Ausbildung für geflüchtete Jugendliche: Hoffnung auf sichere Zukunft

Fotos (C) Markus Zahradnik
Ein Neubeginn ist immer eine Reise ins Ungewisse – speziell für geflüchtete junge Menschen. Ankommen – meist ohne Berufsausbildung – die nächste Hürde. Doch es gibt Betriebe, die mit Unterstützung von Betriebsrät:innen den Jugendlichen eine Zukunftsperspektive bieten.
Wenn man aus einem Land vor Krieg, Gewalt, Repressionen und anderen Bedrohungen flieht, dann ist das aus einer mitteleuropäischen Perspektive schwer vorstellbar, welche Erlebnisse die Menschen in ihren Leben durchmachen mussten. Egal ob in Syrien, Afghanistan oder jetzt in der Ukraine, die Menschen müssen aufgrund von Extremsituationen ihre Länder verlassen und suchen Zuflucht in Europa, um sich dort ein neues Leben, eine neue Existenz aufzubauen. Besonders jugendliche Geflüchtete kennen aus ihrer Heimat von klein auf oft nur kriegerische Zustände und konnten nie in Frieden leben. Nach Österreich zu flüchten bedeutet für sie, eine andere Kultur, eine neue Sprache und neue Lebensgewohnheiten und Strukturen kennenzulernen.

Ausbildung: Für geflüchtete Jugendliche eine zentrale Frage

Eine zentrale Frage dabei ist: Was will ich arbeiten und was benötige ich dafür? In den Herkunftsländern ist das System der Berufsausbildung bestehend aus Lehre und Berufsschule meist unbekannt. „Kindheit ist eine sensible Phase, in der die Gefühle von Sicherheit und Vertrauen besonders wichtig und prägend für das weitere Leben sind. Krieg und Flucht zerstören diese Sicherheit“, schreibt der Philosoph Gottfried Schweiger von der Universität Salzburg. Auch zu wissen, dass man eine Arbeit ausüben und somit selbst für sich sorgen kann, gibt ein Gefühl von Sicherheit. Doch wie geht es jungen Geflüchteten auf dem österreichischen Arbeitsmarkt?

„Junge Leute gehören unterstützt, ganz egal woher sie kommen. Aber gerade die Lehrlinge mit Fluchthintergrund brauchen eine intensivere Unterstützung, und genau dafür bin ich als Betriebsrat da, damit alles funktioniert“, sagt Norbert Buchegger von Jugend am Werk in Wien beim Besuch von Arbeit&Wirtschaft. Jugend am Werk bietet Jugendlichen, aber auch Erwachsenen die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren. Neben der Stadt Wien und dem AMS sind es beispielsweise auch der ÖGB und die Arbeiterkammer, die als Förderträger den Verein unterstützen. Viele unterschiedliche Lehrberufe werden von Jugend am Werk in Kooperation mit Unternehmen angeboten. „Wir arbeiten mit Partnerbetrieben zusammen, die die Lehrlinge im praktischen Bereich ausbilden. In der Regel sind es vier bis acht Wochen im Jahr, in denen die Lehrlinge dort ihr Praktikum machen“, sagt Buchegger.

Norbert Buchegger, Betriebsrat bei Jugend am Werk, über Ausbildung für geflüchtete Jugendliche
„Junge Leute gehören unterstützt, egal woher sie kommen“, ist Norbert Buchegger, Betriebsrat bei Jugend am Werk, überzeugt.

Ausbilund als grundlage für die Zukunft

Nach dem Praktikum kommen die Lehrlinge wieder zurück, um die theoretische beziehungsweise fachpraktische Ausbildung zu vertiefen. Bei ZOBA (Lehrbetrieb Zukunftsorientierte Ausbildung) können Ausbildungen zum Restaurantfachmann bzw. zur Restaurantfachfrau, als Koch oder Köchin, in der Bäckerei oder Konditorei gemacht werden. Eine dieser Möglichkeiten wurde im Frühjahr 2021 vom 17-jährigen Ibraheim Shekh Youssif ergriffen. Ibraheim war 2015 mit seiner Familie aus Syrien nach Österreich geflüchtet.

„Ich kann mich an die Flucht damals nicht mehr so genau erinnern. Ich war erst zehn Jahre alt. Nach der Ankunft in Österreich haben meine Familie und ich zuerst in der Steiermark gelebt, ehe wir nach Wien gezogen sind. Eine Schwester von mir lebt noch in Syrien, ist dort verheiratet und hat zwei Kinder“, sagt Ibraheim. Er ist das mittlere von insgesamt fünf Kindern. „Meine Tante, ihr Mann und ihre Kinder waren schon in Österreich, als wir hier ankamen, deshalb haben wir uns für Österreich als Zielland entschieden.“

Von Deutsch bis Mathematik

Als geflüchtete Person in Österreich eine Arbeit zu finden war schon immer schwierig, und schon in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs versuchte man, sich so gut wie möglich vor Geflüchteten am Arbeitsmarkt abzuschotten. „In der Genfer Flüchtlingskonvention gibt es Artikel zum Arbeitsmarktzugang, und Österreich hat schon vor 70 Jahren, also zur Entstehung der Konvention, einen Vorbehalt abgegeben“, sagt Johannes Peyrl von der AK Wien. Er ist dort Experte für österreichisches und europäisches Migrationsrecht.

