Paul Skrepek an seine ersten großen Schallplattenproduktionen in den 1980er-Jahren zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an eines: Wissensaustausch und Gemeinschaft. Der 70-jährige Vollblutmusiker hat beispielsweise mit Falco oder Reinhard Fendrich musiziert und ist Präsident der Sektion Musik bei der Daseinsgewerkschaft younion. Er erzählt: „Wir haben damals eine LP aufgenommen, lauter Topmusiker aus Österreich. Und wir hatten dafür mehrere Wochen Zeit. Wir sind viel in der Küche gesessen, haben geplaudert, ausprobiert, bis wir die besten Versionen für uns gefunden haben.“
Am Ende stand ein Werk, das alle zusammen geschaffen hatten – ein Ergebnis, auf das das Kollektiv stolz war, so Skrepek. „Wenn Menschen zusammenarbeiten, entsteht immer mehr, als die Summe der Einzelnen ausmacht“, sagt er. „Das haben wir verloren – und es wird durch technische Entwicklungen immer weiter verdrängt.“
Gemeinschaft im Studio
Besondere Sorgen bereitet Musikschaffenden wie Skrepek der rasante Fortschritt künstlicher Intelligenz. Er verändert nicht nur den kreativen Schaffensprozess, sondern auch die Arbeitsrealität. Wo früher mehrere Personen gleichzeitig beschäftigt waren – Musiker:innen, Tontechniker:innen, Produzent:innen, Arrangeur:innen –, übernehmen heute digitale Tools und Automatisierung viele Aufgaben. Produktionen laufen schneller, billiger, ortsunabhängig ab. Auftraggeber:innen freuen sich über mehr Effizienz. Für viele Musikschaffende bedeutet es aber weniger bezahlte Stunden, weniger Kollaboration und schlichtweg weniger Aufträge.

ein Computer nicht“, sagt der langjährige Musiker Peter Paul Skrepek. | © Markus Zahradnik
Eine gemeinsame Studie der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA und der französischen SACEM vom Jänner 2024 kommt zu einer ziemlich klaren Einschätzung: Ohne Gegenmaßnahmen und fairere Regeln könnten die Einnahmen von Urheber:innen, Songwriter:innen und Producer:innen durch KI-Einfluss bis 2028 deutlich einbrechen. Die Studienautor:innen gehen davon aus, dass die Einkünfte der GEMA-Mitglieder in Deutschland und Frankreich um rund 27 bis 30 Prozent sinken könnten, was kumuliert etwa 2,7 Milliarden Euro Verlust bedeutet.
Immer öfter spielen nicht einmal mehr reale Menschen die Instrumente. KI simuliert ganze Instrumentenstimmen, ergänzt zu einem Gesang ein Orchester – oder übernimmt gleich die gesamte Komposition – eine Entwicklung, die die Branche umtreibt. In einem Feld, in dem viele ohnehin ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, kann das existenzbedrohend werden. Gleichzeitig können sich einzelne Musiker:innen dieser Dynamik kaum entziehen.
Geschäftsmodell KI-Musik
Sienna Rose erreicht auf der digitalen Musikplattform Spotify knapp drei Millionen Hörer:innen monatlich. Das Titelbild ihres Accounts zeigt eine schwarze Frau mit kurzen dunklen Locken. Ihre Beats klingen nostalgisch, erinnern an die 1990er-Jahre, ihre Stimme an eine bekannte R&B-Sängerin. Doch sie kann keine Noten lesen, kein Instrument spielen. Ein Konzert wird es von ihr nie geben. Sie hat weder Ohren noch Mund. Denn Sienna Rose ist vollständig aus Code entstanden. Ihre Bilder, ihre Musik: Alles wurde von künstlicher Intelligenz generiert. Ihrem Erfolg schadet das nicht.
Vollständig von KI erzeugte Musik nimmt auf Streaming-Plattformen rasant zu. Die französische Plattform Deezer prüft Musik inzwischen systematisch auf ihre „Echtheit“, indem sie die Tonspuren analysiert, und meldet rund 60.000 neue KI-generierte Stücke – pro Tag. 2025 verzeichnete der Dienst einen starken Anstieg: von 10 Prozent der täglichen Uploads im Jänner auf zuletzt rund ein Drittel bis knapp 40 Prozent.
Das verändert die Spielregeln und den Markt, auf dem reale Musiker:innen konkurrieren. Prognosen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren ein signifikanter Teil der Musik auf Streaming-Plattformen KI-generiert sein könnte. Eine offizielle Zahl dazu, wie hoch der Anteil auf Spotify ist, gibt es bislang nicht. Musiker Skrepek sieht hier ein zentrales Problem: „Wir wissen nicht, ob die Zugriffe überhaupt von echten Menschen sind, ob
diese sich das anhören – oder ob hier Maschinen das durchlaufen lassen und so das Monopol immer größer wird.“ KI-Accounts, die KI-Musik durchhören also. Daraus ergibt sich die Frage, wer am Ende über Streaming-Plattformen Geld verdient – und wer nicht.
Wenn der Algorithmus bestimmt
Ein Blick hinter die Playlists zeigt, wie systematisch KI-Musik ins Streaming-Ökosystem einsickert. Spotify setzte schon früh auf algorithmische Personalisierung. Recherchen der US-Journalistin Liz Pelly legen nahe, dass für bestimmte Stimmungsplaylists gezielt anonym produzierte „perfect fit“-KI-Tracks eingekauft wurden – billig hergestellt, millionenfach in Listen ausgespielt.
