulungen. Das hatten wir das letzte Mal vor zehn Jahren. 300.000 sind natürlich trotzdem viel und ich weiß, dass da Leute darunter sind, die wirklich nichts finden. Und die Arbeitslosenquote von Menschen, die nur die Pflichtschule haben, liegt bei ungefähr 25 Prozent.

Das entspricht noch einer Arbeitslosenquote um die sechs Prozent.

Aktuell haben wir eine Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent. Vollbeschäftigung ist Definitionssache. Arbeitslosenzahlen wie in den 70er-Jahren werden wir nie mehr sehen. Das Gros ist Jobwechsel-Arbeitslosigkeit. Die Jobs, die im vorigen Jahr beendet wurden, dauerten im Schnitt weniger als zwei Jahre. Ein früherer EU-Kommissar hat einmal gesagt: „Vollbeschäftigung ist, wenn ein Dreier davorsteht, also bis 3,9 Prozent EUQuote.“ Nach EU-Quote stehen wir aktuell bei 4,2 Prozent. Ich glaube trotzdem, dass wir die Arbeitslosigkeit weiter senken können. Sie ist noch immer zu hoch.

Wann rufen Sie die Vollbeschäftigung aus?

Das überlasse ich dem zuständigen Arbeitsminister. Tatsache ist: Wir haben aktuell die niedrigste Maiarbeitslosigkeit seit 14 Jahren.

Trotzdem gibt es 90.000 Langzeitbeschäftigungslose. Macht Ihnen das Sorgen?

Ich will nicht schönreden, dass 90.000 langzeitbeschäftigungslose Personen zu viel sind. Aber auch hier haben wir einen Rückgang von 37,8 Prozent.

Johannes Kopf im Interview
AMS-Geschäftsführer Johannes Kopf erwartet als Kontrapunkt zur Lieferkettenkrise eine Reindustrialisierung Europas. Für Österreich wären das gute Aussichten.
Das AMS ist der größte Weiterbildungsakteur in Österreich. Davon profitiert aber nur, wer nicht vermittelbar ist.

Dem Koch, der die Branche wechseln will, sagen wir: „Nein, Sie haben einen Job, den man vermitteln kann, und wir vermitteln Sie gerne.“ Wir unterstützen und qualifizieren nur dann, wenn jemand in seinem Job nichts findet. Dieser Grundsatz ist aber durchbrochen zum Beispiel beim Programm „Frauen in die Technik“ oder beim Fachkräftestipendium. Hier kann die Kindergartenpädagogin sagen: „Ich will Mechatronikerin werden.“ Das fördern wir.

Die Arbeiterkammer hat ein Qualifizierungsgeld vorgeschlagen …

Die im Zuge der Pflegereform vorgestellte Idee, dass man während einer Pflegeausbildung ein Stipendium in der Höhe von 1.400 Euro bekommt, ist okay. Qualifizierungen aber völlig freizugeben, weil Bildung an sich ein Wert ist, da muss ich als Arbeitsmarktservice passen. Das ist nicht unser Job. Es ist toll, wenn jemand Altgriechisch lernen will, aber das sollten wir nicht fördern.

Was halten Sie von degressivem Arbeitslosengeld?

Ich habe mich mehrfach dafür ausgesprochen, dass es nach drei Monaten eine Stufe im Arbeitslosengeld geben sollte. Jobsuche braucht Zeit. Das ist ein sinnvoller Prozess, damit man einen Job findet, der näher beim Wohnort liegt oder einen, wo man seine Qualifikation besser einbringen kann. Es ist volkswirtschaftlich besser, wenn Leute Jobs bekommen, wo sie glücklicher, zufriedener und produktiver sind. Würde man das Arbeitslosengeld halbieren, hätten wir zwar sofort weniger Arbeitslose, weil viele gezwungen wären, sofort irgendeinen Job anzunehmen, nur besser wäre das nicht. Jetzt gibt es aber ein Problem: Logisch wäre, dass ich, wenn ich länger suche eine noch bessere Stelle finde. Mit längerer Jobsuche sinkt aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich die dann noch bekomme. Es braucht also so etwas wie eine Frist, wo die Menschen flexibler werden sollten. Deshalb hätte ich gern eine Stufe, um zu lange Jobsuchen zu vermeiden. Nachdem unser Arbeitslosengeld im internationalen Vergleich eher niedrig ist, müsste man am Anfang etwas drauflegen.

Wäre 70 Prozent so ein Wert?

Ich habe immer von 65 Prozent gesprochen, aber das soll die Politik entscheiden. Minister Kocher hat angekündigt, noch vor dem Sommer etwas vorzulegen. Das Phänomen, dass mit längerem Zuwarten die Jobchancen sinken, kennen wir stark auch von männlichen Führungskräften, die mit über 50 arbeitslos werden. Sie gehören zu unseren schwierigsten Kunden.

Sie bekamen im Laufe ihrer Karriere immer mehr Verantwortung, mehr Geld, mehr Mitarbeiter, mehr Ansehen und glauben das geht so weiter. Nach ein oder zwei Jahren Arbeitslosigkeit sagen viele: „Hätte ich das gewusst, hätte ich all die Jobs, die mir anfangs zu mies waren, angenommen. Nur dann sind diese Angebote nicht mehr da.“

Arbeitslose Spitzenmanager sind also der Problemfall im AMS?

Sie sind ein Problemfall, aber wirklich schwer haben es natürlich vor allem andere, zum Beispiel alleinerziehende Mütter, die nur 600 Euro Arbeitslosengeld bekommen.

Es ist rund jede sechste Person armutsgefährdet. Ist das sozialer Sprengstoff?

