Frauenpensionen: -42 Prozent

Illustration (C) Natalia Nowakowska bzw. Adobe Stock
Wir leben 2019 in Mitteleuropa, in einem der reichsten Länder der Welt. Und wir beschäftigen uns immer noch mit dem Thema, dass Frauen niedrigere Pensionen bekommen als Männer. Das ist beschämend, jenseitig und peinlich.
Am 29. Juli ist der „Equal Pension Day“. Das ist der Tag im Jahr, an dem männliche Pensionisten seit Jahresbeginn bereits so viel Pension ausbezahlt bekommen haben, wie Frauen über das ganze Jahr bekommen werden.

Im Schnitt bekommen Männer € 1.920 Pension, Frauen € 1.100 – das sind um mehr als 42 Prozent geringere Leistungen.

In Zahlen: Männer bekommen im Schnitt rund 1.920 Euro (brutto inkl. Zulagen und Zuschüsse, ohne Sonderzahlungen), Frauen knapp 1.100. Das sind mehr als 42 Prozent weniger Pension für Frauen.

Besonders groß ist der Unterschied bei Selbstständigen – hier betragen die neuzuerkannten Pensionsleistungen der Frauen nur die Hälfte von denen der Männer.

Zum Beispiel: Anna
… ist 72 Jahre alt. Sie ist seit mehreren Jahren in einer neuen Partnerschaft. Ihr Partner kann nicht zu ihr ziehen. Warum nicht? Sie bekommt eine niedrige Pension und Wohnbeihilfe. Würde ihr Partner sich bei ihr melden, wäre die Beihilfe weg. Dass Anna das nicht möchte, kann man nachvollziehen.

Weniger Einkommen

Der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern beträgt in Österreich immer noch 19,9 Prozent. Das trägt maßgeblich dazu bei, dass Frauen weniger Pension bekommen als Männer.

Sybille Pirklbauer (Abteilung Frauen, Arbeiterkammer Wien), erklärt in einem Beitrag auf dem A&W-Blog: „Der gesamte Gender Pay Gap beträgt 36,7 Prozent. Die unterschiedliche Arbeitszeit von Frauen und Männern (Teilzeit) erklärt davon 14,5 Prozentpunkte – also knapp die Hälfte dieses Unterschieds. Bereinigt man den Gender Pay Gap um weitere „objektive“ Faktoren wie unterschiedliche Branchen („Männerbranchen“ sind meist höher entlohnt) oder Berufe (technische Berufe sind in der Regel gut bezahlt), verbleibt noch immer ein Rest von 13,6 Prozent, der durch keinen sachlichen Faktor erklärt werden kann.“

Warum hat Anna so eine kleine Pension?
Anna hat im Gastgewerbe als Kellnerin gearbeitet – nicht gerade eine Hochlohnbranche, und die Aufstiegsmöglichkeiten sind auch begrenzt. Anna hat zwei Söhne und hatte dadurch Berufsunterbrechungen. Dieser Erwerbsverlauf hängt ihr ein Leben lang nach, bis zur Höhe ihrer Pension – und bis zur Entscheidung, ihren Partner nicht bei sich zu melden.

Geringeres Arbeitslosengeld

Für Frauen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, verschärft sich ihre Situation nochmals weiter: Niedrigere Einkommen bedeuten auch niedrigeres Arbeitslosengeld. Das Risiko, rasch an die Armutsgrenze zu kommen, ist sehr hoch. Rund 90 Prozent der Arbeitslosenbezieherinnen in Österreich beziehen Arbeitslosengeld unter der Armutsgefährdungsschwelle – also unter 1.238 Euro (2017).

Bei 60 Prozent liegt das Arbeitslosengeld sogar unter dem Richtsatz der Mindestsicherung (863 Euro 2018). Ein wichtiger Schritt war hier die Streichung der Anrechnung des Partnereinkommens bei der Notstandshilfe.

Unbezahlte Arbeit

Immer noch sind es hauptsächlich Frauen, die sich um Betreuungsarbeit innerhalb der Familie kümmern. Das trifft alle Frauen – auch kinderlose – die Angehörige pflegen und so Arbeitszeit reduzieren oder zeitweise ganz aussteigen. Zieht man die gesamte Arbeitszeit von Frauen heran, bezahlte wie unbezahlte, dann arbeiten Frauen trotz hoher Teilzeitquote mehr als Männer – pro Tag um 150 Minuten. Das geht aus einer aktuellen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hervor.

