Tourismus: Eine unbelehrbare Branche – vida-Chef Roman Hebenstreit im Interview

„Es kann nicht nur Aufgabe der Gewerkschaften sein, für einen sozialen Ausgleich zu sorgen“, sagt vida-Chef Roman Hebenstreit über das Problemkind Tourismus.
(C) Markus Zahradnik

Inhalt

  1. Seite 1 - Tourismus in und nach den Lockdowns
  2. Seite 2 - Vorteile einer Tourismuskassa
  3. Seite 3 - Arbeit im Tourismus unter Corona-Bedingungen
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Der Tourismus zählt zu den besonders durch die Pandemie betroffenen Branchen. Arbeit & Wirtschaft sprach mit dem vida-Vorsitzenden Roman Hebenstreit über die Schwierigkeit, die Arbeitgeber:innenseite davon zu überzeugen, bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter:innen zu schaffen und über die Idee, eine Tourismuskasse einzurichten, die den Beschäftigten mehr Stabilität bringen würde.
Roman Hebenstreit, geb. 1971 in der Oststeiermark, ist seit fünf Jahren vida-Vorsitzender. Der gelernte Maschinenschlosser arbeitete als Triebfahrzeugführer, bis er in die Gewerkschaftsarbeit wechselte. Er sitzt zudem dem Konzern- betriebsrat bei den ÖBB vor.

Arbeit&Wirtschaft: „Wir haben geschlossen!“, heißt es derzeit wieder in Hotels und Gastronomie: Österreich befindet sich zum Zeitpunkt unseres Gesprächs im bereits vierten Lockdown, um eine neuerliche Welle an COVID-Erkrankungen zu brechen. Wie ist die Stimmung der Beschäftigten in der Tourismusbranche aktuell?

Roman Hebenstreit: Verständlicherweise nicht sonderlich gut. Wir reden da von Menschen, die jeden Lockdown am eigenen Leib gespürt haben, weil es immer auch automatisch um die eigene Existenz, den Job und damit das Einkommen und das notwendige Auskommen gegangen ist. Gerade der Tourismus ist ja bekanntlich nicht gerade ein Hochentlohnersektor und ist auch aufgebaut auf Trinkgeld. Da hat es sehr lange gedauert, bis wir es geschafft haben – nämlich erst jetzt in der letzten Kurzarbeitsrunde – wenigstens eine teilweise Entschädigung für diese Trinkgeldbestandteile zu bekommen. Das hat am Ende für viele bedeutet, dass trotz einer vermeintlich hohen Nettoersatzrate in der Kurzarbeit trotzdem netto wenig geblieben ist.

Haben Sie das Gefühl, dass die Arbeitgeber:innenseite aus den vorangegangenen Erfahrungen gelernt hat und dieses Mal Dinge anders macht – Stichwort Kurzarbeit, oder Kündigungen?

Mir wäre spontan nichts aufgefallen. Der Tourismus ist leider für mich in vielerlei Hinsicht auch eine etwas verlorene Branche, weil es wahnsinnig schwer ist, auf der Arbeitgeber:innenseite Bewegung zu schaffen. Der Tourismus ist beispielsweise auch die einzige Branche, bei der wir keine Einigung zu den jetzt gesetzlich angepassten Kündigungsfristen auf Grund der Angleichung Arbeiter:innen und Angestellte durchbringen konnten. Da landen wir jetzt vor dem Höchstgericht. Ich würde die Branche durchwegs als eine definitiv unbelehrbare bezeichnen.

Haben Sie den Eindruck, dass es jetzt genauso viele Kündigungen gibt, wie im ersten Lockdown?

Da hat es durchwegs eine Reduktion gegeben und zwar aus einem in der Zwischenzeit absolut verständlichen Motiv, nämlich der Tatsache, dass man nun Angst hat, dass man dann überhaupt niemanden mehr findet. Und es ist schon so, dass die Erfahrung aus den ersten Lockdowns und aus den Kündigungswellen, die damit stattgefunden haben, die war, dass es immer schwieriger wird, die Menschen zurück in diese Branche zu bringen.

