Fachkräftemangel – Mythos und Realität

Illustration (C) Natalia Nowakowska
Für die Wirtschaft ist der Fachkräftemangel ein essenzielles Thema, dem die Regierung entgegenzusteuern versucht. Doch wie sieht die Situation wirklich aus? Wir durchleuchten die Hintergründe und Faktoren, die es in der politischen Diskussion zu berücksichtigen gilt.
Seit Jahren ist der Fachkräftemangel immer wieder Thema. Momentan häufen sich die Schlagzeilen – überall wird man förmlich überschwemmt mit Aussagen über die gravierende Arbeitsmarktsituation, die durch den Mangel an Fachkräften entsteht:

„Der Fachkräftemangel wird zur massiven Wirtschaftsbelastung“
(Trend)

„Der Fachkräftemangel wird auch in der Industrie immer mehr zur Bremse“
(derStandard.at)

„Es gibt innerhalb Österreichs keine Branche und keinen Ort mehr, der vom Fachkräftemangel verschont bleibt“
(Ernst & Young)

„Fachkräftemangel bremst heimisches Wachstum“
(ORF.at)

Doch was steckt dahinter und wie ist es dazu gekommen?

Fachkräftemangel – was die Wirtschaft dazu sagt

Das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) hat im September 2018 im Rahmen einer Studie 4500 Unternehmen zum Thema Fachkräftemangel befragt. Daraus geht hervor, dass in österreichischen Firmen 162.000 Fachkräfte fehlen. Zudem gaben 82 Prozent der Firmen an, dass sie davon ausgehen, dass sich der Fachkräftemangel in den nächsten drei Jahren verstärken wird, und 60 Prozent gaben an, dass sie deshalb bereits Umsatzeinbußen spüren.

Und dass die Regierung im Sinne der Wirtschaft darauf reagiert, das haben die Beschäftigten des Landes in den letzten Monaten gespürt: durch die Einführung des 12-Stunden-Tags, der Unternehmen ermöglicht, ihre Mitarbeiter noch flexibler einzusetzen und dadurch auch zusätzliche Aufträge anzunehmen, selbst wenn nicht genügend Personal dafür vorhanden ist. Und wir sehen es an den Kürzungen bei Arbeitslosen durch die geplante Abschaffung der Notstandshilfe und der Kürzung der Mindestsicherung – allesamt Maßnahmen, die den Druck auf Arbeitslose erhöhen. Dietmar Meister fasst diese Situation in seinem Artikel „Der Rückbau des Sozialstaats hat begonnen“ vom 28. November 2018 treffend zusammen: „Aus Angst, arbeitslos und daraufhin vielleicht schon bald enteignet zu werden, besteht die Gefahr, dass viele ArbeitnehmerInnen schlechtere Lohn- und Arbeitsbedingungen oder auch Verstöße gegen das Arbeitsrecht in Kauf nehmen.“

Hintergründe – es lohnt sich, genauer hinzusehen

Der Fachkräftemangel wird gerne als ideologischer Kampfbegriff verwendet.
Der Fachkräftemangel wird gerne als ideologischer Begriff bzw. „Kampfbegriff verwendet, um die Interessen der Unternehmen zu pushen und durchzusetzen“, so Dennis Tamesberger, Referent für Arbeitsmarktpolitik in der Abteilung Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik der Arbeiterkammer Oberösterreich. In bestimmten Branchen, ja, da gibt es tatsächlich einen Mangel. Aber die wichtige Frage, die kaum gestellt wird, ist: Wieso ist das so?

Mangelnde Investition in Lehre und betriebliche Ausbildung

Es gibt viel zu wenig Lehrlinge, heißt es oft. Das Problem ist jedoch nicht ein Mangel an Lehrstellensuchenden, sondern an angebotenen Lehrstellen. In Zahlen bedeutet das: Im Hochkonjunkturjahr 2018 gab es in Österreich um 726 mehr (sofort verfügbare) Lehrstellensuchende als Lehrstellen.

Rückgang der Lehrstellen
2008-2017

-20 %

Rückgang der Lehrbetriebe
2008-2017

-27 %

Nicht nur die Zahl der Lehrstellen hat sich von 2008 bis 2017 stark reduziert, und zwar um rund 27 %, auch die Zahl der Lehrbetriebe ist gesunken – um rund 20 %. Eine Tendenz zeichnet sich hier ganz stark ab: Immer mehr Betriebe vernachlässigen die Ausbildung der eigenen Fachkräfte bzw. wälzen sie auf die Politik ab. „Sich jetzt über den Mangel an Fachkräften zu beschweren ist, wie nicht einkaufen zu gehen und dann über einen leeren Kühlschrank zu staunen. Wer nicht ausbildet, hat keine Fachkräfte“, so Stefan Bartl, Bundesjugendsekretär der österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ).

