Tourismus: Eine unbelehrbare Branche – vida-Chef Roman Hebenstreit im Interview

Inhalt

  1. Seite 1 - Tourismus in und nach den Lockdowns
  2. Seite 2 - Vorteile einer Tourismuskassa
  3. Seite 3 - Arbeit im Tourismus unter Corona-Bedingungen
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Der Tourismus zählt zu den besonders durch die Pandemie betroffenen Branchen. Arbeit & Wirtschaft sprach mit dem vida-Vorsitzenden Roman Hebenstreit über die Schwierigkeit, die Arbeitgeber:innenseite davon zu überzeugen, bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter:innen zu schaffen und über die Idee, eine Tourismuskasse einzurichten, die den Beschäftigten mehr Stabilität bringen würde.
Eine Tourismuskasse, wie sie der ÖGB fordert, wäre für alle Seiten von Vorteil, meint vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit. Für die Arbeitnehmer:innen ginge es dabei um „Grundstabilität“.

Die vida hat mit dem Konzept einer Tourismuskasse ein Modell vorgelegt, um beiden Seiten – Arbeitgeber:innen wie Beschäftigten – zu helfen. Wie sieht dieses Modell konkret aus?

Die Idee der Tourismuskasse war dem geschuldet, dass uns schon bewusst ist, dass am Markt ein hohes Maß an Flexibilität gefordert ist, aber dass es darum umso mehr Stabilität im Hintergrund braucht. Die Idee der Tourismuskasse war eine relativ simple und von mehreren Motiven getrieben: Das war damals der große Aufschrei, Urlaub entsteht auch in der Kurzarbeit, die Unternehmen können sich das nicht leisten. Wir haben dann gesagt, ok, wenn das so ist, dann wäre das durchaus etwas, was förderungswürdig wäre. Was wir aber wollten, gleichzeitig ein hohes Maß an Sicherheit für die Beschäftigten zu schaffen.

Die Idee der Tourismuskasse war dem geschuldet, dass uns schon bewusst ist, dass am Markt ein hohes Maß an Flexibilität gefordert ist, aber dass es darum umso mehr Stabilität im Hintergrund braucht.

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Das heißt, man hätte mit einer derartigen Tourismuskassa die Betriebe dort entlasten können, wo es zu dem Zeitpunkt unbedingt notwendig war, nämlich auf der Eigenkapitalseite, indem man die Urlaubsrückstellungen auflösen hätte können und die Verpflichtung, ähnlich wie bei der Bauarbeiterurlaubs- und –abfertigungskasse in eine derartige Kassa transferiert. Das wäre unmittelbar eigenkapitalwirksam gewesen, zu diesem Zeitpunkt absolut notwendig. Gleichzeitig hätte man seitens der Regierung ein gutes Instrument, ein gutes Gefäß gefunden, in das man auch fördern kann, und zwar gezielt fördern. Man hätte nämlich diese erstmalig entstandenen Urlaubsansprüche, so unser Vorschlag, auch durch eine Förderung bis zu einem gewissen Grad für einen bestimmten Zeitraum für die Branche übernehmen können..

Und zusätzlich, und das trägt überhaupt den Geist dieser Idee, wäre natürlich ein derart stabiles Konstrukt mit einer Bundeshaftung belegt wie eine Versicherung, das hätte die Möglichkeit gegeben zu sagen, okay, du hast zwar einen Betriebswechsel von der Saison im Sommer auf den Winter, du hast dazwischen vielleicht Arbeitslosenzeiten, aber du hast hier fix dein Urlaubskonto, du erwirbst vielleicht die sechste Urlaubswoche, du hast deine Feiertagsentschädigung dort geparkt, du kannst dir damit vielleicht auch eine Saisonüberbrückung irgendwie leisten durch Stundenansparen etc. Auch das war eine Überlegung.

Zudem hätte man über derartige Konstrukte auch überbetriebliche Weiterbildungen und Ausbildungen organisieren können, Stichwort Lehrbauhof, auch da muss man nichts Neues erfinden, das gibt es in der Bauwirtschaft schon und hätte in Summe auch einen Bedarf gedeckt, den wir sehr oft hören, nämlich Höher- und Weiterqualifikation in der Branche und damit auch ein höheres Maß an Attraktivität.

Wie fielen die Reaktionen aus?

Die Idee haben grundsätzlich viele für gut befunden mit Ausnahme der Regierung, die sich immer wieder darauf herausgeredet hat, dass es da Widerspruch aus der Wirtschaft gibt. Natürlich gab es vereinzelt kritische Stimmen, man hat das dann fälschlicherweise darauf aufgehängt, dass es damit zu einer Erhöhung er Lohnnebenkosten kommt, was insoferne ein Blödsinn ist, weil es egal ist, ob ich diese Rückstellungen selbst bilden muss oder ob ich halt einen regelmäßigen Beitrag in eine Kassa abliefere, die diese Leistungen für mich erbringt

Wie würden Beschäftigte und wie Betriebe von einer solchen Tourismuskassa profitieren?