Höhere Altersarmut

Niedrige Einkommen, Berufsunterbrechungen, geringe Aufstiegschancen, Teilzeitarbeit, unbezahlte Arbeit – das alles sind Faktoren, die zu niedrigen Frauenpensionen und vielfach zu Altersarmut führen.

Alleinlebende Frauen
Armutsrisiko
26 %

Alleinlebende Männer
Armutsrisiko
15 %

Trennungen verschärfen die Situation: Alleinlebende Pensionistinnen haben ein höheres Armutsrisiko (26 Prozent) als alleinlebende männliche Pensionisten (15 Prozent). Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Altersarmut ist weiblich.

Anna kommt mit ihrer Pension zurecht.
Sie fühlt sich auch nicht „arm“. Dinge wie jährliche Urlaube sind allerdings unerreichbarer Luxus – es bleibt beim Besuch des Strandes im Wiener Gänsehäufel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Hat das Elend ein Ende?

Maßnahmen beginnen bei der Berufswahl:
Die Österreichische Gewerkschaftsjugend verlangt intensive Berufsorientierung in den Pflichtschulen. Denn immer noch entscheidet sich fast die Hälfte der Mädchen für eine Lehre als Bürokauffrau, Friseurin oder Einzelhandelskauffrau. Bei der Berufsorientierung muss es auch darum gehen, wie die Jobchancen, die Einkommen und die Aufstiegsmöglichkeiten sind.

Die Lage ist also bekannt, unerfreulich, inakzeptabel – und absolut nicht unveränderbar. Es gibt Verbesserungen, darunter der Entfall der Anrechnung des Partnereinkommens bei der Notstandshilfe, oder die kürzlich beschlossene volle Anrechnung der Karenzzeiten auf alle Ansprüche. Aber auch Frauen, die nicht in Partnerschaften leben oder keine Kinder haben, sind im Nachteil. Die Gewerkschaften erreichen bei ihren Kollektivvertragsverhandlungen immer wieder die stärkere Anhebung niedriger Einkommen, das kommt vielfach den Frauen zugute. Aber es braucht vor allem von der Politik mehr, schnellere, engagiertere Maßnahmen.

Erwerbsunterbrechungen sind ein wesentlicher Karriere- und Einkommensknick für Frauen. Der Ausbau von ganztägigen Kinderbetreuungseinrichtungen mit Öffnungszeiten für ganztägig berufstätige Eltern – ohne Schließzeiten im Sommer – muss daher massiv vorangetrieben werden. In Vorarlberg, Tirol und in der Steiermark ist jeder zweite Kindergarten maximal bis 15 Uhr geöffnet – im Jahr 2019!

Just do it!

Es ist ja nicht so, dass man noch nicht wüsste, was es bräuchte. Man muss nichts mehr analysieren, evaluieren, in Enqueten oder Arbeitsgruppen erörtern. Man muss es nur tun, darunter: umfassende Berufsorientierung, ausreichende Kinderbetreuungseinrichtungen, Ausbau der Angebote im Bereich der Pflege, Anhebung des Arbeitslosengeldes, leistbares Wohnen, gut ausgebaute und günstige öffentliche Verkehrsmittel, Arbeitszeitverkürzung, Wiedereinführung der „Aktion 20.000“, mehr Qualifizierungsmaßnahmen für arbeitslos gewordene Frauen.

Eine persönliche Anmerkung: Ich habe zwei Töchter, die am Beginn ihres Berufslebens stehen. Ich möchte nicht, dass sie sich über ein, zwei Verbesserungen jedes Jahr freuen. Ich möchte für sie ein schönes Leben und eine sorgenfreie Pension. Damit sie sich auch im Alter noch neben ihrer Miete und ihren Fixkosten einen Sommerurlaub in Spanien und Schiurlaub in Österreich und, wenn nötig, eine neue Waschmaschine leisten können.

Über den/die AutorIn

Nani Kauer

Nani Kauer

Nani Kauer, in Brüssel aufgewachsene Wienerin, hat integrierte Kommunikation studiert und ist seit 1996 in der Kommunikationswelt tätig, unter anderem in der Metallergewerkschaft, im ÖGB und in der Stadt Wien - Wiener Krankenanstaltenverbund.