Coverstory: Schuhe, Zwiebeln, Fleisch und die gerechte Verteilung

Inhalt

  1. Seite 1 - Ungleich verteilte Wohlstandsgewinne
  2. Seite 2 - Etwas läuft gewaltig schief
  3. Seite 3 - Schutz nur für EuropäerInnen?
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Das heutige Wirtschaftssystem beruht auf Ausbeutung, die auch den Mittelschichten weltweit zu mehr Wohlstand verhilft. Umso wichtiger sind internationale Solidarität und die internationale Arbeit der Gewerkschaften. Auf Dauer muss sich aber das System ändern.

Alternative Ziele

„Das ist der Kampf um die Marge. Wenn also die drei großen Supermarktketten in Österreich um die Cent-Margen kämpfen und Bauern in einer bestimmten Phase im Ausland mehr Geld für ihre Zwiebeln bekommen als im Inland und sie deshalb dorthin verkaufen – dann gehen die heimischen Zwiebeln in den Supermärkten natürlich aus und müssen importiert werden.“ Mit Freihandelsabkommen setzt man diese Logik fort, kritisiert Brand, denn ihr Ziel sind günstige Preise und Absatzmärkte für exportstarke Großkonzerne. Alternativ könnten solche Abkommen auch andere Maßstäbe setzen: Wo wird etwas ökologisch, sozial und regional angemessen produziert?

Alternativ könnten Freihandelsabkommen auch andere Maßstäbe setzen: Wo wird etwas ökologisch, sozial und regional angemessen produziert?

Zurück zur Ausbeutungskette: Zu den schlechten Löhnen und unwürdigen Arbeitsbedingungen kommen gesundheitliche Risiken dazu. Die dreckigste und zugleich giftigste Arbeit bei der Herstellung von Lederschuhen wird in den Gerbereien verrichtet. Fehlende Schutzmaßnahmen sorgen für Hauterkrankungen der dortigen ArbeiterInnen, dazu kommt die Verschmutzung des Wassers durch die Abwässer aus den Gerbereien.

Schutz nur für EuropäerInnen?

EU-Richtlinien erfassen nicht die gesamte Wertschöpfungskette.
Erneut zeigt sich ein Missverhältnis: In der EU regelt eine EU-Richtlinie, dass der Giftstoff Chrom VI in den fertigen Schuhen nur noch bis zu einem gewissen Schwellenwert enthalten sein darf. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass dieser Giftstoff bei der Herstellung nicht mehr verwendet werden darf. Denn die Richtlinie erfasst nicht die gesamte Wertschöpfungskette. Genau diese aber ist in der Schuhproduktion lang und führt meist in Länder, in denen die Rechte von und die Schutzvorschriften für ArbeitnehmerInnen schwach sind oder missachtet werden; in denen es keine starken oder gar keine Gewerkschaften gibt; in denen auch der Umweltschutz nicht oder schlecht ausgeprägt ist.

(C) Michael Mazohl

Beherzt gegen die Profitlogik

Umso wichtiger sind Initiativen wie die Clean-Clothes-Kampagne oder die internationalen Aktivitäten von AK und Gewerkschaften. Auch leisten die Gewerkschaften etwa bei den Kollektivverhandlungen einen Beitrag, wenn sie sich dafür einsetzen, dass die Einkommen in den unteren Lohngruppen stärker wachsen, für einen Mindestlohn kämpfen oder für Arbeitszeitverkürzung. Kurzum: indem sie der Profitlogik beherzt entgegentreten. Auch der Einsatz für öffentliche Dienstleistungen oder für faire Mieten, sodass den Menschen mehr Geld für nachhaltigen Konsum im Börsel bleibt, trägt dazu bei.

Faire Verteilung betrifft meist nur die Einkommen, nicht aber die Vermögen.
Zurück zur Machtfrage: Es liegt also durchaus auch in den Händen der KonsumentInnen, auch im Alltag Veränderungen herbeizuführen und die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen. Die Politik wiederum hat die Aufgabe, den Menschen diese Umstellung zu erleichtern, wie Ulrich Brand fordert. Zudem haben VerbraucherInnen auch als BürgerInnen Macht. Sie können Druck auf die Politik machen, damit beispielsweise in den Geschäften in Europa keine Produkte mehr landen, bei deren Herstellung Menschen ausgebeutet werden und/oder ihre Gesundheit oder gar ihr Leben aufs Spiel setzen. Auch gilt es die Verteilungsfrage zu stellen. Nun steht Österreich, was die Verteilung von Einkommen betrifft, zwar nicht schlecht da, wie auch AK-Experte Matthias Schnetzer betont. Doch erstens nimmt prekäre Arbeit auch hier zu. Zweitens ist es der Sozialstaat, der hierzulande für diese faire Verteilung sorgt, und genau dieser ist weiterhin Angriffen ausgesetzt. Und drittens betrifft die faire Verteilung nur die Einkommen, nicht aber die Vermögen.

Weiter so ist keine Perspektive

Je weiter die Schere zwischen Arm und Reich aufgeht, wie dies international zu beobachten ist, desto mehr wird die imperiale Lebensweise einzementiert. Genau das ist aber auch aus einem anderen Grund keine Perspektive. Denn solange sich nichts ändert, geht auch die Umweltzerstörung weiter und der Klimawandel wird noch mehr angeheizt, was nun wahrlich nicht mehr zu leugnen ist. Und genau das kann sich die Menschheit schlichtweg nicht mehr leisten. Somit ist auch klar, weshalb die soziale und die ökologische Frage nicht zu trennen sind. Und warum internationale Solidarität und die entsprechenden gewerkschaftlichen Kämpfe kein Gnadenakt sind, sondern im Interesse aller Menschen.

Von
Sonja Fercher
Chefredakteurin Arbeit&Wirtschaft

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 6/19.

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Über den/die Autor*in

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.

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