Mineralien um jeden Preis: Wer beim Run auf Rohstoffe verliert

Kohle, Eisenerz und Bauxit aus Guinea werden in einem Hafen in der chinesischen Provinz Shandong verladen. China liegt im globalen Rennen um Rohstoffe an der Spitze. | © APA-Images_AFP_STR
Kohle, Eisenerz und Bauxit aus Guinea werden in einem Hafen in der chinesischen Provinz Shandong verladen. China liegt im globalen Rennen um Rohstoffe an der Spitze. Das geht jedoch auch zu Lasten der Bevölkerung und der Umwelt. | © APA-Images_AFP_STR
Energiewende, Digitalisierung und militärische Aufrüstung verschärfen die Jagd nach knappen Rohstoffen. Klimapolitik und der Schutz der Beschäftigten rücken auch für die EU in den Hintergrund.
Wie an jedem Tag förderten Männer, Frauen und Kinder wertvolles Coltan-Erz aus einer Mine in Rubaya im Osten der Demokratischen Republik Kongo, als ein Erdrutsch die Arbeiter:innen verschüttete. Bei diesem Unglück im März 2026 – dem zweiten in diesem Jahr – sollen 200 Menschen umgekommen sein. Sie gruben für den Gegenwert weniger Euro pro Tag das vor allem hier vorkommende Erz mit Hacken und Schaufeln aus.

Daraus wird in Europa Tantal gewonnen, ein für Smartphones, Computer und Turbinen wichtiges Metall. Die Arbeitsbedingungen gelten in vielen kongolesischen Minen als schlecht, in Rubaya besonders. Die Region wird von Rebellen beherrscht. Diese schmuggeln das Erz ins nahe Ruanda, um mit dem Erlös ihre Kämpfe zu finanzieren. Weltweit lagert ein großer Teil begehrter Rohstoffe auf dem Gebiet von indigenen Völkern, denen wegen der Gier nach Mineralien Tod und Vertreibung drohen. Die Volksgruppe der Cinta Larga am brasilianischen Amazonas wehrt sich seit Jahren gegen Eindringlinge, die illegal nach Gold und Diamanten schürfen.

Im Februar traf ein brasilianischer Bundesrichter eine beispiellose Entscheidung: Die Cinta Larga dürfen künftig selbst Bergbau betreiben. Indigene sollen „nicht länger Opfer sein“, so wurde der Richter Flávio Dino in der Berliner Zeitung „taz“ zitiert. Von einem Tabubruch in Japan berichtete jüngst „Die Zeit“: Bei Bohrungen im Meeresboden wurden Proben mit seltenen Erden aus 6.000 Metern Tiefe geholt. Um von Importen unabhängig zu werden, sei eine industrielle Produktion geplant. Derzeit findet zum Schutz der Umwelt Tiefseebergbau nirgendwo statt; in internationalen Gewässern ist er verboten. Falls Japan mit seinen Plänen Ernst macht, könnten weitere Staaten folgen – mit hohen Risken für die Ökosysteme der Meere.

Run auf Rohstoffe

Schlaglichter wie diese zeigen, wie die Rohstoffversorgung zum brennenden Konfliktthema wurde. In Europa lösten die Energiewende weg von Kohle, Gas und Öl zu erneuerbaren Quellen wie Wind- und Sonnenenergie sowie die Elektromobilität den Boom aus. International erhöhte die Digitalisierung von den Smartphones bis hin zur KI-Forschung den Bedarf an Lithium, seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen enorm. Dazu kommt die wachsende militärische Aufrüstung vieler Staaten, für die auf dem gesamten Globus nach Rohstoffen gejagt wird.

Für diesen Wettbewerb der Großmächte kam der kolonial belastete Begriff „Geopolitik“ in Mode. In den Worten des nun in den USA lebenden russischen Publizisten Maxim Trudoljubow ist das der Blick auf die Welt „wie aus dem Cockpit eines Düsenbombers“. Hauptakteure sind die USA und China, während Europa fürchtet, an den Rand gedrängt zu werden. Deshalb verfolgt die Europäische Union nun Gegenstrategien. Deren Auswirkungen werden das Leben von Arbeitnehmer:innen und Konsument:innen überall, auch in Österreich, betreffen. Die Klimapolitik rückt in den Hintergrund, ebenso der Kampf gegen Umweltvergiftung sowie Zwangs- und Kinderarbeit. Außerdem sollen rare Rohstoffe verstärkt in Europa abgebaut werden.

