Mercosur: Abkommen auf dem Rücken der Lohnabhängigen

Menschen demonstrieren mit Schildern vor dem EU-Gebäude. Symbolbild: In Straßburg wird gegen das Mercosur-Abkommen demonstriert. Was dieses für Lohnabhängige in Österreich bedeutet. | © APA Images/Reuters/Yves Herman
In Straßburg wird gegen das Mercosur-Abkommen demonstriert. Was dieses für Lohnabhängige in Österreich bedeutet. | © APA Images/Reuters/Yves Herman
Das Mercosur-Abkommen zwischen der EU und Lateinamerika verspricht Wohlstand durch Handel. Doch der soziale und ökologische Preis dafür ist aus gewerkschaftlicher Sicht hoch – auch für Lohnabhängige in Österreich.
Über 25 Jahre wurde verhandelt, seit Mitte Jänner ist das 800 Seiten starke Mercosur-Abkommen beschlossene Sache. Vom Abbau von Zöllen und Maßnahmen zur Deregulierung sollen die europäische und die südamerikanische Wirtschaft profitieren. Doch den Preis des sogenannten Freihandels zahlen laut Expert:innen andere: die Umwelt sowie Lohnabhängige auf beiden Seiten des Atlantiks.

Mercosur steht für Mercado Común del Sur (Gemeinsamer Markt des Südens) und umfasst die Länder Brasilien, Bolivien, Paraguay, Uruguay und Argentinien. Also gut 70 Prozent der Fläche Südamerikas, in dem rund drei Viertel des südamerikanischen BIPs erwirtschaftet werden. Durch das Abkommen sollen die Mercosur-Staaten mehr landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe nach Europa exportieren und die EU-Staaten wiederum mehr Industriegüter und Chemieprodukte nach Südamerika. Die EU erhofft sich einen Anstieg der Exporte in die Mercosur-Staaten um bis zu 39 Prozent.

Österreichs Veto zahnlos

Im österreichischen Nationalrat wurde 2019 gegen Mercosur gestimmt – dieser Beschluss ist bis heute gültig. Doch in der Zwischenzeit wurde das Abkommen in einen politischen (Assoziierungsabkommen) und einen wirtschaftlichen Teil (Handelsabkommen) geteilt. Damit reichen auf EU-Ebene die qualifizierte Mehrheit im EU-Rat und die Mehrheit im EU-Parlament, damit das Handelsabkommen in Kraft treten kann – Österreichs Nein ändert daran nichts. Unter EU-Rechtsexpert:innen ist ein solches sogenanntes „Splitting“ umstritten, der Europäische Gerichtshof will das Abkommen prüfen. Informationen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge soll es dennoch – vorläufig – in Kraft treten.

Auch über die wirtschaftlichen Folgen des Abkommens herrscht Uneinigkeit: Während Industrie und Liberale von einem Wachstumsmotor sprechen, prognostiziert die EU selbst lediglich ein Wachstum von 0,05 Prozent bis 2040. Laut einer Studie der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) aus 2025 könnte das Abkommen EU-weit sogar 120.000 Jobs kosten, besonders die Landwirtschaft und der Lebensmittelbereich wären betroffen. Für Österreich stünden bis zu 1.200 Arbeitsplätze auf dem Spiel. „Ich würde Mercosur nicht als Konjunkturpaket bezeichnen wollen“, gibt Angela Pfister, Ökonomin in der volkswirtschaftlichen Abteilung des ÖGB, zu bedenken.

Verbindliche Regeln fehlen

Vor dem Hintergrund geopolitischer Herausforderungen sei es angebracht, an internationalen Beziehungen und am Ausbau des Handels zu arbeiten – „aber nicht um jeden Preis“, so Pfister. Um Arbeitnehmer:innen zu schützen, brauche ein Handelsabkommen verbindliche Regeln – diese aber sieht das Mercosur-Abkommen nicht vor. Arbeitsrechtsklauseln oder Sanktionen bei Verstößen spielen darin keine Rolle. „Die Rechte der Arbeitnehmer:innen können verletzt werden – ohne Konsequenzen“, kritisiert Pfister.

Die arbeitsrechtliche Situation in vielen Mercosur-Staaten ist hinlänglich bekannt: Dumpinglöhne, Kinderarbeit, fehlende soziale Sicherheit, gewerkschaftsfeindliche Politik oder Regierungen. Indirekt wirken sich fehlende arbeitsrechtliche Standards im Globalen Süden negativ auf die Arbeitsbedingungen hierzulande aus. Denn dadurch steigt die Attraktivität für heimische Unternehmen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern – und dadurch sinkt die Verhandlungsmacht heimischer Arbeitnehmer:innen. „Das drückt natürlich auch bei uns“, so Pfister.

Sozial und ökologisch fatal

Der Mercosur-Vertrag bediene vor allem die Interessen der Automobilindustrie, der chemischen Industrie und der Agroindustrie, kritisiert Karin Fischer, Leiterin des Arbeitsbereichs Globale Soziologie und Entwicklungsforschung am Institut für Soziologie der JKU Linz. Die in Europa kriselnde Automobilwirtschaft erhoffe sich neue Absatzmärkte und Zugriff auf kritische Rohstoffe in Lateinamerika. Chemiekonzerne könnten dank des Abkommens Pestizide nach Südamerika exportieren, die innerhalb der EU verboten sind. Die südamerikanische Agroindustrie, die stark auf den Anbau von Monokulturen setzt, verspreche sich mehr Exporte nach Europa, so Fischer.

Bauern und Klimaaktivisten demonstrieren immer wieder gegen das EU-Mercosur-Abkommen.

Sie warnen vor niedrigeren Standards bei Pestiziden und einer Flut billiger Agrarprodukte aus Südamerika.

Auch in den Kommentarspalten gibt es viel Kritik ⬇️

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— eurotopics Presseschau (@eurotopicsde.bsky.social) 25. November 2025 um 12:03

Sozial und ökologisch sei der Mercosur-Deal ein fatales Zeichen. Dass die EU das Abkommen gerade jetzt verabschiedet, sei „Ausdruck der gegenwärtigen Weltlage, Ausdruck einer verzweifelten Hoffnung auf Wirtschaftswachstum in einer Zeit multipler Krisen und Unsicherheit“. Die verheerenden sozialen und ökologischen Auswirkungen des Abkommens – von Landraub bis zur Bodenkontaminierung – würden wissentlich ignoriert. „Dieses Abkommen folgt den Interessen von Wirtschaftsverbänden und Konzernen – aber die klimapolitischen Folgen werden uns alle treffen“, so Fischer.

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Über den/die Autor:in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.

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