Alleinerziehende brauchen mehr Unterstützung: „Es wäre allerhöchste Zeit!“

Alleinerziehende Mutter kocht am Herd und hält gleichzeitig ihr Kind auf dem Arm.
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Alleinerziehende sind stärker armuts- und sozial ausgrenzungsgefährdet als alle anderen Teile der Bevölkerung. Durch die Pandemie hat sich ihre Situation weiter verschlechtert. Warum mittlerweile fast jede zweite Alleinerziehende gefährdet ist, zeigen die Ergebnisse einer neuen Studie.
Schon vor der Pandemie war klar, dass Haushalte mit nur einem Elternteil immer armutsgefährdeter sind als Haushalte mit zwei Elternteilen. Alleinerziehende machen je nach Erhebungsform zwischen zehn und zwanzig Prozent aller Familien mit Kindern in Österreich aus. Neue Studien zeigen, dass sie aktuell doppelt so oft von dieser Gefährdung betroffen sind wie der Rest der Bevölkerung. „Da haben wir wirklich ein Problem“, betont die Sozialwissenschafterin Karin Heitzmann von der WU Wien. Zusammen mit Ulrike Zartler, Professorin für Familiensoziologie an der Uni Wien, präsentiert sie die Ergebnisse einer neuen Studie im Rahmen eines Online-Pressegespräches von „Diskurs. Das Wissenschaftsnetz“.

Alleinerziehende stärker armutsgefährdet: Warum ist das so?

Die Ursachen für das deutlich höhere Risiko hätten sich kaum geändert. Ein Grund sei, dass die Vollerwerbstätigkeit zurückgehen würde. Man dürfe nicht vergessen, dass Alleinerziehende ja auch noch einen anderen Vollzeitjob hätten. Nämlich die gesamte Care-Arbeit der Familie. Für viele Alleinerziehende sei extreme Flexibilität und das Tragen aller Verantwortung und Sorgen nichts Neues. Zartler hat über Jahre Alleinerziehende in Österreich begleitet und mit ihnen gesprochen. Manche Interviews dauerten drei Stunden. Für die Studie wurden die Teilnehmerinnen unter anderem gebeten, Tagebuch zu führen. Zartler betont, dass die Pandemie alle Menschen beeinflusst habe. „Alleinerzieherinnen gehören aber ganz klar zu den großen Verliererinnen.“ In ihrer Studie fasst sie zusammen, warum das so ist.

Alleinerziehende Mutter weint und wird von Tochter getröstet.
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• Alleinerziehende haben Vereinbarkeitsproblematik

Alleinerziehende Eltern haben wenig Möglichkeiten, Kinderbetreuung, Homeschooling und Hausarbeit aufzuteilen. Daher waren sie von den Schließungen der Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen besonders betroffen. Zusätzlich konnte nicht mehr auf Netzwerke zur Unterstützung, wie etwa die Großeltern, zurückgegriffen werden.

• Extremer Druck, flexibel zu sein

Eltern mussten sich in der Pandemie grundsätzlich andauernd an neue Rahmenbedingungen anpassen. Bei den Alleinerziehenden trägt diese Last eine Person allein. Dabei mussten immer wieder neue Betreuungsarrangements, Tagesstrukturen und Familienregeln gefunden werden. Diesen Druck spürten die Alleinerziehenden nicht nur in den ausgedehnten Phasen des Lockdowns, sondern auch in der Quarantäne. Manche Familien in der Studie seien bis zu fünfmal in Quarantäne gewesen.

• Existenzängste und gesundheitliche Sorgen

Die finanzielle Situation von Ein-Eltern-Familien ist abseits der Pandemie deutlich schlechter als für andere Familienformen. Sie müssen in Relation deutlich höhere Ausgaben für ihre Kinder tätigen als Paarfamilien. Während der Pandemie haben sich Existenzängste aufgrund der Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt verstärkt. Zusätzlich zu der Angst, den Job zu verlieren. Hinzu kamen massive Sorgen vor einer eigenen Erkrankung. Vor allem, da im Krankheitsfall die Kinderbetreuung nicht gesichert werden könnte.

• Sorgen um Kinder

Alleinerziehende machten sich bereits seit Beginn der Pandemie intensive Gedanken um mögliche Bildungsnachteile für ihre Kinder. Zwar sind sie bemüht, ihre Kinder gut durch die Pandemie zu begleiten, doch die Erwerbsarbeit erschwert ein ausreichendes Homeschooling. Das könnte ihre Zukunftschancen beeinträchtigen.

• Einsamkeit und Isolation

Alleinerziehende fühlten sich während der Pandemie über weite Strecken allein gelassen. Sie leiden besonders unter den reduzierten Kontaktmöglichkeiten. Der weitgehende Wegfall von Sozialbeziehungen während der Lockdown- und Quarantänephasen führt zu Gefühlen von Einsamkeit und Isolation. Das beeinträchtigt Wohlbefinden und psychische Gesundheit. Gleichzeitig fehlte in solchen Phasen jegliche Zeit für sich selbst, weil es nicht möglich ist, Arbeit an jemand anderen abzugeben.

„Wenn wir die Zahlen lesen, die Auswirkungen der Armutsgefährdung sehen und den Menschen zuhören, ist es allerhöchste Zeit, alles zu unternehmen, damit diese Familien nicht weiter beeinträchtigt werden“, fasst Zartler zusammen. Es brauche mehr finanzielle Absicherung, etwa durch eine Kindergrundsicherung. Außerdem mehr Unterstützung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dies erreiche ein ausreichendes, flächendeckendes, zeitlich flexibles und qualitativ hochwertiges Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen. Auch ein Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung müsse durchgesetzt werden.

Alleinerziehende: Folgen der Armutsgefährdung

Viele Begriffe im Kontext der Armutsgefährdung und der Ein-Eltern-Familien klingen abstrakt. Wenn man den Expertinnen zuhört, wird es schnell konkret. Kinder können nicht beim Schulausflug dabei sein oder sitzen im Anorak im Wohnzimmer, weil die Eltern die Heizkosten nicht zahlen können. Sie erzählen von Kindern, die statistisch extrem benachteiligt sind, obwohl sie nichts dafür können, nur einen Elternteil zu haben. Die Corona-Pandemie hat den Kampf gegen die Kinderarmut noch dringlicher gemacht.

 

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Über den/die Autor*in

Eva Reisinger

Freie Journalistin und Autorin in Wien. Sie schrieb für den ZEIT-Verlag über Österreich, Feminismus & Hass. War Korrespondentin und lebt halb in Berlin und halb in Wien und erzählte euch, was ihr jeden Monat über Österreich mitbekommen müsst, worüber das Land streitet oder was typisch österreichisch ist.

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