Schlechte Arbeitsbedingungen und
niedrige Löhne anderswo wirken sich auch
auf die Beschäftigten in Österreich aus.

Lisa Mittendrein, AK-Ökonomin

„Neue Minen sind auf der ganzen Welt unbeliebt“, sagt die Rohstoffexpertin Karin Küblböck dem A&W-Magazin. „Aber Europa ist der einzige Kontinent, auf dem der Bergbau in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist.“ Aufgrund höherer Kosten sowie Umwelt- und Sozialstandards wurde er ausgelagert. Küblböck: „Lange Zeit hielt man das für kein Problem, weil man die Rohstoffe ja günstig von anderen Ländern bekommen konnte.“

Umschwung aus China

Der Umschwung kam mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas seit den 2000er-Jahren, das den Markt für Seltenerdmetalle nun dominiert. „Chinesische Unternehmen begannen außerdem, Rohstoffe auch in Lateinamerika und Afrika abzubauen“, berichtet Küblböck, die in der Österreichischen Forschungsstiftung für internationale Entwicklung (ÖFSE) arbeitet. Auf dieser Basis baute China seine Industrie auf und überschwemmte mit seinen Produkten die Welt.

Die Alarmglocken schrillten spätestens 2025, als China Exportbeschränkungen für Seltenerdmetalle erließ. Es war eine Reaktion auf die von US-Präsident Donald Trump verhängten Einfuhrzölle und Exportverbote für neueste Computerchips. Gleichzeitig traf Chinas Maßnahme aber auch Europa. Im Zentrum von Trumps geopolitischer Begehrlichkeit steht das zum EU-Mitglied Dänemark gehörende Grönland, die arktische Insel von der Größe Westeuropas. Weil durch den Klimawandel die Eisdecke schmilzt, öffnen sich neue Schifffahrtswege, und die Förderung riesiger Rohstoffvorkommen wird bald möglich. Im ersten Anlauf wehrten die Europäer:innen Trumps Forderung ab. Doch die Ruhe ist nur vorübergehend, wie die dänische Regierung befürchtet.

Unter dem Eis Grönlands wird eine Vielzahl an Rohstoffen vermutet, von Öl und Gas über Uran, Platin und Wolfram bis hin zu besonders großen Vorkommen von seltenen Erden wie Neodym und Dysprosium.

Wofür braucht man welche Metalle?

Batterien, E-Autos Lithium, Grafit, Nickel, Kobalt, Mangan, Kupfer, Silizium
Windkraft, Magnete seltene Erden, Bor
Smartphone & Co Silizium, Gallium, Germanium, Kupfer
Rüstung, Luftfahrt Titan, Wolfram, Gallium, Germanium, seltene Erden
Wasserstoffmotor Platinmetalle, Nickel, Kupfer
Photovoltaik Silizium, Kupfer, seltene Erden

Koste es, was es wolle!

„An sich sind diese Erden gar nicht selten“, sondern in vielen Regionen in schwacher Konzentration in der Erdkruste eingelagert, erklärt die Rohstoffexpertin Küblböck. Abbau und Aufbereitung sind aber finanziell aufwendig und umweltbelastend. China nehme die Folgen in Kauf. Die Region Bayan-Obo in der inneren Mongolei, wo ein großer Teil der seltenen Erden gefördert wird, sei stark durch den Bergbau belastet. Umweltorganisationen berichten von riesigen Abraumhalden mit giftigem Material, ungereinigten Abwässern im Ausmaß mehrerer Millionen Liter pro Jahr und schwefelhaltigem Staub, der Lungenkrebs verursacht.