Das trifft Musiker:innen dort, wo sie ohnehin schwach aufgestellt sind: Streaming bringt oft nur minimale Einnahmen. Während früher Konzerte gespielt wurden, um eine Platte oder CD zu bewerben, sind Live-Auftritte heute für viele die wichtigste Einnahmequelle. Doch zuerst müssen über Streaming-Plattformen Hörer:innen erreicht und zu Fans gemacht werden. Schwindet diese Chance, schrumpfen langfristig auch andere Einnahmequellen wie Merchandise oder Live-Auftritte.
Fragt man Menschen, ob sie KI-Musik konsumieren, verneinen das viele und lehnen es ab. Doch viele hören sie, ohne es zu merken. Eine Studie von Deezer zeigt: 97 Prozent von 9.000 Teilnehmer:innen konnten vollständig KI-generierte Songs nicht zuverlässig von menschengemachter Musik unterscheiden und empfanden genau das als unangenehm. Rund 40 Prozent gaben an, dass sie solche Titel überspringen würden, wenn sie wüssten, dass sie von einer Maschine stammen.
Urheberrecht und Regulierung
Peter Tschmuck, Lehrender an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw), der zur digitalen Transformation forscht, sagt: „Das Problem mit diesen Fake-Tracks liegt nicht nur darin, dass sie Einkommen abschöpfen, sondern vor allem im Urheberrecht. Womit werden diese Modelle trainiert? Was passiert mit Persönlichkeitsrechten?“ Für Europas Musikbranche wird deshalb entscheidend sein, wie Gerichte und Verwertungsgesellschaften den rechtlichen Status des KI-Trainings mit urheberrechtlich geschützten Werken bewerten. Denn nur durch bestehende, von Menschen geschaffene Songs erreichen KI-Modelle überhaupt erst ihr marktfähiges Niveau.

ermutigt dazu, technologische Innovationen in der Musik
zu begrüßen und zu nutzen. | © Markus Zahradnik
Die KI-Verordnung der EU soll mehr Transparenz schaffen und es Rechteinhaber:innen ermöglichen, ihre Werke in der KI-Ära besser zu kontrollieren. Eine Kritik aus der Kreativwirtschaft lautet jedoch, dass die aktuellen Regeln nicht weit genug gehen. Vieles ist offen: Muss nur das Training vergütet werden oder auch jede einzelne KI-Ausgabe, die auf geschützten Werken basiert? Genau das fordert auch die Gewerkschaft younion: eine faire, angemessene Beteiligung, wenn KI mit von Menschen gemachter Musik trainiert wird, und generell an Streaming. Gleichzeitig sind Musikschaffende gefordert, genau zu prüfen, welche Rechte sie in Verträgen abgeben und welche sie behalten.
Zwischen Anpassung und Strukturwandel
Christine Bauer vom Fachbereich „Artificial Intelligence and Human Interfaces“ der Universität Salzburg sieht es ebenfalls als riskant, sich gegen die technische Entwicklung zu stellen: „Wie bei früheren Innovationen besteht die Gefahr, dass man versucht, sie zu unterbinden. Wenn die Branche dann den Anschluss verpasst, kann das eine ziemlich lange Durststrecke bedeuten.“ Sie erwartet je nach Genre unterschiedliche Auswirkungen. Während bei sogenannter Gebrauchsmusik – etwa Hintergrund klängen für Film oder Werbung – häufiger auf KI zurückgegriffen werden dürfte, rechnet sie im Mainstream-Pop- oder -Rock-Bereich nicht mit einem massiven Einbruch. Ein Popsong erfülle eine andere kulturelle und wirtschaftliche Funktion. Zugleich ordnet sie die Debatte historisch ein: „Die Musikbranche ist schon immer durch technologische Innovationen geprägt und wesentlich verändert worden. Jede dieser Entwicklungen hat anfangs große Ängste ausgelöst und die Branche durcheinandergewirbelt – und trotzdem ging es weiter. Vielleicht anders als zuvor, aber es ging weiter.“
Die vierte industrielle Revolution rauscht heran – angetrieben von KI. 🤖
Und siehe da: In einem Punkt ist sie der alten Dampfmaschine ähnlich: Sie ist politisch. Was das bedeutet, zeigt die Firma Eaton, die @johannes-gress.at für uns besucht hat. 👇
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 13. Mai 2025 um 17:15
Peter Paul Skrepek steht auch fünfzig Jahre nach seiner ersten Schallplattenaufnahme regelmäßig auf der Bühne, spielt Falco-Stücke und lässt das Wiener U4 beben. Die gemeinsamen Studioerlebnisse von früher vermisst er dennoch. KI will er selbst nicht nutzen. Viele seiner Kolleg:innen tun es längst.
Was ihm ein gewisses Maß an Zuversicht gibt, ist die Überzeugung, dass KI echte Musik langfristig nicht ersetzen kann. „Eine KI lebt nicht. Sie ist nur ein Imitat. Kunst heißt, den Irrtum zuzulassen. So entsteht etwas Neues. Und das kann ein Computer nicht. Die KI hat keinen Schmäh“, sagt er. „Unser Bewusstsein wird von Musik geprägt.“ Gleichzeitig müsse auch die Zivilgesellschaft Stellung beziehen und beispielsweise auf die Straße gehen.
Denn Musik sei zu bedeutend, um sie ausschließlich ökonomischen oder politischen Interessen zu überlassen. w