Coverstory: Vorwärts und nicht vergessen

Inhalt

  1. Seite 1 - Spuren der ArbeiterInnenbewegung lassen sich in Favoriten weiterhin finden
  2. Seite 2 - Erfolge der ArbeitnehmerInnenbewegung: faire Löhne, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten
  3. Seite 3 - Auf dem Weg zu fairer Arbeit sind noch viele Herausforderungen zu bewältigen
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In Favoriten nahm die österreichische ArbeiterInnenbewegung ihren Ausgang. Ihre Spuren findet man bis heute. Sie legen davon Zeugnis ab, wie viel Menschen erreichen können, wenn sie sich zusammenschließen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Ein Spaziergang durch Geschichte und Gegenwart.

Widersprüche

Freilich ist das Bild nicht ohne Widersprüche, denn nur allzu gerne betonen VertreterInnen der aktuellen Regierungsparteien oder auch der Wirtschaft, wie wichtig ihnen das Bild der autonomen ArbeitnehmerInnen sei. Wie wichtig es sei, dass sie selbst entscheiden können, weshalb man sie auch von der Bevormundung von FunktionärInnen befreien müsse.

Für eine Institution, die sich bis heute versteckt am Wienerberg gehalten hat, waren Vorurteile wie diese ein Segen: der Böhmische Prater, in dem sich einst die ZiegelarbeiterInnen in ihrer spärlichen Freizeit vergnügten. Seiner Lage vor den Toren von Wien verdankt er seinen Aufschwung: Im Jahr 1886 wurde in Wien ein Verbot öffentlicher Tanzveranstaltungen erlassen. Begründet wurde dies mit Ausschreitungen und Ausschweifungen bei sogenannten „Fünf-Kreuzer-Tanzunterhaltungen“.

In seinem Buch zitiert Slapansky aus dem damaligen Polizeierlass: „Nachdem sich nicht verkennen lässt, daß abgesehen von Ausschreitungen durch die häufige Abhaltung von Tanzunterhaltungen die unteren Classen der Arbeiter und Dienstleute von ihrer Beschäftigung abgezogen werden und dem Müßiggange und der Lüderlichkeit Vorschub geleistet wird, tritt die Pflicht an die Behörde heran, diesen Uebelständen wirksam abzuhelfen.“ Ein Schelm, wer anmerkt, dass „Ausschweifungen“ offenbar nur bei Angehörigen der früher als „unten“ bezeichneten Gesellschaftsschichten vor­­gekommen sind.

Der Böhmische Prater jedenfalls erlebte nach dem Verbot einen ungeahnten Aufschwung, befand er sich doch damals noch knapp vor den Toren Wiens. Freilich wurde hier nicht nur Vergnügungen nachgegangen, sondern auch eigene Erfolge gefeiert. Denn die Anstrengungen der ZiegelarbeiterInnen, die letztlich bis zum Streik führten, bevor die Arbeitgeber Zugeständnisse gemacht haben, lohnten sich.

Slapansky zitiert aus einem Bericht der Arbeiterzeitung von einer Maifeier: „Am Laaerberg (…) ging´s Nachmittags lustig zu. Feierten doch die Ziegelarbeiter nicht nur das Weltfest des Proletariats, sondern auch den Sieg, den sie ohne Streik, nur durch die Macht ihrer Organisation erreicht haben“. Und weiter: „Grund genug also für die Ziegelarbeiter, sich ihres Sieges zu freuen. Bedeutet doch für sie dieser Sieg nicht nur eine Besserung ihrer Lebenshaltung, eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit und eine Erhöhung ihres Lohnes, sondern auch eine Anerkennung ihrer Organisation durch die Unternehmer.“

Foto (C) Christian Fischer
„Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht. Beim Hungern und beim Essen: Die Solidarität“, dichtete Berthold Brecht in seinem berühmten Solidaritätslied. In der Tat haben die ArbeiterInnen viel erreicht, seitdem sie im 19. Jahrhundert begonnen haben, sich zu organisieren.

Grundstein für Fortschritte

In der Tat hatten die ArbeiterInnen einiges erreicht: Eine Lohnerhöhung, die Einhaltung des Elfstundentages sowie die Sonntagsruhe wurden ihnen garantiert. Auch war somit der Grundstein für die gewerkschaftliche Organisation gelegt, und zwar nicht nur für jene der ZiegelarbeiterInnen. Denn es hatte sich in der Tat gezeigt, wie sehr es sich lohnen kann, sich zusammenzuschließen, um für die eigenen Rechte einzutreten.

Wie viel die ArbeiterInnenbewegung erreicht hat: Dieses Bewusstsein fehlt heute allzu oft, wie auch Michaela Maier bemerkt. Dabei nimmt sie auch die heutigen VertreterInnen historischer ArbeiterInnen in die Pflicht: „Das ist ein bisschen verloren gegangen, auch der Sozialdemokratie selbst, das muss man auch ehrlich sagen. Also diese Rückbesinnung oder das Stolzsein darauf, was man erkämpft hat.“

Es ist wohl eine Erklärung dafür, warum sich viele Menschen gar nicht bewusst sind, welche Errungenschaften dazu zählen, sind diese heute für viele geradezu selbstverständlich geworden. Es ist ein Umstand, den auch Michaela Maier bedauert. Denn gerade bei jungen Menschen trifft dies häufig zu: „Die haben ein Geschichtsbild, das davon ausgeht, dass alles Status quo ist, der irgendwann einfach in die Verfassung eingegangen ist.“ Sie nimmt allerdings eine positive Entwicklung wahr: Das Interesse an dieser Geschichte steigt bei den jungen Menschen.

In die Geschichte blicken, um Erkenntnisse für die Gegenwart zu finden: Das ist sicherlich eine komplexe Angelegenheit. Wenn man aber heute durch die Triesterstraße fährt und den heutigen Arbeiterstrich bewusst vor den historischen Hintergründen wahrnimmt, so ist eines völlig klar: So unterschiedlich die Zeiten sind, auf dem Weg zu fairer Arbeit gilt es, noch viele Herausforderungen zu bewältigen und Hürden zu überwinden. Damit eines Tages der Anspruch für alle Menschen Realität wird, ein gutes Leben führen zu können.

Von
Sonja Fercher

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 9/18.

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Über den/die Autor*in

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.