Ob es diese Chance gibt, entscheidet sich für manche lange vor dem ersten Bewerbungsgespräch, nämlich im Kinder- und Jugendalter. „Wir sehen diese Ungleichheit schon vor dem ersten Job. Die Pension ist nur der Schlusspunkt einer Entwicklung, die viel früher beginnt“, sagt Sophie Achleitner, Ökonomin am Momentum Institut. Die Ungleichheit beginnt im Alltag. „Mädchen zwischen 10 und 14 bzw. 15 und 19 Jahren übernehmen deutlich mehr unbezahlte Tätigkeiten im Haushalt als Burschen“, sagt Achleitner. Sie betreuen jüngere Geschwister, helfen beim Kochen, räumen auf. Burschen reparieren eher etwas oder gehen mit dem Hund Gassi. Die Daten stammen aus der Zeitverwendungserhebungsstudie 2021/22 der Statistik Austria, das Momentum Institut hat sie ausgewertet.
Wenn Kinder pflegen
Eine Studie im Auftrag des Sozialministeriums aus dem Jahr 2012 schätzte damals die Zahl der sogenannten Young Carers, also der Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis 18 Jahren, die zuhause Angehörige pflegen, auf rund 42.700. Das sind etwa drei bis vier Prozent der Altersgruppe. Die Zahl ist hochgerechnet, basiert auf Selbstauskünften von Schüler:innen und befragt wurden nur 10- bis 14-jährige; die Dunkelziffer könnte höher sein. Seither gibt es keine regelmäßige bundesweite Erhebung.

Die Arbeiterkammer Oberösterreich geht in einer Studie aus dem Jahr 2023 von bis zu 44.000 Jugendlichen und Erwachsenen aus, die in dem Bundesland Angehörige pflegen – allerdings in der Altersgruppe von 16 bis 29 Jahren. Die Zahlen stammen nicht aus Erhebungen, sie ergeben sich aus Umrechnungen aus anderen Ländern. Die frühe Care Arbeit in Österreich bleibt also unsichtbar.
„Die Datenlage ist in Österreich sehr schlecht. Es gibt Schätzungen, dass in jeder Schulklasse ein pflegendes Kind sitzt“, sagt Heidemarie Staflinger, Referentin für Pflege und Gesundheit bei der Arbeiterkammer Oberösterreich. Aber selbst diese Zahl bildet nur einen Teil der Verantwortung ab. „Übersetzen bei Behörden, Bankgeschäfte erledigen, Online-Anträge stellen – das ist statistisch nicht erfasst“, sagt Staflinger.
70 Prozent der Young Carers sind weiblich
Was das konkret bedeutet, zeigt sich anhand von Bildungsentscheidungen. Staflinger kennt viele Beispiele: Jugendliche wählen eine Schule in Wohnortnähe oder einen Job, bei dem sie im Notfall schnell zuhause sind. In der Studie der Arbeiterkammer Oberösterreich schildern viele betroffene Jugendliche, dass „zuerst alles andere“ kommt, bevor sie selbst an der Reihe sind.
Staflinger geht davon aus, dass vor allem Mädchen auch bei der Schulauswahl so entscheiden. „In der häuslichen Pflege von Angehörigen sind es in Österreich durch die Bank Frauen, die diese Arbeit leisten“, sagt sie. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung verfestige sich somit lange, bevor die erste Berufs- oder Bildungsentscheidung ansteht. Das Sozialministerium schätzt, dass rund 70 Prozent der Young Carers weiblich sind. Auch in der Erhebung aus dem Jahr 2012 waren in jedem Alter mehr Mädchen als Buben betroffen.
Weniger Zeit für Bildung
Wer früh Verantwortung trägt, hat weniger Zeit zum Lernen. „Wenn das mit 14 oder 15 beginnt, fehlt der Grundstock“, sagt Staflinger. „Wenn ich vielleicht eine Lehre abbreche, nicht studieren kann, und mich für einen prekären Beruf entscheide, weil mir Qualifikationen fehlen – das schreibt sich ja fort.“
Grundsätzlich gilt: Höhere Bildung erhöht die Chancen auf höheres Einkommen. Aber selbst das schützt Frauen nicht automatisch. „Frauen haben mittlerweile häufiger höhere Bildungsabschlüsse als Männer. Trotzdem schlägt sich das nicht automatisch in höheren Einkommen nieder“, sagt Ökonomin Achleitner vom Momentum Institut.