Aktuell macht mir das noch mehr Sorge als sonst, weil wir eine hohe Teuerung erleben. Das ist ein Thema mit politischer Brisanz und auch Sprengkraft. Die gute Arbeitsmarktlage verringert das Problem allerdings. Am schlimmsten wäre es, wenn wir diese Teuerung bei hoher Arbeitslosigkeit
hätten.

Schafft flächendeckende Ganztageskinderbetreuung
als Antwort auf den Arbeitskräftemangel! 

Johannes Kopf, AMS

Denken Sie, dass die Jungen in Österreich auf die Straße gehen?

Das glaube ich nicht. Die Demografie hat in den vergangenen Jahren völlig gedreht: Die Jugendarbeitslosigkeit ist heute niedriger als die der anderen Altersgruppen. Anders sieht die Sache bei den Älteren aus: Ab 2024 heben wir das Frauenerwerbsalter jedes Jahr an und Altersarbeitslosigkeit ist ein Problem.

Wo entstehen mit der Erhöhung des Frauenerwerbsalters arbeitslose Frauen?

Interessanterweise bei Frauen im mittleren Alter, also bei Wiedereinsteigerinnen, die nach den Kindern einen Job suchen. Das Anheben des Frauenerwerbsalters entspricht 20.000 zusätzlichen Personen pro Jahr am Arbeitsmarkt. In der aktuellen Lage ist das kein Problem, doch wenn der Arbeitsmarkt dreht, dann ist das viel.

Wie lange hält der aktuelle Arbeitnehmermarkt an?

Wir leben in unsicheren Zeiten. Doch momentan zeigen meine Frühindikatoren keinerlei Einbruch auf dem Arbeitsmarkt.

Wenn Menschen mit AMS-Geld und Zuverdienst mehr im Geldbörsl haben als mit ihrem regulären Job, was sagt das über Job und Arbeitsmarkt aus?

Das ist vor allem ein Teilzeitproblem und das sagt mir, dass wir keine ordentliche Kinderbetreuung anbieten.

Was ist Ihr Schluss daraus?

Ich bin für flächendeckende Ganztageskinderbetreuungsangebote ab dem ersten Geburtstag. Es soll jede Familie selbst entscheiden – aber das Angebot muss da sein! Damit wäre auch gleich ein großer Teil des Arbeitskräftemangels beseitigt.

Wir kämen der Vollbeschäftigung näher …

Ja, weil Frauen die Möglichkeit hätten, mehr Stunden zu arbeiten und wir zugleich der Altersarmut der Frauen entgegenwirken.

Viele Länder sind gegen flächendeckende Kinderbetreuung …

Das hat etwas mit dem Finanzausgleich zu tun – und mit Haltungen. Doch wenn ich nur eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme vorschlagen darf: Schafft flächendeckende Ganztageskinderbetreuung als Antwort auf den Arbeitskräftemangel!

Teilt Minister Kocher Ihre Meinung zur Kinderbetreuung?

Das glaube ich schon. Die Sozialpartner sind sich hier im Übrigen völlig einig. Ist es deshalb politisch umsetzbar? Das ist eine andere Frage.

Die AK ist gegen die Aufhebung von Zuverdienstmöglichkeiten. Wie sehen Sie das?

Anders.

Wir reden von 485,85 Euro im Monat.

Arbeitslosengeld plus Zuverdienst verlängert die Arbeitslosigkeit. Daten belegen das. Bei Menschen in der Notstandshilfe jedoch hat das keinen merkbaren Effekt. Insofern kann man da auch differenzieren. Der Zuverdienst hat ja den Sinn, Armut entgegenzuwirken. Darum sage ich: Vielleicht kann man in Sachen Zuverdienst zwischen Phasen der Arbeitslosigkeit sinnvoll differenzieren. Die Koalition diskutiert das gerade.

Laut Lehrbuch fordert jeder große Strukturwandel zunächst Jobverluste. Dann entstehen neue Arbeitsplätze. Was bringt die Digitalisierung?

Tatsache ist: Die Beschäftigung sinkt nicht. Eine interessante, wenn auch skurrile Theorie, warum das so ist, stammt von David Graeber, dem Autor von „Bullshit Jobs“. Er sagt: Automatisierung und Digitalisierung bedeuten nicht weniger Beschäftigte, weil Bullshit-Jobs entstanden sind. Was das ist? Ein Job, von dem die ihn ausführende Person sagt, er sei sinnlos. Das ist natürlich eine Karikatur der Wirklichkeit, aber durchaus interessant.

Was passiert durch Industrie 4.0 auf dem Arbeitsmarkt?

Ich denke, es wird anderes kommen, als viele erwarten: Wegen der hohen geopolitischen Unsicherheit und Lieferkettenproblemen überlegen Unternehmen, wo sie zukünftig produzieren werden. Durch die Automatisierung braucht man heute relativ zu den sonstigen Kosten viel weniger Personal. Man wird zum Schluss kommen, dass es sich wieder auszahlt in Europa zu produzieren. Ich erwarte also eine Reindustrialisierung Europas. Für Österreich sind das gute Aussichten.

Die Industrie kommt wieder zurück?

Die Beschäftigung in der Industrie wächst. Jeder hat gesagt, dass sie sinkt, aber das ist in den vergangenen zehn Jahren nicht passiert.

Gibt es Ladenhüter, also Stellen die niemand will?

Ja, natürlich. Jede Stelle, die nicht in drei Monaten besetzt wird, ist gewissermaßen ein „Ladenhüter“. Da sind aber auch Stellen dabei, die ein sehr gutes Gehalt vorsehen und gute Arbeitsbedingungen bieten, zum Beispiel für IT-Kräfte.

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