Bei den seltenen Erden sind die EU-Staaten fast zu 100 Prozent von China abhängig. Bei anderen Rohstoffen sieht es ähnlich aus: Bor (für Glas und Keramik, Halbleiter und AKW-Steuerung) kommt zu 90 Prozent aus der Türkei, drei Viertel des Kobalts (für Batterien, Magneten und Katalysatoren) aus der Demokratischen Republik Kongo. Lithium (von dem die Batterie jedes Elektroautos bis zu zehn Kilo braucht) wird vorrangig im Grenzgebiet von Argentinien, Bolivien und Chile gefördert.

Konsequenzen in der EU?

Das alles führte in der EU zum Umdenken, so Küblböck. Vom vollen Vertrauen in den freien Markt schwenkte man zur staatlichen Förderung der industriellen Produktion. Zur Rohstoffsicherung schloss die EU mit Förderländern von Kanada bis Namibia „strategische Partnerschaften“. Die Europäische Investitionsbank stellte Milliardenkredite für Exploration, Abbau und Verarbeitung in Aussicht. Konkret will man bis 2030 von keinem Land außerhalb der EU zu mehr als 65 Prozent abhängig sein. Die EU soll 10 Prozent ihres Rohstoffbedarfs selbst abbauen und 40 Prozent davon in Europa verarbeiten. Und künftig sollen 25 Prozent der wichtigsten Rohstoffe aus dem Recycling kommen.

Der zunehmende geopolitische Einfluss Chinas brachte die EU dazu, wieder auf den Bergbau zu setzen, erklärt Rohstoff-Expertin Karin Küblböck von der ÖFSE.
Der zunehmende geopolitische Einfluss Chinas brachte die EU dazu, wieder auf den Bergbau zu setzen, erklärt Rohstoff-Expertin Karin Küblböck von der ÖFSE. | © Markus Zahradnik

Vor Kurzem zog der Europäische Rechnungshof eine ernüchternde Zwischenbilanz. Die Sicherung der Rohstoffversorgung scheine außer Reichweite zu sein, Engpässe könnten drohen. Die erhoffte Diversifizierung der Importe habe noch nicht zu „greifbaren Ergebnissen“ geführt, das Bergbau-Revival in Europa brauche wegen langer Genehmigungsverfahren noch Jahrzehnte, das Recycling stecke erst in der Anfangsphase. „Daher ist es für die EU entscheidend, sich stärker ins Zeug zu legen“, resümierte die Prüferin Keit Pentus-Rosimannus, Ex-Finanzministerin Estlands.

Verantwortung? Fehlanzeige!

Die Einhaltung von Sozial- und Menschenrechten kommt im Bericht nur indirekt vor. Auf einer Weltkarte mit den wichtigsten Rohstoffpartnern weist die Mehrheit dieser Länder niedrige „Governance-Werte“ auf. Das heißt, dass die Regierenden dort wenig willens oder imstande sind, Gewalt und Terrorismus zu verhindern, Rechtsstaatlichkeit und Mitspracherechte zu garantieren sowie Korruption zu bekämpfen.

Auf A&W-Nachfrage erklärte Pentus-Rosimannus, dass Themen wie gefährliche Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, Gewerkschaftsunterdrückung, Umweltzerstörung und illegale Landnahme zwar „hochrelevant“ seien. Sie seien jedoch nicht Teil des Prüfungsauftrags gewesen.

Besprechung ohne Konsequenzen

Arbeitsrechte würden von der EU mit ihren Partnerländern aber durchaus besprochen. Eine Verordnung für die „Konfliktmineralien“ Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus Hochrisikogebieten verlange zudem von Importeuren, sicherzustellen, dass sie nicht zu Menschenrechtsverletzungen beitragen. Ähnliche Sorgfaltspflichten würden im Lieferkettengesetz verlangt. Für Rohstoffexpertin Küblböck sind diese Verpflichtungen „schwach, weil es keine Sanktionen gibt, wenn man sie nicht einhält“.

Die fehlenden Konsequenzen bemängelt auch Lisa Mittendrein, Globalisierungsökonomin der AK. Dass sich die EU immerhin zur Überprüfung der Lieferketten durchgerungen habe, sei dem „Druck der Gewerkschaften und aus der Zivilgesellschaft“ zu verdanken. Von Wirtschaftsverbänden als „Bürokratiemonster“ verteufelt, hat die EU die neuen Schutzbestimmungen gleich wieder verwässert. So trifft die Verantwortung für die Lieferketten nur noch Großunternehmen ab 5.000 Beschäftigten und 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz. Sie schwächten die Pflichten ab. Küblböck ergänzt: „Schon aus der Risikoperspektive sollte man seine Lieferanten kennen.“ Was sonst schiefgehen kann, zeigte sich kürzlich. Mehrere Anbieter von Babynahrung mussten ihre Produkte aus den Regalen nehmen, weil ein aus China gelieferter Zusatzstoff gefährlich verunreinigt war.

