Coverstory: Vorteile für Beschäftigte und den Standort

Für die meisten ArbeitnehmerInnen sind Kollektivverträge eine Selbstverständlichkeit. Das hat nicht nur mit ihrer langen Geschichte zu tun, sondern auch damit, dass es in Österreich eine 98-prozentige KV-Abdeckung gibt. Gesetzlich verankert wurden Kollektivverträge vor nunmehr 100 Jahren.

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Wenn man so will, sind die BuchdruckerInnen die Avantgarde des Kollektivvertrags. Sie nämlich waren die Ersten, die sich in Österreich im 19. Jahrhundert einen solchen erkämpft haben. Bereits während der Revolution von 1848 gab es für wenige Monate einen KV für die MitarbeiterInnen in Wiener Druckereien. Nach der Niederschlagung der Aufstände im Oktober desselben Jahres aber wurde er nicht erneuert. Es sollte ein halbes Jahrhundert dauern, bis sie den nächsten Etappensieg erringen konnten: Ab dem 1. Jänner 1896 galt für die Buchdrucke­rInnen der erste, für die gesamte österreichische Reichshälfte der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie gültige Kollektivvertrag. Mit Einzug der Demokratie im neuen Staat Österreich wurden Kollektivverträge dann im Gesetz verankert: Am 18. Dezember 1919 verabschiedete der Nationalrat das Gesetz „über die Errichtung von Einigungsämtern und über kollektive Arbeitsverträge“. Es trat am 13. Februar 1920 in Kraft.

Kein Stein auf dem anderen

Doch zurück zu den BuchdruckerInnen: Hat es Symbolcharakter, dass gerade die Druckereien 2016 beschlossen, ihre Kollektivvertragsfähigkeit zurückzulegen? „Nur insofern, als es etwas über den Strukturwandel der Branche aussagt“, meint Martin Müller, Leiter des Referats Rechts- und Kollektivvertragspolitik im ÖGB. Die Wirtschaft und damit auch die Arbeitswelt ändern sich, gerade in den vergangenen Jahrzehnten blieb durch die Globalisierung und das Zusammenwachsen der Märkte kein Stein auf dem anderen.

Kollektivverträge werden daher nicht für die Ewigkeit geschrieben, sagt Peter Schleinbach, Bundessekretär der Produktionsgewerkschaft PRO-GE für den Bereich Kollektivvertragspolitik und Branchenarbeit. Sie entwickeln sich stetig weiter und passen sich an die sich ändernden Rahmenbedingungen an. Beispiel Handels-KV: Dieser wurde 2017 neu gestaltet. „Dort haben wir innovative Arbeitszeitregelungen mit einem Rechtsanspruch auf die Vier-Tage-Woche geschaffen“, sagt Karl Dürtscher, Bundesgeschäftsführer der GPA-djp. Aber auch das Senioritätsprinzip wurde entschärft, die Lohntabelle verkürzt. Erfahrungswissen erodiert, auch das ist ein Zeichen der Zeit. Erfahrung könne heute oft durch Technologie wettgemacht werden. Das müsse sich in den Kollektivverträgen widerspiegeln.

Konsequente Arbeit

Der Gewerkschafter Hans Hubmann verhandelt seit vielen Jahren den Kollektivvertrag der Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) für die ArbeitnehmerInnenseite mit. Er hält es für wichtig, dass aktualisierte Tätigkeitsbeschreibungen dazu führen, dass mehr Beschäftigte von einem Kollektivvertrag erfasst werden. „Wir müssen die neuen Jobs auch in den Kollektivverträgen abbilden.“ Das gelinge inzwischen sehr gut.

Die konsequente Arbeit an der Ausgestaltung der kollektiven Arbeitsverträge sorgt auch dafür, dass die Abdeckung mit Kollektivverträgen in Österreich im internationalen Vergleich konstant hoch bleibt. 98 Prozent KV-Abdeckung meldet die OECD. Das untermauert auch die hohe Akzeptanz von Arbeitgeberseite.

Wie viele Stunden er arbeiten muss und wie viel Geld er dafür mindestens bezahlt bekommt, ist im Kollektivvertrag geregelt.

Anders als in anderen Ländern wissen viele Unternehmen in Österreich um die positiven Seiten von Kollektivverträgen nicht nur für ArbeitnehmerInnen, sondern auch für die Betriebe. „Sowohl Belegschaft als auch Dienstgeber profitieren davon, denn ein Kollektivvertrag schafft Klarheit im Hinblick auf die grundlegenden Beschäftigungsbedingungen und gibt Sicherheit für beide Seiten beim Eingehen von Arbeitsverhältnissen“, erklärt etwa Karl Lang, Personalmanager bei Siemens.

Er sieht aber auch einen Standortvorteil in der heutigen globalisierten Wirtschaft. „Transparente Sozialstandards bei den Beschäftigungsbedingungen werden dadurch für ausländische Investoren nachvollziehbar und geben die Möglichkeit, Arbeitskosten in der jeweiligen Branche zu kalkulieren und mit anderen Standorten zu vergleichen“, sagt Lang. „Diese Transparenz erfordert aber auch ein laufendes Orientieren an den Umfeldbedingungen des Marktes, um als Standort im internationalen Ländervergleich wettbewerbsfähig zu bleiben. Schlussendlich trägt dieses Vorgehen auch zum sozialen Frieden im Land bei, welcher für Investoren zweifellos ein wichtiges ‚Asset‘ bei der Entscheidung für einen Standort darstellt.“

Vertrauen und Verständnis sind wesentliche Faktoren für ein gutes Arbeitsverhältnis miteinander.

Johannes Zimmerl, Personalmanager REWE Group

Andere Betriebe stoßen ins selbe Horn. Alexandra Ballaun, Personalmanagerin bei Ankerbrot, unterstreicht vor allem die Rechtssicherheit, die durch Kollektivverträge geschaffen wird. Für sie profitiert die Arbeitgeberseite von kollektivvertraglichen Regelungen insofern, „als MitarbeiterInnen sich gerecht entlohnt fühlen, was wiederum zu einem guten sozialen Klima im Unternehmen beiträgt“. Für Tobias Höglinger von der Drogeriemarktkette DM schaffen Kollektivverträge in erster Linie Sicherheit für MitarbeiterInnen. Sie könnten sich auf wichtige Mindeststandards wie zum Beispiel Entlohnung und faire Arbeitsbedingungen verlassen. Der Nutzen von KVs gehe aber darüber hinaus: „Diese Transparenz ist auch für uns als Arbeitgeber wichtig. Sie bietet uns einerseits eine gute Orientierung, was marktgerechte Löhne und Gehälter anbelangt, und sorgt andererseits für Wettbewerbssicherheit, weil für alle Arbeitgeber in der Branche die gleichen Regeln und Mindeststandards gelten.“

Der Kollektivvertrag sei ein wichtiges Instrument, „das vor allem Klarheit schafft“, betont auch Johannes Zimmerl, Personalmanager bei der REWE Group in Österreich. Durch diese Klarheit werde Vertrauen für beide Seiten geschaffen. „Sowohl ArbeitgeberInnen als auch MitarbeiterInnen können die Spielregeln einfach und unkompliziert überprüfen. Vertrauen und Verständnis sind wesentliche Faktoren für ein gutes Arbeitsverhältnis miteinander.“

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Über den/die AutorIn

Alexia Weiss

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2014 erschien ihr bisher letzter Roman ENDLOSSCHLEIFE (Verlag Iatros).