Interview: Wohnbau nicht dem freien Markt überlassen

Inhalt

  1. Seite 1 - Grundgedanke der Wohnbauvereinigung
  2. Seite 2 - Anforderungen an die Wohnhäuser
  3. Seite 3 - Wohnen und der freie Markt
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Michael Gehbauer leitet die Wohnbauvereinigung für Privatangestellte. Er spricht sich für eine Erhöhung der Mittel für Wohnbauförderung aus. Die Regulierung des Wohnungsmarktes sieht er als eine Aufgabe des Sozial- und Wohlfahrtsstaates.

Gemeinnützige Wohnbauträger bauen nicht im luftleeren Raum. Der Wohnungsmarkt ist heute auch Spielfeld von Investoren und Bauträgern, die keine leistbaren Wohnungen errichten, sondern Luxuswohnungen, die möglichst viel Ertrag erwirtschaften – Stichwort Betongold. Was läuft da schief?

Viele Ressourcen gehen derzeit in den frei finanzierten Bereich, es können sich aber maximal 20 Prozent der Bevölkerung frei finanziertes Eigentum leisten. Wenn aber 60 Prozent der Wohnungen für 20 Prozent der Bevölkerung gebaut werden, heißt das, dass sich 80 Prozent der Bevölkerung um die restlichen 40 Prozent bemühen. Das Problem ist, dass hier von der Menge her zwar genug gebaut wird, aber zu wenig in unserem Segment. Die frei finanzierten Wohnungen sind zudem nur zu einem kleineren Teil tatsächlich zur Befriedigung des Wohnbedürfnisses vorgesehen. Hier geht es häufig um Anlage- und Investitionsvermögen, das oft auch nicht vermietet wird – und wenn doch, dann teuer oder über Airbnb. Wenn man das volkswirtschaftlich betrachtet, ist die Allokation der Produktionsmittel hier also nicht optimal.

Was passiert, wenn man den Bereich Wohnen nur mehr dem freien Markt überlässt?

Das hätte verheerende Folgen. Klarerweise wird jeder, der baut, versuchen, seinen Profit so hoch wie möglich anzusetzen. Das führt dazu, dass es eine unzureichende Versorgung der Bevölkerung mit Wohnraum gibt. Daher sind Eingriffe in den Markt unerlässlich. Es braucht eben Akteure wie die gemeinnützigen Bauvereinigungen, es braucht finanzpolitische Instrumente wie die Wohnbauförderung, es braucht ordnungspolitische Elemente wie die Wohnungsgemeinnützigkeit, um hier für einen gewissen Ausgleich am Markt zu sorgen. Über die Angebotserhöhung geht dann auch ein preisdämpfender Effekt auf das andere Marktsegment aus. Wir verstehen die Regulierung des Wohnungsmarktes dabei als eine Aufgabe des Sozial- und Wohlfahrtsstaates.

Wir verstehen die Regulierung des Wohnungsmarktes als eine Aufgabe des Sozial- und Wohlfahrtsstaates.

Die Verteilungsfrage ist insgesamt eines der Themen unserer Zeit. Leistbares Wohnen ist inzwischen umkämpftes Gut. Welche Gegenstrategien bräuchte es hier – und wer könnte bzw. müsste diese umsetzen?

Es muss noch viel stärker eine Bewusstseinsänderung stattfinden. Da halte ich zum Beispiel die Bürgerinitiative „Housing for All“ für einen sehr positiven Aspekt, wo man die Wohnungsfrage wieder in den Mittelpunkt der Überlegungen der politischen Akteure stellt.

Wenn das geschehen ist, gibt es ein Bündel an erforderlichen Maßnahmen. Man muss am Grundstücksmarkt ansetzen, man braucht finanzpolitische Instrumente. Die Errichtung einer Wohnung kostet Geld. Und wenn das für Durchschnittsverdiener nicht wirklich leistbar ist, dann muss man die Errichtung finanziell stützen mit einer Objektförderung. Und das wird oft nicht ausreichen, und deshalb wird man sozial benachteiligten Gruppen darüber hinaus auch noch eine individuelle Förderung wie eine Wohnbauhilfe zukommen lassen müssen.

Von heute auf morgen kann keine Gesellschaft allen Staatsbürgern eine Wohnung zur Verfügung stellen.

Ich glaube aber auch, dass es notwendig ist, dass wir über Qualitätsstandards nachdenken. Das heißt nicht, dass wir Qualitätsstandards generell reduzieren. Man muss aber, wenn man über leistbaren Wohnbau nachdenkt, alle Schrauben bedenken, an denen man drehen könnte. Ein Beispiel: Bei einem Projekt im 22. Bezirk haben wir auf einem Baurechtsgrund gebaut, auf Tiefgaragen verzichtet und so niedrig – also mit drei Geschossen – gebaut, dass keine Aufzüge erforderlich waren. Damit haben wir Errichtungskosten gespart. Die Miete liegt damit um fast einen Euro pro Quadratmeter unter dem sonstigen Mietniveau im gemeinnützigen Bereich. Eines muss aber auch klar sein: Von heute auf morgen kann keine Gesellschaft allen Staatsbürgern eine Wohnung zur Verfügung stellen. Und die Versorgung in Österreich gehört da nachweislich zu den Best-Practice-Beispielen in der gesamten Welt.

Von
Alexia Weiss

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 9/19.

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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).