Im vergangenen Sommer konnte sich der Tourismus nach dem schwierigen Start ins Jahr 2021 etwas erholen. Für viele Tourismusbetriebe war es aber eben schwierig, Mitarbeiter:innen zu finden. Darüber klagte die Branche schon vor der Pandemie, inzwischen wechselten aber auch noch viele in andere Berufe. Was bedeutet das für die Arbeitsbedingungen jener, die weiter im Tourismus tätig sind?

Dass sich zum Guten bisher nichts verändert hat und langsam die Hoffnung schwindet. Es gibt den Referenzbudgetrahmen, den die Schuldnerberatung festlegt, ab welchem Nettoeinkommen ein normales Leben machbar ist. Der Medianwert im Tourismus liegt unter diesem Referenzbudgetwert, der aktuell bei etwa 1.460 Euro netto ist. Das heißt, wir haben in dieser Branche eine ziemliche Herausforderung, was die Rahmenbedingungen anbelangt. Da ist einerseits das Einkommen plus die Tatsache, dass natürlich die Beschäftigungsbedingungen auch prekärere sind. Da meine ich nicht unbedingt, dass man am Wochenende und an den Feiertagen arbeitet, das weiß man, wenn man in den Tourismus geht, und das gibt es übrigens auch in anderen Branchen. Sondern eher die Tatsache, dass etwa Planbarkeit oder Jobsicherheit mit großen Fragezeichen versehen sind.

Es gibt den Referenzbudgetrahmen, den die Schuldnerberatung festlegt, ab welchem Nettoeinkommen ein normales Leben machbar ist. Der Medianwert im Tourismus liegt unter diesem Referenzbudgetwert, der aktuell bei etwa 1.460 Euro netto ist.

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Das heißt, wenn ich in diese Branche gehe, weiß ich in der Regel nicht, wie lange habe ich diesen Job, wie sicher habe ich ihn und da geht es nicht immer nur um den Lockdown, sondern da geht es von der einen Saison in die nächste. Und es ist auch das Thema Planungssicherheit ein großes Fragezeichen. Warum? Weil einfach auf Grund der Volatilität der Dienste und der üblichen „Du bleibst heute da, weil wir brauchen dich“-Geschichte eine Freizeit- oder eine Lebensplanung immer schwieriger geworden ist. Im Tourismus ist das wahrscheinlich eine besondere Herausforderung für viele Menschen, deshalb ist auch die Flucht entsprechend groß.

Das heißt, es wird also maximale Flexibilität eingefordert, aber diese wird nicht belohnt.

Es gibt natürlich einzelne Ausnahmen so wie überall. Und es kommen mehr und mehr Qualitätsbetriebe auch zu uns, die fragen: Was gibt es auf der Seite der Gewerkschaft für Ideen und wie können wir die Branche attraktiver gestalten? Mit denen führen wir auch durchwegs vernünftige Gespräche. Schwieriger ist es mit der Gesamtbranche und auch mit dem Arbeitgeber:innenverband, nämlich mit der Fachgruppe innerhalb der Wirtschaftskammer, hier zu einer Lösung zu kommen. Dazu kommt, dass es auf der Hotellerie-Seite ja einen Freiwilligenverband mit der ÖAV gibt, das macht es für uns nicht unbedingt einfach, hier zu branchenübergreifenden Verbesserungen zu kommen. Das letzte Beispiel: Wir haben mehrfach schon versucht, Systemveränderungen und –verbesserungen mit der Arbeitgeber:innenseite gemeinsam zu erzielen, wir sind aber immer am Streit auf der Arbeitgeber:innenseite gescheitert.

Etwas, was die Arbeitgeber:innenseite immer wieder beklagt, ist der so genannte „Fachkräftemangel“, wo aber die Gewerkschaft die Position vertritt, man muss die Arbeitsbedingungen für Tourismusbeschäftigte ändern, damit die Branche wieder attraktiver wird.

