Care Drain: Wer pflegt, wenn alle weg sind?

Eine 24-Stunden-Hilfe geht mit einer alten Frau spazieren. Symbolbild: Wenn Pflegekräfte aus anderen europäischen Ländern nach Österreich kommen, entstehen dort Lücken. Das nennt man Care Drain.
Wenn Pflegekräfte aus anderen europäischen Ländern nach Österreich kommen, entstehen dort Lücken. | © Adobestock/amazing studio
Pflegearbeit wird in der EU grenzüberschreitend organisiert: Frauen aus Osteuropa arbeiten in Österreich – und fehlen gleichzeitig in ihren Herkunftsländern.
Ein Sturz auf der Treppe, ein Schlaganfall oder die Diagnose: Demenz. Manchmal reicht ein einziges Ereignis, und aus Eigenständigkeit wird Abhängigkeit. Was gestern noch selbstverständlich war – aufstehen, duschen, einkaufen, die Nacht durchschlafen – geht plötzlich nicht mehr allein. Viele Menschen sind früher oder später auf Pflege angewiesen.

„Das ist kein Randthema, es ist eine Grundfrage gesellschaftlicher Organisation. Menschen müssen betreut und gepflegt werden“, sagt Bettina Haidinger, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt. An der Hochschule Burgenland unterrichtet sie Europäische Wirtschaft. An der Forschung Burgenland, der Forschungs- und Tochtereinrichtung der FH Burgenland, untersucht sie grenzüberschreitend, wie Pflege und Betreuung in einer alternden Gesellschaft nachhaltig organisiert werden können.

Importierte Fürsorge

Für manche beginnt Pflege und Betreuung im Heim, für andere zu Hause. Aber fast immer steht am Anfang dieselbe Frage: Wer hilft jetzt? In Österreich übernehmen diese Aufgaben oft Frauen aus Osteuropa. Während Pflege professionelle, medizinische Dienstleistungen umfasst, gehören zur Betreuung Tätigkeiten rund um das persönliche Wohlbefinden und die Haushaltsführung. „Aber besonders im privaten Bereich verwischen die Grenzen“, sagt Haidinger. Sie unterstützen nicht nur beim Aufstehen, Waschen, Anziehen oder Essen, was zum klassischen Tätigkeitsbereich gehört, sondern geben auch Medikamente, messen den Blutdruck oder versorgen Wunden. Rechtlich sei das eine Grauzone, sagt Haidinger, für Familien bleibe es trotzdem oft die praktikabelste Lösung. Besonders im ländlichen Raum ist die 24-Stunden-Betreuung längst eine tragende Säule der Versorgung.

Das ist kein Randthema,
es ist eine Grundfrage gesellschaftlicher Organisation.
Menschen müssen betreut und gepflegt werden 

Bettina Haidinger, FH Burgenland

Von Land zu Land

Laut Pflegevorsorgebericht waren 2024 rund 60.000 Personen in Österreich als selbstständige Personenbetreuer:innen angemeldet, ein Großteil davon sind Frauen. In einer Online-Umfrage der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) gaben mehr als die Hälfte der befragten Betreuer:innen an, ihren Lebensmittelpunkt in Rumänien zu haben. Etwa ein Viertel lebt in der Slowakei. Viele der Frauen werden von Agenturen nach Österreich vermittelt. „Wir sehen eine Verschiebung von der Slowakei Richtung Rumänien – der Markt folgt dem Einkommensgefälle“, sagt Haidinger. Heißt: Steigen die Löhne in einem Herkunftsland, sinkt der Druck, für die Arbeit nach Österreich zu gehen – die Migration verlagert sich dorthin, wo der Unterschied noch groß genug ist. Betreuungslücken würden mit Personen geschlossen, „die sich in einer noch schlechteren Arbeitsmarktsituation befinden“. Eine sogenannte Care-Kette entsteht.

