Tkatsch schildert den Einsatz so: An einer roten Ampel mitten in Wien stoppten maskierte Beamte ihr Auto, schlugen die Seitenscheiben ein, richteten Pistolen auf sie und zerrten sie auf die Straße. Bondarenko wurde mit dem Gesicht in die Glassplitter gedrückt, ein Splitter steckte direkt unter seinem Auge. „Mein erster Gedanke war, dass wir entführt werden“, schreibt Tkatsch. Erst beim Anblick eines Polizeiwagens sei ihm klar geworden, wer sie festhielt.
Von Kiew nach Wien
Bondarenko musste wegen seiner Verletzungen im Gesicht in einem Wiener Krankenhaus behandelt werden, laut eigenen Angaben noch mit am Rücken gefesselten Händen. Ein in der Ukrajinska Prawda veröffentlichtes Foto zeigt seine Wunden und drei Glassplitter. Die beiden wurden auf eine Polizeistation verbracht und befragt. Tkatsch kam erst nach zwölf Stunden frei, Bondarenko einige Stunden später. Warum man sie nicht einfach vorgeladen habe, ist Tkatsch ein Rätsel. Eine Erklärung oder Entschuldigung der Behörden gab es bisher nicht.
Mein erster Gedanke war, dass wir entführt werden
Mychajlo Tkatsch, Journalist
Der Hintergrund ihrer Nachforschungen wirft zusätzliche Fragen zum Polizeieinsatz auf. Die beiden Journalisten recherchierten zu Krawtschenkos Abgang aus der Ukraine. Der Generalstaatsanwalt war Anfang September zurückgetreten, nachdem das Nationale Antikorruptionsbüro seine Behörde durchsucht hatte. Kurz darauf verließ er die Ukraine für eine Dienstreise und kehrte nicht zurück. Ende September enthüllte Tkatsch, dass er in Wien gemeldet ist. Österreich gilt seit Jahren als sicherer Hafen für ukrainische Manager, Ex-Politiker und Spitzenbeamte, gegen die ermittelt wird. Eine Auslieferung droht ihnen meist nicht.
Festnahme wirft Fragen auf
Warum die Recherchen der beiden Journalisten zum Polizeieinsatz führten, ist noch immer unklar. Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) nannte einen Spionageverdacht als Grund für die Festnahmen, ohne konkreter zu werden. Am Montag sagte er, er habe „keinen Grund“, daran zu zweifeln, dass die Polizei verhältnismäßig gehandelt habe. Zudem brachte er den Fall mit zwei weiteren Ukrainern in Verbindung, die am 5. Oktober wegen Spionageverdachts festgenommen worden waren; laut dem Nachrichtenmagazin „Profil“ sitzen sie bis 21. Oktober in U-Haft. Worin der Zusammenhang bestehen soll, sagte Karner nicht.

Mittlerweile hat sich die Staatsanwaltschaft Wien, die die Festnahme angeordnet hatte, per Presseaussendung geäußert: Zeugen hätten drei Männer beim Observieren eines Objekts gesehen. Dass es sich bei Tkatsch und Bondarenko um einen Journalisten und einen Kameramann handelte, sei bei der Festnahme nicht bekannt gewesen. Das überrascht: Schon eine einfache Onlinesuche nach den Namen zeigt, wer die beiden sind. Tkatsch wurde für seine Korruptionsrecherchen erst vor wenigen Tagen in Oslo mit dem Free Media Award ausgezeichnet. Vieles bleibt offen, doch die Staatsanwaltschaft Wien und das Innenministerium ließen alle Anfragen von Arbeit&Wirtschaft unbeantwortet.
„Äußerst beunruhigend“
Die Chefredaktion der Ukrajinska Prawda zeigte sich über den Vorfall erschüttert und pocht auf Aufklärung. Kritik kommt auch von Reporter ohne Grenzen Österreich. Präsident Fritz Hausjell betont, wer zu Machtmissbrauch und Korruption recherchiere, müsse ohne Einschüchterung arbeiten können. Die Behörden stünden nun in der Pflicht, für eine lückenlose Aufklärung, rechtsstaatliche Transparenz und den Schutz journalistischer Arbeit zu sorgen.
Hier gilt es wirklich, die Hintergründe genau aufzuarbeiten!
— Österreichischer Presserat (@presserat.bsky.social) 13. Oktober 2026 um 12:14
Deutliche Worte findet auch der Presseclub Concordia. In einer Grundsatzerklärung vom Dienstag gegen die Einschränkung der Journalismusfreiheit durch polizeiliches Handeln nennt er die Vorkommnisse „äußerst beunruhigend“. Festnahmen von Journalist:innen habe es in jüngerer Vergangenheit nicht gegeben. Der Vorfall sei Ausdruck eines zumindest mangelnden Bewusstseins für journalistische Aufgaben bei staatlichen Akteuren.
Verdacht auf Intervention
Aufgabe der Polizei sei es, freie Berichterstattung „zu ermöglichen und zu schützen und nicht, sie auf Zuruf zu behindern“. Bei der Prüfung der Verhältnismäßigkeit sei die Medienfreiheit besonders zu gewichten. Die Concordia fordert eine baldige, rechtlich fundierte Begründung der polizeilichen Maßnahmen, lückenlose Aufklärung und ein stärkeres Bewusstsein für die Rolle des Journalismus in der Exekutive.
Die Ukrajinska Prawda prüft nun auch, ob Personen aus Krawtschenkos Umfeld die Polizei mit falschen Angaben auf die Reporter angesetzt haben könnten, um die Recherche zu behindern. Tkatsch und Bondarenko wollen zudem rechtlich gegen die österreichischen Behörden vorgehen, Akteneinsicht und das Festnahmevideo erwirken – und ihre Recherchen zum früheren ukrainischen Generalstaatsanwalt fortsetzen.