Ich sage dazu immer: Wir haben keinen Fachkräftemangel, sondern wir haben einen Bezahl- und Ausbildungsmangel. Bezeichnend ist in dieser Branche letztendlich auch, dass die Zahl der Lehrlinge um mehr als 30 Prozent rückläufig ist im letzten Jahrzehnt, das heißt, es bilden auch immer weniger Betriebe ihren Nachwuchs aus. Ich kann nicht auf der einen Seite rufen, dass uns der Nachwuchs fehlt, und auf der anderen Seite aber keine Bereitschaft besitzen, für den eigenen Nachwuchs auch ein Stückchen selbst zu sorgen.


Eine Tourismuskasse, wie sie der ÖGB fordert, wäre für alle Seiten von Vorteil, meint vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit. Für die Arbeitnehmer:innen ginge es dabei um „Grundstabilität“.

Die vida hat mit dem Konzept einer Tourismuskasse ein Modell vorgelegt, um beiden Seiten – Arbeitgeber:innen wie Beschäftigten – zu helfen. Wie sieht dieses Modell konkret aus?

Die Idee der Tourismuskasse war dem geschuldet, dass uns schon bewusst ist, dass am Markt ein hohes Maß an Flexibilität gefordert ist, aber dass es darum umso mehr Stabilität im Hintergrund braucht. Die Idee der Tourismuskasse war eine relativ simple und von mehreren Motiven getrieben: Das war damals der große Aufschrei, Urlaub entsteht auch in der Kurzarbeit, die Unternehmen können sich das nicht leisten. Wir haben dann gesagt, ok, wenn das so ist, dann wäre das durchaus etwas, was förderungswürdig wäre. Was wir aber wollten, gleichzeitig ein hohes Maß an Sicherheit für die Beschäftigten zu schaffen.

Die Idee der Tourismuskasse war dem geschuldet, dass uns schon bewusst ist, dass am Markt ein hohes Maß an Flexibilität gefordert ist, aber dass es darum umso mehr Stabilität im Hintergrund braucht.

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Das heißt, man hätte mit einer derartigen Tourismuskassa die Betriebe dort entlasten können, wo es zu dem Zeitpunkt unbedingt notwendig war, nämlich auf der Eigenkapitalseite, indem man die Urlaubsrückstellungen auflösen hätte können und die Verpflichtung, ähnlich wie bei der Bauarbeiterurlaubs- und –abfertigungskasse in eine derartige Kassa transferiert. Das wäre unmittelbar eigenkapitalwirksam gewesen, zu diesem Zeitpunkt absolut notwendig. Gleichzeitig hätte man seitens der Regierung ein gutes Instrument, ein gutes Gefäß gefunden, in das man auch fördern kann, und zwar gezielt fördern. Man hätte nämlich diese erstmalig entstandenen Urlaubsansprüche, so unser Vorschlag, auch durch eine Förderung bis zu einem gewissen Grad für einen bestimmten Zeitraum für die Branche übernehmen können..

Und zusätzlich, und das trägt überhaupt den Geist dieser Idee, wäre natürlich ein derart stabiles Konstrukt mit einer Bundeshaftung belegt wie eine Versicherung, das hätte die Möglichkeit gegeben zu sagen, okay, du hast zwar einen Betriebswechsel von der Saison im Sommer auf den Winter, du hast dazwischen vielleicht Arbeitslosenzeiten, aber du hast hier fix dein Urlaubskonto, du erwirbst vielleicht die sechste Urlaubswoche, du hast deine Feiertagsentschädigung dort geparkt, du kannst dir damit vielleicht auch eine Saisonüberbrückung irgendwie leisten durch Stundenansparen etc. Auch das war eine Überlegung.

Zudem hätte man über derartige Konstrukte auch überbetriebliche Weiterbildungen und Ausbildungen organisieren können, Stichwort Lehrbauhof, auch da muss man nichts Neues erfinden, das gibt es in der Bauwirtschaft schon und hätte in Summe auch einen Bedarf gedeckt, den wir sehr oft hören, nämlich Höher- und Weiterqualifikation in der Branche und damit auch ein höheres Maß an Attraktivität.