Auswirkungen auf Beschäftigte

In den Handelsabkommen der EU mit verschiedenen Weltregionen spielen Rohstoffe „eine immer wichtigere Rolle“, betont Mittendrein. Es gäbe zwar „schöne Bekenntnisse, dass man die Rohstoffländer dabei unterstützen will, eigene Industrien zu entwickeln“, damit Mineralien nicht nur abgebaut und zur Verarbeitung nach Europa verschifft werden. Tatsächlich sagten die Verträge aber meist anderes. Förderländer wie etwa Chile „dürfen keinerlei Exportbeschränkungen verhängen und nicht darüber bestimmen, was sie selbst verarbeiten wollen“, so Mittendrein.

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© Silke Müller

Anders agiert da China, das sich mit der Finanzierung von Häfen und Eisenbahnen das Wohlwollen rohstoffreicher Länder sichert. So unterstützt China Indonesien dabei, seinen großen Schatz an Nickel und Bauxit selbst aufzubereiten (und dann an chinesische Stahl- und Aluminiumwerke zu liefern). Die EU, die mit Indonesien soeben ein Freihandelsabkommen ausgehandelt hat, muss wohl schlucken, dass es dort für nicht aufbereitetes Nickel und Bauxit Exportverbote gibt. Mittendrein verweist auf Berichte von katastrophalen Bedingungen im Bergbau Indonesiens. Streiks würden blutig niedergeschlagen. Es gäbe in dem riesigen Inselreich 1,8 Millionen Zwangsarbeiter:innen. Diese sollen etwa mit falschen Online-Angeboten für Facharbeiter:innen oder Hausangestellte in Arbeitssklaverei und Zwangsprostitution gedrängt werden.

Moral gegen Regelwerk

Dagegen aufzustehen sei nicht nur ein moralisches Gebot, versichert Mittendrein: „Wir spüren das ganz direkt, weil sich schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne anderswo auch auf die Beschäftigten hier auswirken.“ Etwa durch Druck auf das hiesige Lohnniveau oder Jobverluste, wenn Arbeitsplätze ausgelagert werden. Angesichts der geopolitischen Bedrohungen würden in der EU jetzt aber „die Interessen der Beschäftigten, Umweltthemen und der Klimaschutz auf die Rücksitze geschoben“.

❌ Seit 1949 ist Menschenhandel ein Verbrechen. Dennoch steigt die Zahl der Menschen in Zwangsarbeit. 👇 Wie hoch die illegalen Profite aus moderner Sklaverei sind, erklärt Oliver Röpke, Direktor des @iloactrav.bsky.social​. 👇

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 9. Januar 2026 um 12:00

Als raren Lichtblick sehen die befragten Expertinnen Österreichs Bekenntnis zur künftigen Kreislaufwirtschaft mit viel Reparatur, Recycling und Upcycling (Taschen aus Lkw-Planen, Möbel aus Holzpaletten). Auch die Jobs schaffende Rückkehr des Bergbaus nach Europa sei laut AK-Expertin Mittendrein willkommen. Sofern dabei die höchsten Standards von Arbeits- und Umweltschutz eingehalten werden. Österreich könnte dazu zukunftsweisendes Know-how beisteuern. So entwickelte die Montanuniversität Leoben ein Verfahren, mit dem es erstmals möglich ist, seltene Erden umweltschonend im Untertage-Bergbau zu gewinnen.

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Über den/die Autor:in

Erhard Stackl

Erhard Stackl, Mitbegründer des „profil“ und danach langjähriger „Standard“-Redakteur, ist freier Journalist und Buchautor in Wien. Sein Interesse gilt wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen sowie dem Globalen Süden.

Foto: Brigitte Fuchs

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