Doch bei allen Hürden, die man zu nehmen hat, gibt es Möglichkeiten, als Asylwerber:in einen Arbeitsplatz in Österreich anzunehmen oder – wie es bei Ibraheim der Fall ist – eine Lehre zu beginnen. Unterstützung fand er bei Jugend am Werk. „Seit April 2021 mache ich eine Lehre als Koch. Ich habe mich damals beim AMS gemeldet, und die haben mich zu Jugend am Werk vermittelt. Wir hatten in Syrien ein Restaurant, und für mich war gleich klar, dass ich eine Kochlehre machen möchte.“

Als geflüchteter Mensch hat man allerdings Bedürfnisse, wenn man neu in ein Land kommt. An vorderster Stelle steht das Erlernen der Sprache des Landes, in das man geflohen ist. „Wir unterstützen die Jugendlichen mit Fluchthintergrund auf unterschiedlichen Ebenen. Das beginnt natürlich bei der Sprache und geht bis zu einer qualitativen Ausbildung. Dafür ist natürlich auch eine sozialpädagogische Betreuung notwendig“, sagt Buchegger. Die Unterstützung bei Jugend am Werk reicht vom Erwerb sprachlicher Kompetenz über Mathematik bis zum fachlichen Bereich des zu erlernenden Berufs. „Ich muss sagen: Hut ab vor den jungen Personen, wie die das hinbekommen, das ist ganz toll“, so Buchegger.

Geflüchtete Jugendlicher in der Ausbildung.

„Bartenstein-Erlass“ durch VfGH aufgehoben

Die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) bietet ebenfalls Unterstützung an. „Eine der größten Chancen für eine erfolgreiche Integration ist die Eingliederung von geflüchteten Menschen in den Arbeitsmarkt. Dies ermöglicht den Menschen Teilhabe an der Gesellschaft und ist für den Spracherwerb förderlich“, sagt ÖGB-Bundesjugendsekretär Philipp Ovszenik. Der ÖGB hat konkrete Forderungen an die Politik. Alle geeigneten Asylwerber:innen in Österreich bis zu einem Alter von 25 Jahren sollen die Möglichkeit haben, eine Lehrausbildung zu machen, bereits in einer Lehre befindliche Asylwerber:innen sollen auch bei rechtskräftiger Ablehnung ihres Asylansuchens die Lehre abschließen können und anschließend noch zwei Jahre als Facharbeiter:in in Beschäftigung bleiben dürfen. Weiters soll es während der Lehrausbildung eine intensive Prüfung geben, ob, je nach Integrationsstand, ein dauerhaftes Bleiberecht gewährt werden kann, und außerdem fordert man eine Verkürzung der Dauer von Asylverfahren. „Wie unzählige Studien belegen, ist Arbeit der beste Weg zur Integration“, so Ovszenik.

Seit einem Erlass 2004 wurde Menschen, die in einem Asylverfahren waren, der Weg auf den Arbeitsmarkt de facto verunmöglicht. Erst vergangenen Sommer wurde dieser „Bartenstein-Erlass“, benannt nach dem ehemaligen ÖVP-Arbeitsminister Martin Bartenstein, durch den VfGH aufgehoben. Der Erlass reduzierte beispielsweise die Möglichkeiten auf eine Lehrausbildung. Nur in sogenannten Mangelberufen war es möglich, als Asylwerber:in eine Ausbildung zu machen. „Es gibt zwar jetzt keine formale Einschränkung mehr auf Mangelberufe, wie es unter dem Bartenstein-Erlass war. Es gibt aber eine sehr missglückte Regelung. Wenn ein Asylverfahren negativ ausfällt, aber die Lehre noch aufrecht ist und die Lehrabschlussprüfung erst später stattfindet, dann ist es so, dass es eine befristete Möglichkeit gibt, die Lehre fertig zu machen, jedoch hält sich die Person dann rechtswidrig in Österreich auf“, sagt Migrationsrechtsexperte Peyrl. Allerdings muss die Person zwei Wochen nach Abschluss der Lehre Österreich verlassen.

Ausbildung für geflüchtete Jugendliche: Probleme könnten leich gelöst werden

Und es gibt noch ein anderes Problem. Für Lehrlinge, die nach der Aufhebung des Bartenstein-Erlasses 2021 eine Lehre begonnen haben, gilt nicht mal diese Regelung. Also eine Beendigung der Lehre ist für diese Gruppe nicht möglich. Sie müssen also gleich das Land verlassen, wenn sie einen negativen Asylbescheid erhalten. „Die aktuelle Regierung müsste nur diese Stichtagsregelung ändern, aber der politische Wille ist dazu wohl nicht da“, sagt Peyrl. Dafür würde eine einfache Mehrheit im Parlament reichen.

