Gewerkschaften in Österreich: Warum sie für Arbeitnehmer:innen unverzichtbar sind

Menschen protestieren für fairen Lohn. Symbolbild: Welche Rolle haben Gewerkschaften in Österreich?
Welche Rolle haben Gewerkschaften in Österreich und wer profitiert? | © APA-Images / REUTERS / LISA LEUTNER
Rund um die Kollektivvertragsverhandlungen sind Gewerkschaften präsent in den Nachrichten. Ihre Bedeutung reicht aber deutlich weiter. Sie sichern Einkommen und Rechte im Arbeitsalltag von Millionen Beschäftigten.
Gewerkschaften tauchen in der öffentlichen Debatte meist dann auf, wenn Kollektivverträge verhandelt werden oder Kampfmaßnehmen wie etwa Streiks im Raum stehen. Ihre Rolle ist aber vielseitiger. Sie verbessern Arbeitsbedingungen und stärken die Situation von Beschäftigten dort, wo sich einzelne Menschen nicht durchsetzen können. Über die Jahrzehnhaben Gewerkschaften viel erreicht. Das Urlaubs- und Weihnachtsgeld? Das gibt es in Österreich nur, weil Gewerkschaften es erkämpft haben und jedes Jahr verteidigen.

Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist in Österreich freiwillig. Niemand wird automatisch erfasst. Ein Arbeitgeber wird nicht informiert, dass man einer Gewerkschaft beigetreten ist. Gewerkschaften sind überparteilich und agieren unabhängig von den Wahlergebnissen auf Bundes-, Länder- oder Gemeindeebene .

Ihr zentraler Zweck ist es, die Position von Beschäftigten gegenüber Arbeitgebern zu stärken. Gewerkschaften vertreten keine Einzelinteressen, sondern ganze Berufsgruppen oder Branchen. Genau darin liegt ihre Wirkung. Durch Kollektivverträge schaffen sie verbindliche Mindeststandards, die für viele gelten. Das stärkt die Position der Arbeitnehmer:innen gegenüber den Arbeitgebern.

Gewerkschaften und Kollektivverträge: Warum sie hier entscheidend sind

Besonders im Frühjahr und Herbst sind Gewerkschaften oft in den Medien. Denn das ist die Zeit, in der besonders viele und wichtige Kollektivverträge verhandelt werden. Diese Vereinbarungen regeln zentrale Fragen des Arbeitslebens.

  • Mindestlöhne und -gehälter
  • Arbeitszeit und Überstundenregelungen
  • Zuschläge für Nacht-, Sonn- oder Feiertagsarbeit
  • Urlaubsanspruch
  • Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld

Rund 98 Prozent der Arbeitnehmer:innen in Österreich sind durch einen Kollektivvertrag abgesichert. International ist das ein Spitzenwert, der das Ergebnis regelmäßiger Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ist. Kommt es bei Kollektivvertragsverhandlungen zu keinem Ergebnis im Sinne der Arbeitnehmer:innen, können Gewerkschaften als letztes Mittel zu Streiks aufrufen. Diese sind in Österreich relativ selten, aber rechtlich erlaubt und ein wesentliches Druckmittel, um Verhandlungen voranzubringen.

Vorteile einer Gewerkschaftsmitgliedschaft: Was Gewerkschaften konkret bieten

Neben der Verhandlung der Kollektivverträge unterstützen Gewerkschaften ihre Mitgliedern im Arbeitsalltag:

  • Rechtsberatung und Rechtsschutz bei Kündigungen, offenen Gehaltsforderungen, falscher Einstufung im Kollektivvertrag, unbezahlten Überstunden oder Mobbing
  • Beratung bei Karenz, Teilzeit, Pflegefreistellung oder Elternrechten
  • Unterstützung für Betriebsräte, etwa bei Konflikten im Unternehmen oder bei der Verhandlung von Sozialplänen
  • Finanzielle Unterstützung bei Kündigung, sofern diese unverschuldet erfolgt und eine gewisse Mitgliedsdauer erreicht ist.
  • Streikunterstützung, wenn Mitglieder durch Arbeitskampf Einkommensverluste haben.

Was kostet eine Gewerkschaftsmitgliedschaft?

Die Höhe des Mitgliedsbeitrags richtet sich nach dem Einkommen:

  • In der Regel beträgt der Beitrag rund 1 Prozent des Bruttogehalts
  • Bei einem Einkommen von 2.500 Euro brutto liegen die Kosten meist zwischen 20 und 30 Euro im Monat
  • Lehrlinge, Studierende oder Personen mit sehr niedrigem Einkommen zahlen deutlich weniger oder sind beitragsfrei
  • Der Mitgliedsbeitrag ist steuerlich absetzbar.