Wie fielen die Reaktionen aus?

Die Idee haben grundsätzlich viele für gut befunden mit Ausnahme der Regierung, die sich immer wieder darauf herausgeredet hat, dass es da Widerspruch aus der Wirtschaft gibt. Natürlich gab es vereinzelt kritische Stimmen, man hat das dann fälschlicherweise darauf aufgehängt, dass es damit zu einer Erhöhung er Lohnnebenkosten kommt, was insoferne ein Blödsinn ist, weil es egal ist, ob ich diese Rückstellungen selbst bilden muss oder ob ich halt einen regelmäßigen Beitrag in eine Kassa abliefere, die diese Leistungen für mich erbringt

Wie würden Beschäftigte und wie Betriebe von einer solchen Tourismuskassa profitieren?

Arbeitgeber:innen hätten auf jeden Fall durch diese jetzt beispielhaft angeführte Eigenkapitalentlastung massiv und genau zum richtigen Zeitpunkt profitiert. Mittelfristig hätten sie davon profitiert, dass wir, wenn wir merken, dass es strukturelle Probleme im Tourismus gibt, weiterhin gezielt dort hineinfördern können. Zudem ist es natürlich auch ein Bürokratieabbau, weil in den Unternehmungen ja nicht selten eine höhere Zahl an Ressourcen damit gebunden ist, zum Beispiel Beendigungsansprüche, Urlaubsansprüche, Abfertigungsansprüche zu berechnen, zu kontieren und auszubezahlen. Diese Aufgabe wäre zur Gänze an diese Kasse ausgelagert worden.

Für die Arbeitnehmer:innenseite wäre der große Vorteil der, egal, in welchem Betrieb ich gerade tätig bin, ich habe eine Grundstabilität. Ich weiß, was mein Urlaubsanspruch ist, der bleibt fix. Ich erwerbe mir eine sechste Urlaubswoche.

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Für die Arbeitnehmer:innenseite wäre der große Vorteil der, egal, in welchem Betrieb ich gerade tätig bin, ich habe eine Grundstabilität. Ich weiß, was mein Urlaubsanspruch ist, der bleibt fix. Ich erwerbe mir eine sechste Urlaubswoche. Ich kann mir sicher sein, dass die Abrechnung stimmt, das Geld kommt zur richtigen Zeit, auch das Krankengeld – auch das wäre möglich gewesen – kommt von einer Stelle, die hundertprozentig funktioniert. Man hätte gut Informationen darüber steuern können. Dazu kommt die Möglichkeit, Zeiten der Arbeitslosigkeit vielleicht auszupuffern über ein derartiges Konstrukt oder Weiterbildungsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen.

Jetzt fand gerade erst eine Regierungsumbildung statt. Werden Sie das als Chance nützen, um hier nochmals eine Gesprächsannäherung zu versuchen?

Wir versuchen uns darauf einzustellen, dass wir eines mit Sicherheit nicht mehr haben in diesem Land, nämlich Stabilität. Die Zeiten, wo Sozialpartnerschaft gut funktioniert hat, weil es ein gewisses Maß an Stabilität zwischen diesen drei gesellschaftlich relevanten Gruppierungen – Arbeitgeber:innen, Arbeitnehmer:innen und Regierung – gab, die sind definitiv vorbei. Das sehe ich persönlich zumindest so. Das heißt für uns natürlich, die Arbeit anders zu gestalten, das Lobbying anders zu gestalten. Natürlich ist mit jeder Veränderung auch eine Chance verbunden, heißt aber immer auch: zurück an den Start und von vorne zu beginnen und zu erklären, zu beschreiben, Menschen zu motivieren.

