Die Fixierung auf das Äußere und Anonyme verkennt, dass demokratische Öffentlichkeiten in Europa zunehmend von oben unter Druck geraten. Ein großer Teil wirkmächtiger Desinformation entsteht nicht in obskuren Online-Nischen, sondern durch politische Eliten – und durch ihre Wirkung auf privat kontrollierte Kommunikationsinfrastrukturen. Ein Beispiel hierfür ist Elon Musk, der als Eigentümer von „X“ (vormals „Twitter“) wiederholt Verschwörungserzählungen aufgegriffen, Desinformation relativiert und zugleich Regeln zur Moderation von Inhalten auf der eigenen Plattform abgeschwächt hat.
Die Macht von wenigen
Dabei darf nicht übersehen werden: Wenn einzelne Milliardäre über Plattformen mit enormer Reichweite verfügen, ihre demokratiefeindlichen Ideologien offen vertreten und Verschwörungsmythen verbreiten oder relativieren, dann ist dies eine strukturelle Verschiebung politischer Macht.
Diese wird durch generative künstliche Intelligenz nun noch massiv verstärkt – nicht, weil die KI per se „lügt“, sondern weil sie das Erstellen und Verbreiten künstlicher Inhalte automatisiert, also Inhalte erzeugt, die formal plausibel wirken, aber nicht aus überprüfbarer Wirklichkeit, sondern aus statistischen Mustern entstehen.
KI-Systeme werden zunehmend direkt in Plattformen und Suchmaschinen integriert, oft ohne echte Wahlmöglichkeit für Nutzer:innen. Dadurch werden Informationsökosysteme zunehmend „enshittifiziert“ – also systematisch in Qualität, Transparenz und Nutzbarkeit verschlechtert. Qualität und Einordnung treten in den Hintergrund. Von Expert:innen geprüfte Informationen werden nicht widerlegt, sondern von massenhaftem KI-Inhalt überdeckt. So entsteht ein Informationsraum, in dem Orientierung verloren geht. Ein Beispiel dafür sind die oftmals falschen KI-Zusammenfassungen bei Google-Suchen, die weitere Recherche ersetzen, obwohl geprüfte Informationen verfügbar wären.
Medienkompetenz als Lösung gegen Fake News
KI vermittelt dabei nicht neutral, sondern verstärkt bestehende Macht- und Interessenlagen. Derzeit vor allem die Interessen von Akteur:innen mit demokratiefeindlichen Zielen. Wenn diese Plattformregeln lockern, Moderation abbauen und kontrollieren, welche Informationen sichtbar werden, verbreiten sie Desinformation nicht nur, sondern zementieren sie strukturell.
Democracy and human rights are under attack.
The EU must make better use of its tools to defend them, MEPs say.
In Parliament’s annual human rights report, they sounded the alarm on AI use, digital repression & disinformation in the deterioration of human rights.
Read more: link.europa.eu/CY7F9n
— European Parliament (@europarl.europa.eu) 5. Februar 2026 um 19:06
Präventive Ansätze wie mehr Medienkompetenz können helfen, die kritische Urteilskraft von Bürger:innen zu stärken. Entscheidend ist aber, Information wieder als öffentliches Gut zu verstehen, das wir schützen müssen. Das erfordert Eingriffe auf der Ebene digitaler Infrastrukturen, klare Verantwortlichkeiten politischer Eliten und öffentlich finanzierte Alternativen zu privaten Plattformen. Ohne diesen Mut bleibt Medienkompetenz ein notwendiges, aber strukturell überfordertes Korrektiv – und die demokratische Öffentlichkeit bleibt dauerhaft unter Druck.