Sich jetzt über den Mangel an Fachkräften zu beschweren ist, wie nicht einkaufen zu gehen und dann über einen leeren Kühlschrank zu staunen. Wer nicht ausbildet, hat keine Fachkräfte.

Stefan Bartl, Bundessekretär der österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ)

Ausbildungs- und Qualifizierungsprogramme für Arbeitslose

Den 162.000 fehlenden Fachkräften stehen rund 173.000 arbeitslose Fachkräfte gegenüber – man müsste also lediglich in entsprechende Um- und Weiterbildungen sowie in individualisierte Vermittlungsprozesse investieren. Stattdessen wird das AMS-Budget von der Bundesregierung kontinuierlich weiter gekürzt, weniger Kurse werden angeboten und 1.000 BeraterInnen und TrainerInnen abgebaut. „Das erschwert natürlich die Vermittlung von Arbeitslosen sowie deren nachhaltige Integration am Arbeitsmarkt“, so Tamesberger.

Schlechte Arbeitsbedingungen

Sieht man sich die Branchen an, die am stärksten mit mangelnden Fachkräften zu kämpfen haben, so stellt man recht rasch fest: Es sind genau diejenigen, die für ihre schlechten Arbeitsbedingungen bekannt sind. Tamesberger meint dazu: „Mit höheren Löhnen wäre ein Mangel rasch behoben, da die Attraktivität der Arbeitsplätze dadurch steigen würde.“

Schlechte Kinderbetreuungssituation

Österreichweit liegt die Vollzeitquote bei Frauen bei 50 Prozent.  Im Umkehrschluss bedeutet das: 50 Prozent der erwerbsfähigen Frauen arbeiten nur Teilzeit. Zum Teil liegt das auch am mangelnden Angebot an Kinderbetreuung. Hier besteht enormes Potenzial an Fachkräften, das noch nicht genutzt wird. Und anstatt dies zu fördern und in Kinderbetreuungseinrichtungen zu investieren, um das Angebot auszubauen, wird auch hier seitens der Regierung ein Schritt in die falsche Richtung gesetzt. „So wurde in Oberösterreich eine Kinderbetreuungsgebühr für Nachmittage eingeführt, die es genau denen, die eigentlich mehr arbeiten möchten, schwieriger macht“, bekrittelt Dennis Tamesberger.

Fachkräftemangel ja oder nein?

Ökonomisch betrachtet, werfen die Arbeitsmarktfakten Zweifel auf, ob es in Österreich tatsächlich einen Fachkräftemangel gibt. Hätten wir diesen, müssten die Löhne sehr viel stärker steigen. Aufgrund der Marktgesetze von Angebot und Nachfrage müsste im Falle eines tatsächlichen Fachkräftemangels die Entlohnung der gefragten Fachkräfte steigen. Das ist jedoch nicht der Fall.

Dass wir jetzt eine Diskussion über den Fachkräftemangel führen, ist bezeichnend für die falsche Prioritätensetzung.

Dennis Tamesberger, Abteilung Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik der AK Oberösterreich

Eigentlich ist die Arbeitsmarktsituation bei genauer Betrachtung genau umgekehrt: Es herrscht eher eine Knappheit an Arbeitsplätzen, wie die Arbeitslosenstatistik zeigt. Auch wenn sie gerade rückläufig ist, momentan gibt es an die 380.000 Arbeitssuchende (darunter fallen die als arbeitslos Gemeldeten sowie jene, die sich in Schulung befinden) – aber darüber wird kaum gesprochen: „Dass wir jetzt eine Diskussion über den Fachkräftemangel führen, ist bezeichnend für die falsche Prioritätensetzung“, so Dennis Tamesberger. Vielmehr sollte man ihm zufolge das Ziel der Vollbeschäftigung in die politische Diskussion rücken.

Weiterführender Artikel auf dem A&W-Blog

Regierungsprogramm: im kurzfristigen Interesse der Betriebe und nicht der Jugendlichen

Über den/die AutorIn

Beatrix Mittermann

Beatrix Mittermann

Beatrix Mittermann hat internationale Betriebswirtschaft an der WU Wien, in Thailand, Montenegro und Frankreich studiert. Sie ist Autorin, Schreibcoach, Redakteurin des ÖGB Verlags sowie freie Redakteurin für diverse Magazine und Blogs.