Neue Plattform gegen Krise in der 24-Stunden-Betreuung

Eine ältere Frau im Rollstuhl sitzt alleine in ihrem Zimmer und wartet auf die 24-Stunden-Betreuung.
Der Bedarf an 24-Stunden-Betreuung steigt enorm. Es braucht moderne Lösungen wie betreuerinnen.at | © Adobestock/rawpixels.com
Österreich wird immer älter und deshalb braucht es in Zukunft mehr 24-Stunden-Betreuer:innen. Drei Wochen Wartezeit auf eine Betreuungskraft sind keine Seltenheit. Die neue Plattform betreuerinnen.at löst das Problem.
Die Digitalisierung ist ein Zauberwort, wenn es um die Bewältigung der Pflegekrise geht. Das neue Portal betreuerinnen.at der vidaflex zeigt, wie das in der 24-Stunden-Betreuung konkret geht. Die Plattform schließt teils dubiose Vermittlungsagenturen aus und verknüpft Pflegende und zu Pflegende direkt. Das spart Kosten und Zeit. Gerade einmal 72 Stunden dauert es, bis eine geeignete Betreuungskraft gefunden ist. Statt der üblichen drei Wochen Wartefrist. Die Plattform entstand im Rahmen einer Studie der Arbeiterkammer Niederösterreich, der Universität Wien und der gewerkschaftlichen Initiative vidaflex.

Krise in der 24-Stunden-Betreuung

Beinahe 70.000 Menschen arbeiten in Österreich in der 24-Stunden-Betreuung. Die überwiegende Mehrheit davon wird über Agenturen an die zu Betreuenden vermittelt. Über 900 Agenturen und Sub-Agenturen gibt es, die ein Stück des Kuchens möchten. Im Vergleich dazu hat das zehnmal bevölkerungsreichere Deutschland nur rund 300 Agenturen. Zumeist kommen die Betreuer:innen in Österreich aus den Staaten (Süd-)Osteuropas. Speziell Betreuer:innen aus der Slowakei, Rumänien und Kroatien sind es, die die Betreuung am Laufen halten und ohne die man in der Alpenrepublik keine Chancen hätte, die Versorgung sicherzustellen.

Eine ältere Frau im Rollstuhl lächelt gemeinsam mit der 24-Stunden-BEtreuung.
Damit die 24-Stunden-Betreuung immer so harmonisch ist, braucht es einen Wandel im System. | © Adobestock/bilderstoeckchen

Die Beschäftigten, die über die 900 Agenturen angeworben und vermittelt werden, sind diesen Sub-Unternehmen aber häufig ausgeliefert. „Die 24-Stunden-Betreuung auf selbständiger Basis erfüllt in vielen Fällen die Voraussetzungen für die sogenannte Scheinselbständigkeit. Dieser Missstand gehört beseitigt“, sagt Maria Lackner, ÖGB-Pflegeexpertin. Die Agenturen profitieren auf mehreren Ebenen. Beispielsweise, wenn Betreuer:innen und zu Betreuende häufig wechseln. Hierbei können sich Agenturen ein Körberlgeld dazuverdienen. Aus diesem Grund legen auch nicht alle Agenturen darauf Wert, dass Betreuer:innen und zu Betreuenden zueinander passen. Somit kann es schon mal vorkommen, dass eine zierliche kleine Frau einen großen und schweren älteren Mann zu betreuen hat.

„Die Wirtschaftskammer vertritt selbständige Personenbetreuer:innen. Prinzipiell sind sie allein verantwortlich für die Gestaltung ihrer Arbeitssituation. Die WKO vergisst jedoch zu erwähnen, dass eine sehr wichtige Rolle von den Vermittlungsagenturen gespielt wird“, so Lackner.

Wachsender Bedarf bei der 24-Stunden-Betreuung

Aktuell gibt es in Österreich 223.000 Menschen über 85 Jahren. Diese Zahl wird sich bis zum Jahr 2025 zweieinhalbmal so hoch sein – 583.000. Das stellt die 24-Stunden-Betreuung vor eine große Herausforderung. Aktuell fühlen sich viele Betreuer:innen und ihre Arbeit nicht wertgeschätzt. Das hängt unter anderem wieder mit den Umständen bei den Agenturen zusammen. „Die fehlende Wertschätzung betrifft beinahe die gesamte Pflege und Betreuungsbranche. In der 24-Stunden-Betreuung noch verstärkt“, meint Lackner.