Die Zeiten, in denen die Sozialpartnerschaft gut funktioniert hat, die sind definitiv vorbei.“

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Wir überlegen in der Zwischenzeit, einen Schritt in die andere Richtung zu gehen, nämlich vielleicht mit jenen, die willig sind, die berüchtigten vernünftigen Kräfte auf der Arbeitgeber:innenseite so weit zu organisieren, um vielleicht für diese Bereiche, diese Betriebe, diese Teile der Branche eine vernünftigere Lösung zustande zu bringen, was natürlich dazu führen wird, dass der Wettbewerb innerhalb der Branche ein noch größerer wird. Wir erleben halt leider, dass diese Branche sehr von Konkurrenz getrieben ist. Deshalb ist es auch verdammt schwer, Lösungen zustande zu bringen.

Das wäre dann aber ein Modell, das auf Freiwilligkeit beruht.

Jein – auch eine Variante, aber es gibt ja mehrere Stakeholder in diesem System. Wir sind gerade dabei, auch auf Bundesländer zuzugehen, die durchaus Interesse haben, ihre Branche in ihrem Land zu unterstützen, also zum Beispiel ein Konstrukt mit einer gezielten Landesförderung zu beginnen oder mit Teilen der Branche – Hotellerie, Gastronomie, Systemgastronomie, Spitzenhotellerie etc. Da gibt es mehrere Varianten.

Mit welchen Bundesländern sind Sie da schon im Gespräch?

Wir waren mit allen Bundesländern im Gespräch, wir haben im Westen begonnen und im Osten aufgehört und es gab und gibt immer noch vereinzelt Gespräche. Jetzt ist natürlich durch diese dauernden Regierungsumbildungen nicht nur Stabilität verloren gegangen, sondern auch die Prioritäten haben sich verschoben, wenngleich bei jedem neuen Lockdown und jeder neuen Maßnahme aufs Neue wieder begonnen werden muss. Aber es gibt durchaus ganz im Westen und ganz im Osten vernünftige Gespräche. Vielleicht kommen wir da einen Schritt weiter.


Aus Krisen lernen: Auch wenn zu hoffen ist, dass wir uns nicht zuletzt durch die angestrebte Impfpflicht im letzten Lockdown in dieser Pandemie befinden, Situationen wie diese können jederzeit wieder auftreten. Wie kann künftig noch stärker darauf geachtet werden, dass die Gesundheit von im Tourismus Beschäftigten noch besser als bisher geschützt wird?

Da würde ich ja ganz woanders anfangen, nämlich beim klassischen Arbeitnehmer:innenschutz. Dass es viele Betriebe gibt, die den ignorieren und dass wir gerade da zum Beispiel entgegen anderen Themen, die wir gerade diskutieren, von Anreizen reden, ich sage nur Arbeitsinspektorat, Stichwort beraten statt bestrafen, halte ich für den gänzlich falschen Weg. Da braucht es ganz klare Regeln. Da braucht es gute und regelmäßige Kontrollen und scharfe Strafen. Anders funktioniert das nicht.

Gerade der Tourismus ist ein Bereich, in dem es leider eine erkleckliche Anzahl von schwarzen Schafen gibt, die schlichtweg darauf pfeifen, egal ob es da um Arbeitszeitbestimmungen oder andere arbeitnehmer:innenschutzrechtliche Bereiche geht.

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Und gerade der Tourismus ist ein Bereich, in dem es leider eine erkleckliche Anzahl von schwarzen Schafen gibt, die schlichtweg darauf pfeifen, egal ob es da um Arbeitszeitbestimmungen oder andere arbeitnehmer:innenschutzrechtliche Bereiche geht. Am Ende zahlen wir das alle, weil am Ende landen diese Menschen dann mit entsprechenden Beschwerden physischer oder psychischer Natur im Out und wenn sie dort sind, dann trägt die Kosten in der Regel die Gemeinschaft. Insofern muss man sich um solche Branchen, denke ich, ganz besonders kümmern und sie auch an ihre Verantwortung erinnern, die sie der Gesamtgesellschaft gegenüber haben.