Eine Ausbildung für geflüchtete Jugendliche schafft Zukunftschancen. Wie für Ibraheim.
Jugend am Werk ermöglicht Jugendlichen, eine Ausbildung zu absolvieren, wie etwa Ibraheim. Ibraheim, 17, ist 2015 mit seiner Familie aus Syrien nach Österreich geflüchtet.

Was man noch braucht, um als Geflüchtete:r in Österreich zu arbeiten, ist eine Beschäftigungsbewilligung des AMS. Diese gilt allerdings nur für das Unternehmen, in dem man Arbeit gefunden hat, und erlischt, sobald man aus diesem Betrieb ausscheidet. Ein Missstand, der zuungunsten der Arbeitnehmer:innen geht. „Sollte ich arbeitslos werden und noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, dann kann das wirklich problematisch sein. Hier werden die Arbeitnehmer:innenrechte stark eingeschränkt“, sagt Peyrl. Von diesem Problem ist der Koch-Lehrling Ibraheim nicht betroffen. „Ich mache eine verlängerte Lehre, die insgesamt vier Jahre dauert. Drei Jahre sind jetzt noch zu absolvieren. Ich überlege, bereits nach der Lehre ein eigenes Restaurant aufzumachen, in dem dann auch meine Familie mitarbeiten kann.“ Eine Koch-Lehre dauert in der Regel drei Jahre, bei Jugend am Werk besteht allerdings die Möglichkeit, die Lehrzeit auf vier Jahre auszudehnen.

Probleme beim Aufenthaltsrecht

Besonders wenn nebenbei noch eine neue Sprache erlernt werden muss, ist diese Verlängerung wichtig. „Ibraheim hat jetzt schon einen tollen Sprachschatz. Wenn wir aus Österreich nach Syrien flüchten müssten, dann würden wir uns wohl viel schwerer tun, die Sprache dort zu erlernen“, sagt Buchegger in Richtung des jungen Lehrlings. Ibraheim ist bei Jugend am Werk gut aufgehoben, jedoch ist in den vergangenen sieben Jahren einiges passiert in Österreich. Nach den Fluchtbewegungen 2015 waren 100 Millionen Euro explizit für Integrationsmaßnahmen für Geflüchtete am Arbeitsmarkt vorgesehen gewesen. Das sollte zumindest als einjähriger Schutz dienen, damit diese Menschen nicht in Billigjobs gedrängt werden.

„Teilhabe am Arbeitsmarkt ist die große Chance für eine erfolgreiche Integration. Daher sollten alle geeigneten Asylwerber:innen bis 25 Jahre eine Lehrausbildung machen können“, so Philipp Ovszenik, ÖGB-Bundesjugendsekretär. „Das hat Türkis-Blau jedoch gekappt. Eine Wiederdotierung dieses Budgets wäre meines Erachtens ganz entscheidend. Weiters sollte es ein seriöses Aufenthaltsrecht für Menschen geben, die eine Lehre absolviert haben. Leute auszubilden und danach abzuschieben ist arbeitsmarktpolitisch sinnentleert“, so Peyrl. In dasselbe Horn stößt die Gewerkschaftsjugend, die auf dem 37. Bundesjugendkongress einen Antrag präsentierte, wie junge Menschen in diesem Land besser beteiligt werden sollen. Einer der Vorschläge betrifft im Inland geborene Kinder. Diese sollen unabhängig von der Staatsbürgerschaft der Eltern mit ihrer Geburt die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Weiters sollen auch jene Kinder ohne weitere Aufwände die Staatsbürgerschaft nach fünf Jahren erhalten können, wenn sich zumindest ein Elternteil rechtmäßig im Inland aufhält.

Jugend am Werk hilft geflüchteten Jugendlichen in eine Ausbildung

Ibraheim hat also noch drei Lehrjahre vor sich, ehe er den Abschluss machen kann. Bis dahin wird noch viel Theoretisches und Praktisches zu lernen sein. Sollte er danach wirklich ein Restaurant eröffnen, dann wäre er nicht der Erste, der das nach einer Lehre über Jugend am Werk getan hat, wie Betriebsrat Buchegger betont. „So etwas ist natürlich besonders super, wenn nach einigen Jahren ein ehemaliger Lehrling vorbeischaut und zu uns sagt, dass er oder sie jetzt ein eigenes Restaurant hat, und uns einlädt, mal vorbeizukommen.“

Heute absolviert Ibraheim bei ZOBA eine verlängerte Lehre zum Koch. In drei Jahren ist er fertig. Schon jetzt träumt er von seinem eigenen Restaurant – wie es seine Familie in Syrien hatte.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in verschiedenen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Mit Anfang 30 begann er Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Heute schreibt er vor allem für das Fußballmagazin Ballesterer und die Wiener Zeitung.

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