Mitglieder schließen sich einer Fachgewerkschaft an, die unter dem Dach des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) organisiert ist. In Österreich gibt es sieben Fachgewerkschaften:

  • GPA – Privatangestellte, Druck, Journalismus, Papier
  • vida – Soziales, Pflege, Verkehr, Tourismus
  • GÖD – Öffentlicher Dienst
  • PRO-GE – Industrie, Produktion
  • younion – Gemeindebedienstete, Kunst, Sport
  • GBH – Gewerkschaft Bau-Holz
  • GPF – Gewerkschaft der Post- und Fernmeldebediensteten

2024 waren die drei größten Gewerkschaften die GPA, die GÖD und die PRO-GE.

Wir haben die Arbeiterkammer – was ist der Unterschied zu einer Gewerkschaft?

Die Arbeiterkammer und die Gewerkschaften vertreten Arbeitnehmer:innen, übernehmen jedoch unterschiedliche Aufgaben.

  • Die Arbeiterkammer: Die Mitgliedschaft in der Arbeiterkammer ist gesetzlich verpflichtend. Sie berät in arbeitsrechtlichen Fragen und wirkt an Gesetzen mit, etwa durch Stellungnahmen oder eigene Vorschläge.
  • Gewerkschaften: Die Mitgliedschaft in Gewerkschaften ist freiwillig. Neben der Beratung ihrer Mitglieder sind Gewerkschaften für den Abschluss von Kollektivverträgen zuständig.

Warum Gewerkschaften entscheidend bleiben

Gewerkschaften sorgen dafür, dass Arbeitsbedingungen nicht ausschließlich vom Markt oder von individueller Verhandlungsmacht abhängen. Sie schaffen kollektive Regeln. In Zeiten von Teuerung, unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und wachsendem Leistungsdruck bleibt ihre Rolle zentral.

Oft wird gefragt, warum eine Mitgliedschaft sinnvoll ist, wenn Kollektivverträge für alle gelten. Tatsächlich gelten viele der erkämpften Verbesserungen für alle Beschäftigten einer Branche. Ohne Mitglieder fehlt in dieser allerdings Verhandlungsmacht. Gewerkschaften funktionieren nur, wenn ausreichend viele Menschen sie tragen.

Internationale Vergleiche zeigen zudem: Länder mit starken Gewerkschaften weisen oft stabilere Löhne, geringere Einkommensunterschiede und bessere Arbeitsbedingungen auf.

Häufige Fragen zu Gewerkschaften in Österreich

Ist eine Gewerkschaftsmitgliedschaft verpflichtend?

Nein, die Mitgliedschaft in Gewerkschaften ist in Österreich freiwillig.

Gilt der Kollektivvertrag auch für Nichtmitglieder?

Ja, Kollektivverträge gelten für alle Beschäftigten einer Branche. Eine hohe Mitgliederzahl stärkt jedoch die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften und kann so die Abschlüsse verbessern.

Wie hoch sind die Kosten für die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft?

Die Mitgliedschaft kostet maximal 1 Prozent des Bruttoeinkommens oder des Bruttolehrlingseinkommens. Der maximale Beitrag beträgt 42,30€.

Welche Gewerkschaften gibt es in Österreich?

In Österreich gibt es sieben Fachgewerkschaften:

  • GPA – Privatangestellte, Druck, Journalismus, Papier
  • vida – Soziales, Pflege, Verkehr, Tourismus
  • GÖD – Öffentlicher Dienst
  • PRO-GE – Industrie, Produktion
  • younion – Gemeindebedienstete, Kunst, Sport
  • GBH – Gewerkschaft Bau-Holz
  • GPF – Gewerkschaft der Post- und Fernmeldebediensteten
Wie viele Gewerkschaftsmitglieder gibt es in Österreich?
Rund 1,2 Millionen Menschen sind in Österreich Teil einer Gewerkschaft. In Österreich sind das 32,1 Prozent der Arbeitnehmenden.

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Über den/die Autor:in

Sandra Gloning

Sandra Gloning ist freie Online- und Print-Journalistin in Wien mit einem breiten Themenfeld rund um Frauen, Lifestyle und Minderheiten und dem Ziel, Geschichten aus dem echten Leben zu erzählen.

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