Geht es da vor allem um die Einhaltung der Ruhebestimmungen?

Naja, wir haben ja nicht nur diese leidige Debatte um den elendigen 12-Stunden-Tag geführt, sondern im Zuge dessen heimlich, still und leise die Ruhezeiten gerade in dieser Branche zum Beispiel explizit nochmal verkürzt. Das hat zu diesem Leidensthema der geteilten Dienste geführt, was noch einmal die Bedingungen erschwert und auch die Attraktivität entsprechend reduziert. Aber man hat den Tourismus schon immer ganz besonders berücksichtigt im negativen Sinn. Manchmal kommt mir das so vor wie bei einem Drogensüchtigen – immer noch einen Schuss. Und die Tourismusbranche ist genau so ein Drogensüchtiger, dem man immer noch einen Schuss gewährt hat, sei es bei dem Thema Fachkräfte im Zusammenhang mit Saisonkontingenten, mit den Mangelberufslisten, mit Arbeitszuzug aus Drittstaaten.

Was wünschen Sie sich nun von der Politik?

Es kann nicht nur Aufgabe der Gewerkschaften sein, für einen sozialen Ausgleich zu sorgen. Klar, wir verhandeln Kollektivverträge, in manchen Bereichen mehr recht als schlecht, weil der Organisationsgrad entsprechend schwierig zu organisieren ist, aber es kann eben nicht nur Aufgabe der Gewerkschaft sein, die Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir sanktionieren gerade sehr radikal gesundheitspolitische Maßnahmen, aber wenn es darum geht, das Gleichgewicht zwischen Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen in der Sozialpartnerschaft aufrecht zu erhalten, dann sind da viele in der Regierung blind schon über lange Zeit, weil wir haben zum Beispiel die Verpflichtung in jedem Unternehmen, wo mehr als fünf Beschäftigte sind, einen Betriebsrat zu gründen. Ist das so? Nein. Wird es sanktioniert? Nein.

Sie haben es nun selbst angesprochen: der Organisationsgrad ist recht niedrig, das ist wohl auch den Arbeitsbedingungen und ständig wechselnden Arbeitsstellen geschuldet. Gibt es da dennoch Möglichkeiten, als Gewerkschaft doch näher an die Beschäftigten heranzukommen?

Aber natürlich, die gibt es immer. Es ist natürlich in Branchen, in denen du eine hohe Fluktuation hast, in denen du saisonale und so genannte dislozierte Beschäftigungsverhältnisse hast, also wo kleine Gruppen vereinzelt in kleinen Betrieben sind, schwieriger, Solidarität zu organisieren. Ich sage immer, Solidarität zu organisieren ist der schönste, aber gleichzeitig schwierigste Job der Welt, das merkt man in dieser Branche ganz besonders. Wir bemühen uns da als Gewerkschaft jeden Tag aufs Neue wieder, gerade aus Sicht der vida mit sehr, sehr vielen Initiativen.

Es ist natürlich in Branchen, in denen du eine hohe Fluktuation hast, in denen du saisonale und so genannte dislozierte Beschäftigungsverhältnisse hast, also wo kleine Gruppen vereinzelt in kleinen Betrieben sind, schwieriger, Solidarität zu organisieren.

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Wir sind jetzt gerade dabei im Tourismus eine Art Community Management aufzubauen, also in Sozialen Medien in Interaktion zu kommen mit Beschäftigten, da zum Beispiel in Facebook-Gruppen hineinzugehen, weil wir bemerkt haben, dass es da größere Gruppen gibt und da kann man Serviceleistungen anbieten und Kontakt aufnehmen – um nur ein Beispiel zu nennen. In Summe ist es dann aber schon so: das eine ist das Bemühen und die Innovationskraft der Gewerkschaft, das andere ist einerseits die politische Stimmung, die im Land erzeugt wird, und noch einmal: Es sind auch die Rahmenbedingungen, die die Politik schafft.

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  2. Seite 2 - Vorteile einer Tourismuskassa
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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).