Bei der Landarbeiterkammer vertritt Rachoi die Interessen der rund 100.000 unselbstständig Beschäftigten in der österreichischen Land- und Forstwirtschaft. Er fordert gute Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung, um insbesondere in Zeiten von Wirtschaftsflauten und Klimawandel weiterhin gute, verlässliche und nachhaltige Arbeitsplätze zu sichern.
Arbeit&Wirtschaft: Die Österreichische Landarbeiterkammer wird heuer 75 Jahre alt. Was sind aktuell die großen Themen?
Alexander Rachoi: Wichtig war 2021 die österreichweite Vereinheitlichung des Landarbeitsgesetzes (LAG). Auch beim neuen Gesetz zur land- und forstwirtschaftlichen Berufsausbildung 2024 sowie bei der Arbeitsmittel- und Arbeitsstättenverordnung waren wir aktiv beteiligt. Da geht es um den Umgang mit Kolleg:innen im Feld und auch um Saisonarbeitskräfte.
Was wurde beim LAG erreicht?
Es gab pro Bundesland eigene Regelungen, und uns ist es gelungen, diese zu vereinheitlichen. Das war eine große Herausforderung, denn etwa in Kärnten galten zusätzliche Landesfeiertage für Beschäftigte. Uns war wichtig, dass solche regionalen Vorteile nicht verlorengehen. Deshalb haben wir sie in die jeweiligen Kollektivverträge übernommen, um faire Bedingungen für alle sicherzustellen.
Unsere Arbeit hört hier aber nicht auf. Gerade bei den aktuellen Pensionsdebatten kämpfen wir dafür, dass körperlich harte Arbeit entsprechend gewürdigt wird. Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft muss ausnahmslos als Schwerarbeit anerkannt werden. Wer ein Leben lang mit den Händen arbeitet, soll mit 60 Jahren in Pension gehen können – 45 Jahre sind genug.

Wie hat sich die Landarbeiterkammer über die Zeit entwickelt?
Seit der Gründung 1950 hat sich die Zusammenarbeit über Bundesländergrenzen hinweg stetig verbessert. Kärnten ist 1990 beigetreten, nur Wien und das Burgenland haben bis heute keine eigene Kammer. Die Herausforderungen sind überall ähnlich.
Wie häufig treten trotz strenger Regelungen Missstände auf, z. B. bei Erntehelfer:innen und Saisonarbeiter:innen?
Das Landarbeitsgesetz und diverse Verordnungen, die wir hier haben, bieten vermutlich europaweit den größten Schutz. Schwarze Schafe gibt es aber überall. Wenn uns etwas bekannt wird, sind wir dahinter. Es ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Kärnten haben wir nicht die Zahl an Erntehelfer:innen wie in Oberösterreich, Tirol oder Niederösterreich.
Die Landarbeiterkammer stellt Informationen in sämtlichen Sprachen zur Verfügung, sodass man sich online oder mittels Infoblättern informieren kann. Wesentlich ist, den Kolleg:innen da draußen, denen es schlecht geht, also etwa Saisonarbeiter:innen und Erntehelfer:innen die Angst zu nehmen, sodass sie im Fall der Fälle zu uns kommen.
Wie steht es um das Thema Sicherheit für Beschäftigte?
Wir in Kärnten etwa kooperieren mit der Land- und Forstwirtschaftsinspektion, um Arbeitssicherheit zu gewährleisten. Es wird darauf geachtet, dass Schutzkleidung vorhanden ist und die Sicherheitsvorschriften eingehalten werden. Unterschiede gibt es aber zwischen den großen Forstbetrieben, deren Beschäftigte zur Landarbeiterkammer gehören, und den gewerblichen Schlägerungsunternehmen. Dort arbeiten oft ausländische Kolleg:innen ohne ausreichende Ausbildung – und weil sie nicht zur Landarbeiterkammer gehören, fehlt uns der direkte Zugang.
Das Bewusstsein für regionale und
heimische Produkte ist bei den Konsument:innen da.
