Frauen-Eishockey: Österreichs Nationalteam wehrt sich

Die Eishockey-Nationalspielerinnen Selma Luggin und Antonia Matzka kämpfen für bessere Bedingungen im Frauensport.
Die Eishockey-Nationalspielerinnen Selma Luggin und Antonia Matzka kämpfen für bessere Bedingungen im Frauensport. | © Markus Zahradnik
Das österreichische Frauen-Eishockey-Nationalteam zählt zu den zehn besten Teams der Welt. Während die Spielerinnen auf höchstem Niveau trainieren, sind die Rahmenbedingungen unterirdisch. Jetzt wehren sich die Frauen.
Euphorisch war der Jubel im chinesischen Shenzhen: Nach einem 3:2-Sieg über die Niederlande gehört das österreichische Frauen-Eishockey-Nationalteam jetzt erstmals zu den zehn besten Teams der Welt. Nun steht im November die erste Weltmeisterschaft in der Top-Division an. Insgesamt treten zehn Teams in Dänemark gegeneinander an, darunter die Eishockey-Elite aus den USA, Kanada und Schweden. Einen weiteren bedeutungsvollen Sieg errangen die Österreicherinnen vor Kurzem in einem Arbeitskampf, für den sie sogar die Teilnahme am Turnier aufs Spiel setzten.

Austro-Frauen-Eishockey bedeutet nämlich, das Leben abseits des Sports straff organisieren zu müssen – eigenes Geld, Muße und viel Zeit zu investieren. Tagsüber arbeiten, abends trainieren und dabei immerzu fürchten, die Lebenshaltungskosten nicht stemmen zu können. Erstaunlich ist auch der Umgang des Österreichischen Eishockeyverbands (ÖEHV) mit seinen Nationalspielerinnen: Immer noch werden keine Prämien bezahlt, die Organisation kann getrost als amateurhaft bezeichnet werden. Ein Umstand, gegen den die Spielerinnen gemeinsam mit der Gewerkschaft mobil machten.

Jus-Studium, Job in einer Wiener Anwaltskanzlei, Training in St. Pölten: Die Nationalspielerin und Torfrau Selma Luggin, 23, bringt das alles unter einen Hut. Das Klimaticket muss sie selbst bezahlen.
Jus-Studium, Job in einer Wiener Anwaltskanzlei, Training in St. Pölten: Die Nationalspielerin und Torfrau Selma Luggin, 23, bringt das alles unter einen Hut. Das Klimaticket muss sie selbst bezahlen. | © Markus Zahradnik

XXS-Budget mit Stockbett

Die Nationalspielerin und Torfrau Selma Luggin, 23, studiert Jus, arbeitet parallel in einer Wiener Anwaltskanzlei und pendelt am Abend gemeinsam mit einer Team-Kollegin, der Verteidigerin Antonia Matzka, zum Training von Wien nach St. Pölten. Selbst ihr Klimaticket für die Zugfahrten müssen sich beide selbst finanzieren. Die Dreifachbelastung ist auf Dauer anstrengend, mittlerweile aber auch zur Gewohnheit geworden. „Von klein auf musste ich meinen Tag effizient gestalten, um Sport und Ausbildung zu vereinbaren“, erinnert sich Luggin.

Untragbar waren etwa die Bedingungen rund um ein Länderspiel im Tiroler Götzens. Die Spielerinnen wurden an einem Dienstag im Jänner um vier Uhr morgens in Wien mit dem Bus abgeholt. Auf der achtstündigen Fahrt gab es keine Verpflegung, vor Ort mussten sie in einer Freilufthalle spielen. Eisig war es in der Halle, in den Umkleidekabinen ebenso. Die Ankunft in Wien erfolgte am Donnerstag abermals um vier Uhr in der Früh. „Für die 30 Stunden mit dem Nationalteam haben wir fast eine ganze Arbeitswoche geopfert“, ärgert sich Matzka und ist damit bei Weitem nicht allein.

Wir haben das erreicht, weil wir uns nicht auseinanderbringen haben lassen. 

Selma Luggin, Torfrau

Dabei wären Luggin und die drei Jahre ältere Matzka gar nicht auf das Wohlwollen des ÖEHV angewiesen. Beide sind Spitzensportlerinnen und qualifizierte Arbeitskräfte. Ihre Ausbildung absolvierten sie in Kanada und den USA, wo sie Leistungssport und Studium miteinander verbinden konnten. Während Luggin zwei Jahre lang eine kanadische Highschool besuchte, lebte Matzka neun Jahre in den USA. Dort erwarb sie einen Bachelor- und einen Masterabschluss in International Studies bzw. Exercise Science, also Sport- und Bewegungswissenschaft. Ihre Leistungen im Eishockey ebneten ihr den Weg zu einem amerikanischen Sportstipendium – nur so konnte sie das teure Studium finanzieren.