Zudem würden Frauen überproportional oft in schlechter bezahlten, aber systemrelevanten Berufen arbeiten, zum Beispiel in der Pflege, Betreuung oder im Handel. Die frühe Sozialisation wirke nach.
Was später zählt
Das österreichische Pensionssystem rechnet schlicht: Wer mehr verdient und länger Vollzeit arbeitet, bekommt mehr Pension. „Alles, was mein Einkommen beeinflusst, beeinflusst auch meine Pension“, sagt Achleitner.
Laut Statistik Austria arbeitet rund jede zweite erwerbstätige Frau in Österreich Teilzeit, bei Männern ist es etwa jeder Achte. Lange Teilzeitphasen, Erwerbsunterbrechungen und Arbeit in Niedriglohnbranchen treiben den Gender Pension Gap weiter auseinander. Das zeigen Analysen der Statistik Austria, dem Momentum Institut und der Arbeiterkammer.
Frauen haben mittlerweile häufiger höhere Bildungsabschlüsse
als Männer. Trotzdem schlägt sich das nicht
automatisch in höheren Einkommen nieder.
Sophie Achleitner, Ökonomin am Momentum Institut
„Wenn so ein Einschnitt mit 35 oder 40 passiert, habe ich zumindest schon einen Einkommensgrundstock aufgebaut“, sagt Staflinger von der Arbeiterkammer Oberösterreich. Beginne die Benachteiligung aber im Jugendalter, präge sie die gesamte Erwerbsbiografie.
Was übersehen wird
Die politische Debatte sucht die Ursachen für den Gender Pension Gap meist bei Karenz oder Teilzeit. Was davor passiert, bleibe unsichtbar. „Alles, was nicht im BIP messbar ist, wird nicht beachtet“, sagt Ökonomin Achleitner.
Young Carers werden nicht regelmäßig erfasst. Pflege durch Kinder betrifft Schule, Sozial- und Gesundheitspolitik zugleich – und fällt gerade deshalb zwischen die Zuständigkeiten. „Wenn etwas als Querschnittsthema gilt, fühlt sich am Ende niemand zuständig“, sagt Staflinger.
Für sie stützt sich die Prävention auf drei Säulen: Ganztagsbetreuung, bessere Unterstützung betroffener Familien und eine systematische statistische Erhebung. Würden pflegebedürftige Menschen besser betreut, hätten vor allem Young Carer, die keinen Anspruch auf Pflegeurlaub haben, mehr Zeit, um sich auf die Ausbildung zu konzentrieren.
Frauen sind nicht nur in #MINT Jobs unterrepräsentiert, sondern haben auch beim #Einkommen Nachteile. Auf @wien.orf.at erzählt #AK Expertin @evaburger.bsky.social, dass Österreich zu den EU-Ländern mit dem größten Lohnunterschied gehört und wie die EU-Richtlinie zur #Lohntransparenz helfen könnte.
— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 19. Februar 2026 um 13:51
„Auch bürokratische Hürden erschweren es Betroffenen oft, die richtige Unterstützung zu bekommen“, sagt Staflinger. Helfen könnten Statistiken. „Man könnte im Gesundheits- und Pflegebereich erfassen, ob in pflegenden Familien Kinder oder Jugendliche ohne weiteres Unterstützungssystem leben“, sagt die Expertin. Das würde den Bedarf an Unterstützung sichtbar machen. Nur wer sie bekommt, kann sich besser auf Ausbildung und Jobsuche konzentrieren. Denn solange frühe Care-Arbeit unsichtbar bleibt, beginnt die Pensionslücke nicht im Berufsleben – sondern im Kinderzimmer.