Was wir als Landarbeiterkammer und Gewerkschaft tun müssen, ist, dafür zu sorgen,
dass sich alle Menschen diese Produkte
mit ihrem Einkommen leisten können.
Alexander Rachoi, Vizepräsident der Österreichischen Landarbeiterkammer
Gibt es Potenziale, die Zusammenarbeit von Arbeiterkammern, Landarbeiterkammern und Gewerkschaften zu verbessern?
Die gibt es immer, auch wenn vieles gut läuft. Ein Aspekt, über den wir künftig mehr reden müssen, ist der erwähnte Umgang mit gewerblichen Schlägerungsunternehmen. Sollen deren Mitarbeiter:innen wie bisher von der Arbeiterkammer betreut werden, oder sollte es Richtung Landarbeiterkammer gehen? „Draußen“ arbeiten wir oft Seite an Seite – da würde eine Vereinheitlichung Sinn machen.
Inwieweit merkt man die wirtschaftlich unsichere Lage in den Sektoren der Landarbeiterkammer?
Natürlich spürt man die Rezession. Aber wir sind nicht so stark betroffen wie Bereiche, die nur vom Export leben. Der Großteil unserer Bereiche hat mit Ernährung und Ernährungssicherheit zu tun. Wir haben den Vorteil, dass die Produkte, die erzeugt werden, auch im eigenen Land konsumiert werden.
Viele Lebensmittel im Supermarkt werden aus weit entfernten Regionen importiert. Wie sehr schadet das regionalen Produzent:innen?
In manchen Bereichen sind wir auf Importe angewiesen. In der Milchwirtschaft hingegen sind wir sehr gut dabei, was die Abdeckung angeht, und wir exportieren auch viel. Da, wo wir die Nachfrage nicht zu 100 Prozent abdecken können, sehe ich wiederum das Potenzial für die Zukunft, Arbeitsplätze zu schaffen. Ehrlicherweise muss man sagen – und ich bin selbst auch Landwirt –, dass man in Österreich nicht zu Diskontpreisen produzieren kann. Wir haben Qualitätsansprüche und Mindestlöhne, die eingehalten werden. Das muss sich im Preis widerspiegeln. Als Produzent ist man darauf angewiesen, dass sich der Handel zu Fairness bekennt und den Bauern und Bäuerinnen angemessene Preise zahlt.
Die Menschen müssen in diesen Zeiten sparen, doch Qualität hat ihren Preis …
Das Bewusstsein für regionale und heimische Produkte ist bei den Konsument:innen da. Was wir als Landarbeiterkammer und Gewerkschaft tun müssen, ist, dafür zu sorgen, dass sich alle Menschen diese Produkte mit ihrem Einkommen leisten können – Stichwort starke Kollektivverträge. Das sehe ich als die Herausforderung der Zukunft.

Welche Form von Unterstützung brauchen land- und forstwirtschaftliche Betriebe?
Landwirtschaftliche Arbeit ist Arbeit in der Natur – Arbeit mit der Natur. Sturmschäden, Folgen des Klimawandels und Umweltkatastrophen jeglicher Art sind heute Teil der Realität. Trotz Versicherungen bleiben oft finanzielle Lücken. Da sind der Bund und auch die EU gefragt. Mir ist es ein Anliegen, Fairness zu stärken: Wenn ein Betrieb Förderungen bekommt, geht es darum, dass die Mitarbeiter:innen gerecht entlohnt werden.
Wie kann man das am besten kontrollieren?
Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Heute wird per Drohnenflügen vonseiten der Stellen, die Förderungen auszahlen, kontrolliert, ob Felder richtig bewirtschaftet werden. Heutzutage ließe sich auch effizienter sicherstellen, dass Arbeitnehmer:innen korrekt bezahlt und behandelt werden.
Wie steht die Landarbeiterkammer zum umstrittenen Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay)?
Das Abkommen ist eine große Gefahr. Österreich würde mit Billigprodukten aus diesen Ländern überschwemmt werden, während dort viel geringere Standards gelten. Bei uns sind Pestizide streng geregelt, dort kaum. Fairer Handel ist unter solchen Bedingungen unmöglich. Das Abkommen bedroht unsere Landwirtschaft und gefährdet auch Arbeitsplätze, daher lehnen wir es klar ab. Wir sind stolz auf unsere qualitativen Produkte und die hohen Produktionsstandards. Es geht um Existenzen.