In den USA hat Frauensport einen deutlich höheren Stellenwert als in Österreich – insbesondere auf universitärer Ebene. Grundlage dafür ist das Bundesgesetz „Title IX“, das seit 1972 jede Benachteiligung aufgrund des Geschlechts an staatlich geförderten Bildungseinrichtungen untersagt. Dadurch erhalten studierende Athlet:innen gleichwertigen Zugang zu Trainingsstätten, Ausrüstung, medizinischer Betreuung, Trainer:innenstab, Reisebudgets und Umkleidekabinen.

Ein krasser Gegensatz zu Österreich: Selbst im Nationalteam wird noch um angemessene Unterkünfte statt Mehrbettzimmern mit Stockbetten in Jugendherbergen oder um ausreichend Sportbekleidung gerungen.

Verzweifeltes Aufbegehren

Nach dem Desaster in Tirol zogen die Spielerinnen die Notbremse. Sie holten sich Unterstützung von Sascha Tomanek, dem Vorsitzenden der Eishockeyspieler:innen-UNION, einer Fachgruppe innerhalb der younion-Sportgewerkschaft. Das gesamte Team ist der Gewerkschaft beigetreten. „Ich habe den Frauen gesagt: ‚Wir können nur was erreichen, wenn ich euch alle vertreten kann‘“, sagt Tomanek. Der ausgebildete Jurist informierte die Athletinnen über ihre Rechte, bündelte ihre Forderungen und führte die Verhandlungen mit dem Verband.

Gemeinsam habe man dem ÖEHV konkrete Verbesserungsvorschläge vorgelegt: Professionellere Betreuung, bessere Trainingsbedingungen und angemessene Unterkünfte, einen respektvolleren Umgang sowie verbesserte finanzielle Rahmenbedingungen wurden eingebracht. „Doch passiert ist nichts“, ärgert sich Tomanek. Die Spielerinnen zogen schließlich die Konsequenzen: Die 40 besten Athletinnen verweigerten die Teilnahme an einem Trainingslager.

Es folgten monatelange Verhandlungen, im heurigen Sommer legte der ÖEHV ein Vergütungs- und Entschädigungsmodell vor, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Die Athletinnen stimmten grundsätzlich zu. Da die von ihnen geforderten Verbesserungsvorschläge aber weiterhin nicht umgesetzt wurden, verschärfte sich der Konflikt. Kurzfristig angesetzte Fitness-Tests in Kärnten oder Salzburg bedeuteten vor allem für die Ostösterreicherinnen einen erheblichen organisatorischen Aufwand. Gleichzeitig erfolgte die Trennung von Trainer:innen, die eine enge Beziehung zum Team aufgebaut hatten. Als dann einige Stammspielerinnen nicht für ein Vorbereitungsturnier nominiert wurden, sank die Stimmung auf Kellerniveau. Schlusspunkt: Die zwölf besten Spielerinnen boykottierten das Turnier.

Eishockeyspielerin Matzka lebte neun Jahre in den USA. Nur dank eines Sportstipendiums konnte sie dort studieren. Heute kostet sie der Profi-Sport Geld.
Eishockeyspielerin Matzka lebte neun Jahre in den USA. Nur dank eines Sportstipendiums konnte sie dort studieren. Heute kostet sie der Profi-Sport Geld. | © Markus Zahradnik

In der Öffentlichkeit

Zeitgleich gingen sie gemeinsam mit der Gewerkschaft an die Öffentlichkeit. Die Resonanz war groß: Medien berichteten ausführlich über die Missstände im Frauen-Eishockey und die aktuelle Eskalation. Auch das Sportministerium und die Gleichbehandlungsanwaltschaft schalteten sich ein. Frauen-Eishockey rückte stärker ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit. Denn oft ist nicht die Leistung, sondern die mangelnde Sichtbarkeit das Problem des Frauensports. Laut der Studie „Genderbalance in der Sportberichterstattung in den österreichischen Medien“ erhalten Männer 85 Prozent der medialen Aufmerksamkeit, Frauen lediglich 15 Prozent. Auch deshalb gibt es bei uns viel mehr Geld für den Männersport.

🏒 Österreichs Eishockey-Frauen gehören erstmals zu den zehn besten Nationen der Welt.

📢 Doch statt auf WM-Vorbereitung stehen die Zeichen auf Boykott. Denn anders als ihre männlichen Kollegen erhalten die Spielerinnen für ihren Einsatz nicht einmal ein Taggeld.

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 25. August 2026 um 18:00

Der öffentliche Druck blieb nicht ohne Folgen: Verbands-Vizepräsident Nicolas Stockhammer nahm Kontakt mit Tomanek auf. Ins vorgeschlagene Vergütungsmodell wurden endlich konkrete Summen eingetragen. Außerdem wurde festgehalten, welche Forderungen bereits erfüllt wurden und welche noch umgesetzt werden müssen. Erstmals gibt es damit auch schriftliche Zusagen seitens des ÖEHV. „Wir haben das erreicht, weil wir uns nicht auseinanderbringen haben lassen“, resümiert die Torfrau und angehende Juristin Luggin. Der Konflikt ist nicht in allen Punkten gelöst, doch die Spielerinnen haben erreicht, was ihnen lange verwehrt blieb: dass sie endlich gehört werden.

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Über den/die Autor:in

Sophia Fielhauer-Resei und Christian Resei

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