Arbeitgeber:innen hätten auf jeden Fall durch diese jetzt beispielhaft angeführte Eigenkapitalentlastung massiv und genau zum richtigen Zeitpunkt profitiert. Mittelfristig hätten sie davon profitiert, dass wir, wenn wir merken, dass es strukturelle Probleme im Tourismus gibt, weiterhin gezielt dort hineinfördern können. Zudem ist es natürlich auch ein Bürokratieabbau, weil in den Unternehmungen ja nicht selten eine höhere Zahl an Ressourcen damit gebunden ist, zum Beispiel Beendigungsansprüche, Urlaubsansprüche, Abfertigungsansprüche zu berechnen, zu kontieren und auszubezahlen. Diese Aufgabe wäre zur Gänze an diese Kasse ausgelagert worden.

Für die Arbeitnehmer:innenseite wäre der große Vorteil der, egal, in welchem Betrieb ich gerade tätig bin, ich habe eine Grundstabilität. Ich weiß, was mein Urlaubsanspruch ist, der bleibt fix. Ich erwerbe mir eine sechste Urlaubswoche.

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Für die Arbeitnehmer:innenseite wäre der große Vorteil der, egal, in welchem Betrieb ich gerade tätig bin, ich habe eine Grundstabilität. Ich weiß, was mein Urlaubsanspruch ist, der bleibt fix. Ich erwerbe mir eine sechste Urlaubswoche. Ich kann mir sicher sein, dass die Abrechnung stimmt, das Geld kommt zur richtigen Zeit, auch das Krankengeld – auch das wäre möglich gewesen – kommt von einer Stelle, die hundertprozentig funktioniert. Man hätte gut Informationen darüber steuern können. Dazu kommt die Möglichkeit, Zeiten der Arbeitslosigkeit vielleicht auszupuffern über ein derartiges Konstrukt oder Weiterbildungsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen.

Jetzt fand gerade erst eine Regierungsumbildung statt. Werden Sie das als Chance nützen, um hier nochmals eine Gesprächsannäherung zu versuchen?

Wir versuchen uns darauf einzustellen, dass wir eines mit Sicherheit nicht mehr haben in diesem Land, nämlich Stabilität. Die Zeiten, wo Sozialpartnerschaft gut funktioniert hat, weil es ein gewisses Maß an Stabilität zwischen diesen drei gesellschaftlich relevanten Gruppierungen – Arbeitgeber:innen, Arbeitnehmer:innen und Regierung – gab, die sind definitiv vorbei. Das sehe ich persönlich zumindest so. Das heißt für uns natürlich, die Arbeit anders zu gestalten, das Lobbying anders zu gestalten. Natürlich ist mit jeder Veränderung auch eine Chance verbunden, heißt aber immer auch: zurück an den Start und von vorne zu beginnen und zu erklären, zu beschreiben, Menschen zu motivieren.

Die Zeiten, in denen die Sozialpartnerschaft gut funktioniert hat, die sind definitiv vorbei.“

Roman Hebenstreit, vida-Vorsitzender

Wir überlegen in der Zwischenzeit, einen Schritt in die andere Richtung zu gehen, nämlich vielleicht mit jenen, die willig sind, die berüchtigten vernünftigen Kräfte auf der Arbeitgeber:innenseite so weit zu organisieren, um vielleicht für diese Bereiche, diese Betriebe, diese Teile der Branche eine vernünftigere Lösung zustande zu bringen, was natürlich dazu führen wird, dass der Wettbewerb innerhalb der Branche ein noch größerer wird. Wir erleben halt leider, dass diese Branche sehr von Konkurrenz getrieben ist. Deshalb ist es auch verdammt schwer, Lösungen zustande zu bringen.

Das wäre dann aber ein Modell, das auf Freiwilligkeit beruht.

Jein – auch eine Variante, aber es gibt ja mehrere Stakeholder in diesem System. Wir sind gerade dabei, auch auf Bundesländer zuzugehen, die durchaus Interesse haben, ihre Branche in ihrem Land zu unterstützen, also zum Beispiel ein Konstrukt mit einer gezielten Landesförderung zu beginnen oder mit Teilen der Branche – Hotellerie, Gastronomie, Systemgastronomie, Spitzenhotellerie etc. Da gibt es mehrere Varianten.

Mit welchen Bundesländern sind Sie da schon im Gespräch?

Wir waren mit allen Bundesländern im Gespräch, wir haben im Westen begonnen und im Osten aufgehört und es gab und gibt immer noch vereinzelt Gespräche. Jetzt ist natürlich durch diese dauernden Regierungsumbildungen nicht nur Stabilität verloren gegangen, sondern auch die Prioritäten haben sich verschoben, wenngleich bei jedem neuen Lockdown und jeder neuen Maßnahme aufs Neue wieder begonnen werden muss. Aber es gibt durchaus ganz im Westen und ganz im Osten vernünftige Gespräche. Vielleicht kommen wir da einen Schritt weiter.

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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).