Ein Teil der Lösung liegt in der Zuwanderung von Pflegekräften. Doch die Gleichstellung eines ausländischen mit einem österreichischen Studienabschluss, die sogenannte Nostrifizierung, ist komplex und oft langwierig. Was genau dahintersteckt, erklärt Silvia Rosoli, Juristin und Leiterin der Abteilung „Gesundheitsberuferecht und Pflegepolitik“ in der AK Wien.
A&W: Was läuft in Österreich bei Nostrifizierungen, insbesondere in der Pflege falsch?
Silvia Rosoli: Im Rahmen von Nostrifizierungsverfahren von Gesundheitsberufen gibt es oft umfangreiche Auflagen, die Migrant:innen innerhalb von zwei Jahren erfüllen müssen.
Warum ist diese Frist so problematisch?
Diese Frist ist so problematisch weil sie nicht verlängerbar ist. Das entspricht nicht den Lebensrealitäten. Kinderbetreuungspflichten oder die Betreuung pflegender Angehöriger können nicht berücksichtigt werden. Auch der Umstand, dass es oft gar keine Kursangebote in der Nähe gibt und damit die Auflagen faktisch unerfüllbar werden, bleibt vom Gesetzgeber unberücksichtigt.
Viele landen dann trotz abgeschlossener Ausbildung im Herkunftsland hierzulande in einer niedrigeren beruflichen Position. Welche Folgen hat das für die Betroffenen und für das Gesundheitssystem?
Dem Gesundheitssystem fehlt qualifiziertes Personal und damit verschlechtert sich die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Für die betroffenen Personen ist das höchst frustrierend und demotivierend, wenn sie in einer niedrigeren Qualifikation um weniger Geld arbeiten müssen. Von gelungener Integration kann daher nicht gesprochen werden. Auch ist es ökonomisch unklug Menschen nicht entsprechned ihrer Quaifikationen einzusetzen.
Dem Gesundheitssystem fehlt qualifiziertes Personal
und damit verschlechtert sich die
Gesundheitsversorgung der Bevölkerung.
Silvia Rosoli, AK Wien
Im derzeitigen Regierungsprogramm findet man Bestrebungen dazu, Notifizierungen einfacher zu gestalten. Warum gibt es noch immer keine Neuregelung?
Zur Frage warum es diese Regelungen noch nicht gibt, kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich gehe davon aus, das es folgende Gründe hat. Die Rechtslage ist komplex. Es geht um unterschiedliche Rechtsbereiche, die aufeinander abzustimmen wären, wie zB Ausländerbeschäftigungsgesetz, Niederlassungsrecht, Berufsrecht und Hochschulrecht mit unterschiedlichsten Zuständigkeiten. Auch unterschiedliche Interessen, die auf einen Nenner zu bringen wären, machen es nicht einfacher. Patientensicherheit ist zu Recht oft ein Argument für hohe berufsrechtliche Standards.
In Deutschland ist man schon weiter: Seit 2012 gilt ein deutlich schlankeres Anerkennungsverfahren und jetzt diskutiert man, ob Asylwerber:innen bereits nach drei Monaten einen Arbeitsmarktzugang erhalten sollen. Wären solche Schritte auch für Österreich sinnvoll?
Ein rascherer Zugang zum Arbeitsmarkt ist sinnvoll. Es erleichtert die Integration und möglicherweise auch die Akzeptanz der Bevölkerung, weil diese oft nicht versteht warum Asylwerber:innen nicht arbeiten dürfen. Im Gegenteil: viele Menschen glauben Asylwerber:innen drücken sich vor der Arbeit. Das wird ihnen auch vom Boulevard und uninformierten Menschen vorgeworfen. Manche Parteien schlagen aus diesem Umstand politisches Kapital.
Gesundheit – „Alle Betroffenen sollen sich an einem Tisch setzen“, verlangt @renateanderl.bsky.social. „Es ist dringend nötig, dass wir Reformen machen. Wir werden alle älter und brauchen mehr medizinische Versorgung, mehr Pflege. Es ist nötig im Vorfeld Primärversorgungszentren installieren.”
— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 15. Februar 2026 um 11:42
Ein schlankeres Anerkennung- bzw. Nostrifizierungsverfahren ist getrennt vom Arbeitsmarktzugang zu sehen. Dieses Thema wird im Regierungsprogramm adressiert und sollte rasch angegangen werden. Für Gesundheitsberufe gibt es dazu auch eine Einigung mit den Sozialpartnern, wie diese gut gelingen könnte.