Interview: Wohnbau nicht dem freien Markt überlassen

Inhalt

  1. Seite 1 - Grundgedanke der Wohnbauvereinigung
  2. Seite 2 - Anforderungen an die Wohnhäuser
  3. Seite 3 - Wohnen und der freie Markt
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Michael Gehbauer leitet die Wohnbauvereinigung für Privatangestellte. Er spricht sich für eine Erhöhung der Mittel für Wohnbauförderung aus. Die Regulierung des Wohnungsmarktes sieht er als eine Aufgabe des Sozial- und Wohlfahrtsstaates.

Wie haben sich die Anforderungen an die errichteten Wohnhäuser über die Jahrzehnte verändert?

Am Anfang ging es einfach darum, viel Wohnraum zu schaffen. Das wandelte sich dann ab den 80er-Jahren. Abgesehen vom Versorgungsgedanken wurde die Alltagstauglichkeit zunehmend Thema. Beispielsweise, dass die Lage einer Küche in einer Wohnung eine Rolle spielt, der Blickkontakt zum Spielplatz gegeben ist, die Helligkeit der Stiegenhäuser wichtig ist oder auch die Erschließung der Wohnungen mit Aufzügen. Da sind Qualitätsanforderungen dazugekommen.

Wir haben heute Wohnungen, die sowohl der Bauordnung entsprechen müssen als auch den sogenannten OIB-Richtlinien. Themen sind da Brandschutz, Lärmschutz, Barrierefreiheit, aber auch zunehmend ökologische Auflagen. Das sind natürlich sinnvolle Maßnahmen, wenn man etwa an den Brandschutz denkt, umgekehrt wird da oder dort der Ruf laut, dass es sich teilweise auch um überzogene Normen handelt.

Barrierefreiheit muss ein neuer Standard werden.

In Bezug auf die Barrierefreiheit vertrete ich den Standpunkt, dass Barrierefreiheit ein neuer Standard werden muss. Wir sollten uns als Gesellschaft so weit entwickeln, dass wir eine sinnvolle Barrierefreiheit in allen unseren Neubauten umsetzen, weil jeder durch Unfall oder Erkrankung oder im Alter gehandicapt sein kann. Auch bei Familienzuwachs ist Barrierefreiheit ein wichtiges Thema und erleichtert den Alltag. Derzeit wird angesichts des geforderten Einsatzes von erneuerbaren Energien und des Bemühens um CO2-Reduktion zudem über viele Fragen beim Wohnen neu nachgedacht. Das beginnt damit, wie eine Wohnung mit Energie versorgt wird. Da haben wir in Wien den Vorteil, Fernwärme zu haben. Mit Ausnahme von Gas verwenden wir keine fossilen Brennstoffe mehr in unseren Anlagen, und auch bei Gas wird man immer wieder nachdenken müssen, ob es da oder dort Sinn macht, umzustellen. Bei neueren Objekten bemühen wir uns schon um fossilstofffreie erneuerbare Energiequellen, etwa Erdwärme und Photovoltaik, zumindest für einen Teil des Energieverbrauchs.

Wie nähern Sie sich dem Thema Kühlung?

Bisher ist das Thema Kühlung von Mieterinnen und Mietern individuell angegangen worden, mit eigenen Klimaanlagen. Aber wir sind jetzt so weit, kollektive Lösungen für das Kühlen anzudenken. In der Regel muss man dazu die Heizsysteme umstellen und entweder über den Boden oder über die Decke heizen, dann kann man über diese Bauteile auch kühlen. Es sind jetzt die ersten Anlagen mit solchen Lösungen in Planung – diese können aber erst in drei bis vier Jahren bezogen werden, ein bisschen ist das also noch Zukunftsmusik.

Uns ist bewusst, dass das Thema Kühlen in Zukunft für den Wohnkomfort im Vordergrund stehen wird.

Uns ist bewusst, dass das Thema Kühlen in Zukunft für den Wohnkomfort im Vordergrund stehen wird. Man muss sagen, es ist auch ein soziales Thema, weil wenn man es dem Mieter überlassen würde, ob er eine Kühlung installiert oder nicht oder einen außenliegenden Sonnenschutz verwendet oder nicht, dann ist das immer einkommensabhängig.

Neue technische Möglichkeiten schlagen sich auch auf der Kostenseite nieder. Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch?

Die Herausforderungen sind enorm. Beim Bauen gibt es drei wesentliche Kostenkomponenten. Die eine ist das Grundstück, die andere sind die Baukosten, die dritte ist die Finanzierung. Die Finanzierung spielt im Moment aufgrund der derzeitigen Situation auf den Kapital- und Finanzmärkten keine große Rolle, wir haben derzeit sehr günstige Finanzierungskonditionen.

Beim Bauen gibt es drei wesentliche Kostenkomponenten. Die eine ist das Grundstück, die andere sind die Baukosten, die dritte ist die Finanzierung.

Bei den Grundstückskosten ist es so, dass wir darauf angewiesen sind, dass wir Grundstücke zu den Konditionen erwerben können, die der geförderte Wohnbau vorgibt. Da sind wir sehr froh, dass sich die Stadt Wien jetzt entschieden hat, mit der Widmungskategorie „geförderter Wohnbau“ sicherzustellen, dass bei Umwidmungen von Industriegebieten, aber auch von landwirtschaftlich genutzten Gebieten hier in Zukunft zwei Drittel der Wohnungen nur zu einem fix vorgegebenen Grundstückspreis verwertet werden dürfen. Bei Umwidmungen sollen in Zukunft zwei Drittel geförderter Wohnbau und ein Drittel frei finanzierter Wohnbau entstehen. Wenn uns das gelingt, dann haben wir in Bezug auf die Grundstücke vieles geschafft.

Bei den Baukosten, die infolge des Baubooms in Wien sehr stark steigen, muss man über neue Möglichkeiten nachdenken. Da gibt es aber auch gewisse Spielräume. Ein Spielraum ist zum Beispiel, dass man die Mittel der Wohnbauförderung durchaus wieder anheben könnte. In den letzten Jahren ist der Anteil, der für Wohnbauförderungsmittel, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ausgegeben wurde, von 1,3 Prozent in den 1990er-Jahren auf jetzt 0,5 Prozent gesunken. Ich glaube, es ist jetzt wieder an der Zeit, die Wohnbauförderungsmittel anzuheben. Das sind Mittel, die vom Bund kommen und dann im Wege des Finanzausgleichs an die Länder ausgeschüttet werden.

In den letzten Jahren ist der Anteil, der für Wohnbauförderungsmittel, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ausgegeben wurde, von 1,3 Prozent in den 1990er-Jahren auf jetzt 0,5 Prozent gesunken.

Wenn das nicht gelingt, dann muss man auch darüber nachdenken, dass man jene Maßnahmen, bei denen es wirklich um den Wohnbau an sich geht, der Wohnbauförderung zuordnet – und jene, bei denen es um Klimaschutz geht, gesondert fördert. Positiv ist zu sagen, dass die Stadt Wien im Frühjahr die Förderung von Smartwohnungen bereits angehoben hat – es bräuchte aber insgesamt noch mehr Mittel.

Viele Ressourcen gehen in den frei finanzierten Bereich. Das kann sich aber nicht jeder leisten.

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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2014 erschien ihr bisher letzter Roman ENDLOSSCHLEIFE (Verlag Iatros).