In der FORBA-Studie sind 97 Prozent der Betreuenden weiblich, die große Mehrheit ist über 45 Jahre alt. 70 Prozent haben Matura oder einen Hochschulabschluss. Gut ausgebildete Personen verrichten in österreichischen Haushalten also oft Tätigkeiten, für die sie überqualifiziert sind. In den Herkunftsländern hinterlassen die Frauen aber nicht nur am Arbeitsmarkt große Lücken. „Was es ganz bestimmt gibt, ist ein Care Drain – nicht nur im professionellen Bereich, sondern auch in der informellen Pflege“, sagt Haidinger.

Wenn Eltern gehen und Kinder zurückbleiben

In Rumänien wird dieser Care Drain besonders sichtbar. Zehntausende arbeiten im Ausland: Laut WHO waren 2021 mehr über 23.000 Pflegekräfte in anderen europäischen Ländern tätig. Zurück bleiben Lücken in rumänischen Krankenhäusern und in Familien. Laut eines FORBA-Berichtes für die Arbeiterkammer Wien springen oft Großeltern bei der Kinderbetreuung ein – bis sie selbst Hilfe brauchen. Viele Kinder verbringen ihre frühen Jahre getrennt von ihren Eltern. Um das zu ändern, versucht Rumänien gemeinsam mit der WHO der Abwanderung gegenzusteuern, etwa mit besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen.

In der Slowakei sieht das Bild anders aus. Zwar arbeiten viele Slowakinnen in Österreich, doch laut einem FORBA-Bericht ist der direkte Care-Drain geringer, da die Wege kürzer sind und viele pendeln. Auch der Anteil derjenigen mit kleinen Kindern ist geringer. Was jedoch bleibt, ist der Mangel im eigenen System. In der Slowakei fehlen Pflegekräfte – nicht nur aufgrund von Abwanderung, sondern auch wegen der schlechten Arbeitsbedingungen und dem Mangel an Arbeitskräften.

Lösungen für Lücken im Pflegesystem

Braucht es also eine länderübergreifende Lösung? „Eine einheitliche europäische Lösung halte ich für unrealistisch – die Systeme sind historisch zu unterschiedlich gewachsen“, sagt Haidinger. Ein Lösungsansatz könnte sein, Pflege-Agenturen stärker in die Verantwortung zu nehmen, und sie als Arbeitgeber mit entsprechenden Pflichten gegenüber den Betreuungspersonen zu versehen. Sinnvoll findet Haidinger es, auf regionaler Ebene zu denken.

#AK warnt vor #Fachkräftelücke❗ In Technik, Handwerk, Kinderbildung & Pflege gehen aktuell mehr Menschen in Pension als nachkommen. Folge: Überlastung, weniger Wachstum & gefährdete Grundversorgung. Eine #WIFO-Studie zeigt: Ohne Gegensteuern fehlen bis 2029 rund 51.000 Fachkräfte mit Lehrabschluss

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— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 27. November 2025 um 09:41

Mit einem aktuellen Forschungsprojekt macht sie genau das und richtet den Blick auf die Grenzregion zwischen Österreich und der Slowakei – Forschungseinrichtungen aus beiden Ländern sind beteiligt. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen möchte sie herausfinden: Wo entstehen Lücken im Pflegesystem? Und was können Regionen voneinander lernen? „Wir wollen den Blickwinkel erweitern und Lösungen für grenzüberschreitende Zusammenarbeit finden“, sagt Haidinger. Für sie ist das ein erster Ansatz, Verantwortung für eine Arbeit zu ordnen, die längst über Grenzen hinweg funktioniert. Am Ende bleibt die Frage vom Anfang: Wer ist da, wenn etwas passiert?

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Über den/die Autor:in

Alexandra Polič

Alexandra Polič ist freie Journalistin in Wien. Sie beschäftigt sich vor allem mit Klima- und Gesellschaftsthemen.

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