Interview: Umverteilung nach oben

Arbeitszeitverkürzung ist immer Verteilungskampf - von längerer Arbeitszeit profitieren die Reichen. Und warum Digitalisierung selbst nichts ändert, sondern hochpolitische Entscheidungen über menschliche Arbeit in der Industrie 4.0 entscheiden.
Jörg Flecker ist Professor für Allgemeine Soziologie an der Uni Wien. Der 1959 in Graz geborene Wissenschafter studierte zunächst Handels­wissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien und gelangte über einen Postgraduate-Lehrgang am Institut für Höhere Studien zur Soziologie. Zwischen 1991 und 2013 war Flecker Wissenschaftlicher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), wo er weiterhin im Vorstand sitzt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Arbeitsorganisation, Arbeits­beziehungen, Beschäftigungssysteme, Internationalisierung, öffentliche Dienstleistungen sowie Populismus.
Fotos: (C) Michael Mazohl
Fotos: (C) Michael Mazohl
Soziologe Jörg Flecker über Arbeitszeitverkürzung als Verteilungskampf, das schwierige Wort Flexibilisierung und die Arbeitszeitwünsche der Menschen.

Inhalt

  1. Seite 1 - Arbeitszeitverkürzung statt längere Arbeitszeiten
  2. Seite 2 - Arbeitszeit ist auch immer eine Verteilungsfrage
  3. Seite 3 - Österreich hat kein starres Arbeitszeitgesetz
  4. Seite 4 - Die Digitalisierung verändert nichts, sondern die Akteure
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Zur Person
Jörg Flecker ist Professor für Allgemeine Soziologie an der Uni Wien.

Der 1959 in Graz geborene Wissenschafter studierte zunächst Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien und gelangte über einen Postgraduate-Lehrgang am Institut für Höhere Studien zur Soziologie. Zwischen 1991 und 2013 war Flecker Wissenschaftlicher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), wo er weiterhin im Vorstand sitzt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Arbeitsorganisation, Arbeitsbeziehungen, Beschäftigungssysteme, Internationalisierung, öffentliche Dienstleistungen sowie Populismus.

Arbeit&Wirtschaft: Sie sprechen sich für eine Arbeitszeitverkürzung – idealerweise auf 30 Stunden – aus. Der Trend geht in eine völlig andere Richtung. Träumen Sie gerne?

Jörg Flecker: Der langfristige Trend der Arbeitszeitverkürzung im 20. Jahrhundert ist in den 1980er-Jahren gestoppt worden. Er geht jetzt eher in Richtung Verlängerung, aber das ist eine Frage der Kräfteverhältnisse und der politischen Dynamiken. Es ist ja nicht ausgemacht, dass es mit langen Arbeitszeiten weitergehen muss.

Wollen die Menschen überhaupt weniger arbeiten?

Ja. Sehr viele, die lange arbeiten, wollen deutlich kürzer arbeiten, und jene, die kurze Teilzeit arbeiten, würden gerne mehr arbeiten, weil sie dann entsprechend mehr verdienen oder vielleicht auch mehr arbeiten wollen. Die durchschnittliche Arbeitszeit, wo es nur wenige gibt, die länger oder kürzer arbeiten wollen, liegt bei 32 Stunden. Wenn es dann Richtung 45, 50 Stunden geht, wollen die Menschen im Durchschnitt viele Stunden weniger arbeiten.

Österreich hat eine hohe Teilzeitquote. Welche Motive spielen dabei eine Rolle?

Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten bei den Frauen ist sehr hoch, er liegt fast bei 50 Prozent. Teilzeitarbeit ist auch nicht immer freiwillig, vor allem, wenn es darum geht: Findet man überhaupt einen Vollzeitjob oder gibt es Kinderbetreuung?

Ich sage immer: Es gibt die freiwillige Teilzeit und die unter Anführungszeichen freiwillige Teilzeit. Es gibt schon jene, die lieber kürzer arbeiten wollen, weil sie eh genug verdienen. Und dann gibt es die, die unter Anführungszeichen freiwillig Teilzeit arbeiten. Sie sind dazu gezwungen, weil das öffentliche Angebot an Kinder-betreuung oder Altenpflege nicht ausreichend ausgebaut ist oder die Öffnungszeiten nicht passen. Ein weiterer Grund sind die unterschiedlichen Einkommen von Männern und Frauen, wo sich das Paar überlegen muss, wie es finanziell über die Runden kommt.

Gilt das selbst bei gleich Qualifizierten?

Ja, auch dann gibt es einen Unterschied. Der Hauptgrund ist aber schon, dass Frauen nicht die gleichen Berufe ausüben. Sie müssen also die Arbeitszeit aufgrund von Verpflichtungen gegenüber Familie und Haushalt verkürzen. Bei den Männern sind eher Weiterbildung und anderes Motive für Teilzeit.

Einerseits arbeiten die Menschen also wegen anderer Verpflichtungen Teilzeit, andererseits schlichtweg wegen höherer Lebensqualität. Bei den Erhebungen über Zeitverwendung kommt raus, dass Frauen, die Teilzeit arbeiten, in Summe – also wenn man die unbezahlte Arbeit zu Hause miteinbezieht – länger arbeiten als Männer, die Vollzeit arbeiten. Da ist es natürlich eine höhere Lebensqualität, wenn man für die Erwerbsarbeit weniger Zeit aufwenden muss – wenn man es sich leisten kann.

Dann gibt es wiederum die Älteren über 50 oder 55, die ganz gerne in Teilzeit sind, weil sie sagen, sie halten die Belastungen in der Arbeit nicht mehr so leicht aus. Die Motive sind also unterschiedlich, aber es gibt recht viele Wünsche in Richtung kürzere Arbeitszeit.

Inhalt

  1. Seite 1 - Arbeitszeitverkürzung statt längere Arbeitszeiten
  2. Seite 2 - Arbeitszeit ist auch immer eine Verteilungsfrage
  3. Seite 3 - Österreich hat kein starres Arbeitszeitgesetz
  4. Seite 4 - Die Digitalisierung verändert nichts, sondern die Akteure
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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin – und Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft.