Reportage: Das Beste beider Welten

Inhalt

  1. Seite 1 - Neue Wege der Zusammenarbeit
  2. Seite 2 - Keine soziale Sicherheit
  3. Seite 3 - Nach innen selbstständig
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Bei Beschäftigungsgenossenschaften greifen die Vorteile von selbstständiger Arbeit und sozialer Sicherheit des Dienstverhältnisses ineinander. Bringt diese österreichische Pionier-Idee EPUs das gute Leben?

Keine soziale Sicherheit

Die soziale Sicherheit eines „regulären“ Dienstverhältnisses erreicht kein EPU. Mindestens 27 Prozent der Einnahmen bezahlt man für die SVA – ähnlich viel wie ArbeitnehmerInnen, nur mit weniger Schutz. So muss man beim Arztbesuch 20 Prozent Selbstbehalt bezahlen und erhält Krankengeld erst ab dem 43. Tag. „Für EPUs gibt es keine soziale Sicherheit. Wir werden wie Unternehmen behandelt, haben aber eine völlig andere Lebenssituation“, so Sigrun Saunderson von den „Amici delle SVA“ , einer Interessenorganisation für EPUs. Sie fordern die Mindestbeitragsgrundlage zu senken und den Selbstbehalt für Einkommen unter 14.000 Euro abzuschaffen.

Ob für Saunderson persönlich die Beschäftigungsgenossenschaft als Option interessant sei? Lachend lehnt sie ab: „Dafür ist mein Drang zur Unabhängigkeit viel zu groß.“ Und bestätigt damit ein Hauptmotiv für die Selbstständigkeit. Ein EPU-Factsheet der WKO zählt Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und flexible Zeiteinteilung zu den Top-Gründermotiven. Der Preis dafür ist allerdings oftmals Vereinzelung, denn einen Platz in einer Bürogemeinschaft kann man sich nicht ohne Weiteres leisten. Lekton-Grafikerin Damm erinnert sich an ähnliche Erfahrungen: „Als EPU beginnt man, um frei, nach eigenen Vorstellungen und selbstbestimmt zu arbeiten, aber nicht um allein zu arbeiten.“ Wer mit den GenossInnen spricht, merkt: Das ist eine Wahl-, keine Notgemeinschaft. „Wir haben uns aus einem Bedürfnis nach mehr Arbeitsqualität zusammengefunden“, sagen die GründerInnen. Eine neue Qualität des Arbeitens zu erproben, jenseits des heroischen Einzelkämpfertums und klassischer Firmenhierarchien. Dabei geht es um Selbstbestimmung, Teilhabe, Gleichwertigkeit und einen ausgeprägten Sinn für die Bedeutung, eine Balance zwischen den Lebensbereichen zu finden. Gemeinsam zahlen sie sich als freie DienstnehmerInnen ein Gehalt aus. Lekton strebt vollversicherte Dienstverhältnisse an.

Es ist eine ausgesprochen spannende Überlegung, ob die 200 Jahre alte Genossenschaftsidee für die EPUs eine gute Variante wäre, dem Kreislauf des Prekariats zu entkommen. Im Kern verbinden sie so die Vorteile der Eigenständigkeit mit denen eines starken Netzwerks. Besonders trifft dies auf Beschäftigungsgenossenschaften zu: unternehmerische Freiheit und sozialer Schutz. Tun sich EPUs in einer Genossenschaft zusammen, teilen sie die Betriebskosten für Büro, Infrastruktur, arbeiten bei Aufträgen zusammen und stellen sich dafür selbst an. Sie geben einen Teil ihrer Eigenständigkeit zugunsten gemeinsamer Unternehmenssteuerung und sozialer Sicherheit auf. Juristisch gesehen ist man als GenossenschafterIn ein Hybrid aus MiteigentümerIn und MitarbeiterIn.

Innovative Wege für eine bessere Zusammenarbeit finden ist der Anspruch von Lekton. Die bessere Work-Life-Balance ein Ziel.

Das Offene Technologielabor in Oberösterreich war die erste österreichische Beschäftigungsgenossenschaft. Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 ist die Genossenschaft auf 15 Mitglieder und zusätzlich vier Angestellte angewachsen. Gearbeitet wird in der wissenschaftlichen Beratung, Regionalentwicklung, Entwicklung von Bauprojekten und Mediengestaltung für Kunden wie FemTech, Ars Electronica Center oder KET (Kinder erleben Technik). „Wirtschaftlich hat es sich voll bewährt, es haben sich Gewerke gebildet, die kooperieren“, sagt Gründungsmitglied Martin Hollinetz. Sein Motiv zur Genossenschaftsgründung kam aus der Erfahrung in vielen Gesprächen mit EPUs: „In Unternehmen gibt es den ArbeitnehmerInnenschutz und irgendeine Art der Personalentwicklung, die sich um MitarbeiterInnen kümmert. Aber bei Einzelunternehmen gibt es niemanden, der sich um die Balance zwischen Arbeit und Leben kümmert.“

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Zehn Mal im Jahr erscheint die Zeitschrift Arbeit&Wirtschaft als Schwerpunktheft. Die Beiträge unserer Autorinnen und Autoren übernehmen wir in unser Online-Magazin.