Was brauchen Betriebe in Sachen Nachfolge und Generationsübergabe?
Beispiel Gartenbaubetriebe: Für viele ist es wirtschaftlich schwierig, weil mittlerweile Baumärkte und andere Anbieter Pflanzen verkaufen. Das drückt die Preise und schränkt das Betätigungsfeld der klassischen Gartenbaubetriebe ein – und damit die Perspektiven. Wir haben als Gewerkschaft früh vor der Liberalisierung der Gewerbeordnung gewarnt, doch gehört wurde es kaum. In der Land- und Forstwirtschaft ist die Situation besser: Hier gibt es großes Interesse bei der jungen Generation, viele entscheiden sich für eine Ausbildung in einer landwirtschaftlichen Fachschule und machen anschließend eine weiterführende Berufsausbildung. Die Lehrberufe beginnen zwar später, aber viele wählen sie aus Überzeugung.

Die Herausforderungen für Betriebe hängen aktuell oft mit der Macht großer Handelsketten zusammen …
Ich war diesen Sommer zu Besuch in einem Gemüsebaubetrieb in Spittal an der Drau. Die Chefin und ihre zwei Töchter waren auf dem Acker bei der Ernte. Sie haben von dem massiven Druck der Großkonzerne auf die Produzent:innen gesprochen, der Lebensmittelgroßhandel hatte ihre Produkte aus dem Sortiment genommen. In diesem Fall ging es gut aus: Sie hatten das Glück, dass die Kundschaft – Hotellerie und Gastronomie – sich für den Betrieb einsetzten, sodass der Handel die Produkte wieder aufgenommen hat.
Wie spüren Arbeitnehmer:innen in der Land- und Forstwirtschaft den Klimawandel?
Man braucht nur mit offenen Augen durchs Land gehen: Wo vor fünf Jahren noch Fichtenwälder standen, hat der Borkenkäfer vieles vernichtet. Umso wichtiger ist es, gut ausgebildetes Personal zu haben, das weiß, wie man mit Schädlingen umgeht, und den Wald sauber hinterlässt. Betriebe, die früher auf günstige gewerbliche Schlägerungsunternehmen gesetzt haben, greifen jetzt wieder auf eigene Mitarbeiter:innen zurück, weil diese sorgfältiger arbeiten. Gleiches gilt für Gemüsebaubetriebe: Sauberes Arbeiten kostet, ist aber unverzichtbar. Nachhaltigkeit spielt in der Land- und Forstwirtschaft eine große Rolle. Und Betriebe müssen auf den Klimawandel reagieren, auch um die Wertschöpfung zu sichern.
#AK warnt vor #Fachkräftelücke❗
In Technik, Handwerk, Kinderbildung & Pflege gehen aktuell mehr Menschen in Pension als nachkommen.
Folge: Überlastung, weniger Wachstum & gefährdete Grundversorgung.
Eine #WIFO-Studie zeigt: Ohne Gegensteuern fehlen bis 2029 rund 51.000 Fachkräfte mit Lehrabschluss— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 27. November 2025 um 09:41
Welche Bedeutung hat Ihr eigener Bauernhof für Sie?
Ich habe nicht die Struktur, dass ich davon leben kann. Es ist ein Nebenerwerb. Wir sind auf Bienenwirtschaft spezialisiert, haben eine Pferdezucht, Fischzucht und Wildbret-Verarbeitung. Meine Eltern waren schon Landwirte, und irgendwann hat es mich wieder gekitzelt. Als gelernter Maschinenbautechniker bin ich es gewohnt, am Ende des Tages zu sehen, was man gemacht hat. Die Natur arbeitet in anderen Zeiträumen. Landwirtschaft ist harte Arbeit, bringt aber gleichzeitig eine Erhöhung der Lebensqualität und einen Ausgleich für die Seele.