In Österreich ist man zusätzlich häufig der Meinung, dass jede:r betreuen und pflegen kann. Im ländlichen Raum sind es oft die Frauen der Familie, die Betreuung und Pflege älterer Familienmitglieder übernehmen und seltener 24-Stunden-Betreuer:innen. Sie tun das häufig aus einer Erwartungshaltung heraus. „Die Nichterfüllung diese Erwartung wird rasch zu einer verdeckten Kritik. Wir brauchen hier ein Paradigmenwechsel, um die Betreuung und Pflege als das zu sehen, was es ist – eine sehr anspruchsvolle, physisch und psychisch anstrengende Tätigkeit. Oftmals kein Beruf, sondern eine Berufung“, so Expertin Lackner.

Betreuerinnen.at: 24-Stunden-Betreuung ohne Agentur oder versteckte Gebühren

Die vidaflex BetreuerInnen Service GmbH möchte das System verändern. Um in Zukunft ein wertschätzendes Arbeiten mit fairer Bezahlung zu ermöglichen. Dafür müssen die Wünsche der vida-Pensionist:innen, vida-Mitglieder und 24 -Stunden-Betreuer:innen verknüpft werden. Und genau das tut betreuerinnen.at. Die Plattform bringt Angebot und Nachfrage zusammen und umgeht dabei viele der dubiosen Vermittlungsagenturen.

Da die Plattform keine Agentur ist, keine Kopfprämien an Sub-Agenturen bezahlt und keine intransparenten Pauschalverträge anbietet, ersparen sich alle Parteien versteckte Kosten. „Betreuer:innen ersparen sich so durchschnittlich 1.500 Euro“, rechnet Christoph Lipinski vor. Er ist Geschäftsführer der vidaflex BetreuerInnen Service GmbH. Und sie gewinnen an Unabhängigkeit. Laut dem Geschäftsführer ist der Zuspruch von Betreuer:innen nur wenige Wochen nach dem Start groß. „Wir können derzeit 24-Stunden-Betreuung innerhalb von 72 Stunden anbieten.“

Betreuende Personen (oder deren Angehörige) zahlen als vida-Mitglied pro Jahr 300 Euro, sonst 500 Euro. Die 24-Stunden-Betreuer:innen zahlen 240 Euro pro Jahr.

Pflegestufen, Fach- und Deutschkenntnisse

„Ein Vorteil, für die zu Betreuenden und deren Angehörige ist, dass die Betreuer:innen bei uns kostenlos einen Deutschtest machen müssen. Wir haben mitbekommen, dass es mangelnde Deutschkenntnisse gibt und manche Betreuer:innen leider nicht die Rettungskette für Notfälle gewusst haben. So etwas fragen wir beispielsweise bei diesem Test ab“, so Lipinski.

Vorteile bietet die Plattform aber auch den Betreuer:innen. Sie können beispielsweise festlegen, welche Betreuungsstufe sie übernehmen möchten. Oder ob sie sich vorstellen können, mit dementen Menschen zu arbeiten. Die Betreuer:innen-Plattform der vidaflex bietet die Betreuungsstufen drei, vier und fünf an. Bei den Stufen sechs und sieben handelt es sich bereits um Pflege und diese fallen nicht mehr in die Kategorie der 24-Stunden-Betreuung. Betreuer:innen außerdem erstmals Mindesttarife für die 24-Stunden-Betreuung. Bei der Pflegestufe drei sind das 75 Euro, bei Stufe vier 80 Euro und bei Stufe fünf 85 Euro, die in den Musterverträgen fest verankert sind.

In der Gesellschaft hat sich die Meinung, dass es bei der 24-Stunden-Betreuung um einen fordernden Beruf handelt, für den es Expertise braucht, noch nicht durchgesetzt. Dafür braucht es noch mehr Sensibilisierung und Aufklärung. Die Betreuung darf nicht mehr nebenbei von Familienmitgliedern gemacht werden. Es geht auch darum, dass sich Betreuer:innen in Zukunft wertgeschätzt fühlen. Betreuerinnen.at ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in der Privatwirtschaft, ehe er mit Anfang 30 Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren begann. Er schreibt für unterschiedliche Publikationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Sport.

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